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Kaiserlinge, Brechmittel, Urinale - und die große Frage "Was ist eigentlich Leben?"

Quelle: Wikipedia

Viele Leute meinen, dass der Fliegenpilz aufgrund seiner jedem Kind bekannten Form und Farbe unverwechselbar sei. Das stimmt aber nicht ganz. Denn es gibt durchaus einen ähnlichen Verwandten, und zwar einen so ausgezeichneten Speisepilz, dass er im alten Rom in erster Linie dem „Kaiser“ (der dort bekanntlich „Cäsar“ genannt wurde) und seinem Gefolge vorbehalten war. Es ist der Kaiserling (Amanita caesarea). Nur ist er in Mitteleuropa und speziell in Deutschland recht selten. Aber man beobachtet zunehmend, dass er sich in Folge der „allgemeinen Klimaerwärmung“ langsam auch in Süddeutschland heimisch zu fühlen beginnt. Sein Hauptverbreitungsgebiet liegt jedoch südlich der Alpen, wo er ausschließlich (ähnlich wie die Trüffel) in Laubwäldern zu finden ist. 

Fungus suillus, wie der Kaiserling und manchmal auch der Steinpilz genannt wurden, war im alten Rom ein hochgeschätzter Speisepilz, den der Gourmet manchmal sogar im rohen Zustand verzehrte. Da man es damals mit der Unterscheidung zwischen „Speisepilze“ und „Giftpilze“ noch nicht so genau nahm wie heutzutage, wurde bei einem angesetzten „Pilzessen“ immer ein Brechmittel vorgehalten, um bei einem eventuellen Unwohlsein eine problemlose Magenentleerung zu ermöglichen. Galenos von Pergamon (oft kurz „Galen“ genannt, 129 – 215 n. Chr.) kannte da als berühmter Arzt eine ganze Anzahl entsprechender Mittelchen. Sie wurden gewöhnlich auch mit der Absicht eingenommen, bei einem sich hinziehenden Fressgelage wieder freien Platz im Magen zu schaffen...

Deshalb waren entsprechende Etablissements auch mit einem speziellen Raum, dem Vomitorium, ausgestattet, wo der dem Lukullus huldigende Römer sein Brechmittel (auch „Vomitorium“ genannt) ungestört einnehmen konnte… Der weniger betuchte Römer musste für diesen Zweck stattdessen explizit die „Latrina“ besuchen. Latrinen waren damals äußerst wichtige Einrichtungen und die dort separat aufgestellten Urinale wurden sogar zeitweise (beispielsweise unter dem Kaiser Vespasian) mit einer speziellen Steuer belegt (Pecunia non olet!). Der Grund dafür war, dass der Kaiser, na was schon, Geld brauchte. Und da war es für dessen Argumentation günstig, dass einige Handwerke, z. B. die Tuchfärber und Ledergerber sowie insbesondere die damaligen Wäschereien auf den sich darin ansammelnden Urin angewiesen waren, denn „Perwoll©“ oder „Ariel©“ kannten die Römer damals noch nicht. 

Was die Stofffärberei betrifft, ist nicht der Urin selbst, sondern das sich daraus bildende Ammoniak das wesentliche Reagenz. Es wird benötigt, um beispielsweise mit Hilfe von Färberwaid (Isatis tinctoria) Stoffe blau zu färben. 

Bei diesem speziellen Färbeverfahren, welches als Indigofärben bekannt ist, wird zuerst das in der Färberwaidpflanze enthaltene Glykosid Indikan fermentiert. Dazu formt man die zuvor zu einem Brei zermahlenen und vergorenen Waid-Pflanzen zu Waidkugeln und lässt sie anschließend in der Luft trocknen. Auf diese Weise entsteht aus dem Indikan durch Gärung das in Wasser unlösliche gelbe Indoxyl. Um es herauszulösen, muss man diese Kugeln nur noch in abgestandener Pisse einweichen (Ammoniak!) und danach mit Pottasche (Kaliumkarbonat) reduzieren. Der nun wasserlösliche Farbstoff lässt sich jetzt problemlos auf Stoffe wie Leinen übertragen, der sich zuerst leuchtend gelb und dann, unter Einwirkung des Luftsauerstoffs, tiefblau färbt – aus Indoxyl ist durch Oxidation Indigo geworden. 

Da indigoblaue Stoffe zu jener Zeit in Rom (und natürlich nicht nur dort) sehr begehrt und deshalb teuer waren, ist verständlich, warum die Latrinenbetreiber, die das von ihnen gesammelte Stoffwechselprodukt weiter veräußerten, vom römischen Staat besteuert wurden. Denn die Gerber, Färber und Wäscher waren damals ziemlich aufgeschmissen, wenn ihnen dieser spezielle „Latrinenrohstoff“ ausgegangen wäre... 

Doch wo kommt eigentlich das Ammoniak her, welches die geklärte Pisse in jener Zeit zu einem Wirtschaftsgut höchster Güte machte? Die Antwort ist „aus dem Harnstoff“ (lat. urea), einem Kohlensäurediamid, welches bekanntlich beim Aminosäureabbau in Lebewesen entsteht und im Gegensatz zu dem für den Organismus äußerst giftigen Ammoniak ungiftig ist. Deshalb war es noch vor hundert Jahren auch für einen Arzt eine gute und oft praktizierte Methode, „Harn“ zu kosten, um zu schauen, ob ein Patient zuckerkrank ist oder nicht. Schmeckte der Harn süßlich, dann ja, schmeckte er nicht, dann nein. Lange Zeit glaubte man, dass Harnstoff ein Stoff ist, der nur in Organismen durch die ihnen innewohnende „Lebenskraft“ hergestellt werden kann. 

Dann schüttete aber eines Tages Friedrich Wöhler (1800-1882) Silbercyanat und Ammoniumchlorid zusammen und erhielt wie durch ein Wunder Harnstoff. Das brachte ihm 1828 den Professorentitel und damit verbunden ein gesichertes Einkommen ein. Heute gilt dieses Jahr 1828 als Geburtsjahr der „Organischen Chemie“. Mit der „vis vitalis“ war es damit vorbei. Also nix mit „Lebenskraft“.

Die Biologen mussten sich also etwas Neues einfallen lassen, um das Phänomen „Leben“ erklären zu können. Und das ist bekanntlich gar nicht so einfach. So wurden auf der zweiten Astrobiologie-Konferenz der NASA, die im Jahre 2002 stattfand, über 100 Merkmale von Lebewesen zusammengetragen, die man so in der unbelebten Natur nicht findet. Die Frage ist, welche von diesen Merkmalen mindestens zusammenkommen müssen, um mit ihrer Hilfe eine Entität überhaupt als „Leben“ erkennen zu können. Denn eine Definition des „Lebens“ muss einen Wasserfloh, eine Katze wie meinen Kater Humpel, einen Schimmelpilz, eine Pusteblume und natürlich auch einen Menschen mit einschließen. Wesentlich ist aber, dass sie primär für ein „minimalistisches“ Lebewesen, einen primitiven Mikroorganismus, zutreffen muss. Und diese Definition soll ja schließlich auch noch jedes denkbare „Leben“, nicht nur das Irdische, umfassen. Und da wird es erfahrungsgemäß schwierig. 

Denn selbst die primitivste irdische Lebensform, die den Namen Nanoarchaeum equitans („reitender Urzwerg“) trägt, ist bereits ein Geschöpf, welches viel komplexer ist als das erste lebende „Etwas“, welches am Ende der chemischen Evolution (Abiogenese) auf der Erde erschienen ist. Und es wird sicher auch nicht so gewesen sein, dass es „piep“ gemacht hat, und dann war aus etwas „Anorganischem“ etwas „Lebendiges“ geworden. Der Übergang muss vielmehr ein Prozess aus vielen einzelnen, nacheinander folgenden Stufen gewesen sein und es ist nicht einmal undenkbar, dass das „Leben“ auf der Erde mehrfach parallel entstanden ist, aber nur eine Lebensform, und zwar die, „die wir kennen“, überlebte und sich zu dem entwickeln konnte, was unseren Planeten vor allen anderen Planeten lebenswert macht. 

Ein derartig mehrstufiger Prozess macht es schwierig, eine allgemeingültige Definition von Leben zu versuchen, weil man genau und begründet darlegen muss, ab welcher Stufe der Organisationsgrad eines lebenden Organismus erreicht ist – und das kann selbst die heutige Wissenschaft nicht leisten. Man erkennt das, wenn man z. B. versucht, eindeutige Kriterien für „minimalistisches Leben“ zu formulieren, etwa in der Form Merkmal A = selbsterhaltend, Merkmal B = Energiestoffwechsel, Merkmal C = Kompartimentierung durch eine halbdurchlässige Membran, Merkmal D = Fähigkeit, Komponenten (des Organismus) selbst zu erzeugen etc. pp. (wobei schon diese Merkmale betreffend keine Einigkeit unter den mit diesem Problem beschäftigten Wissenschaftlern besteht – und noch viel weniger, was deren Wichtung betrifft). Wenn dann A+B+C+D „minimalistisches Leben“ definiert, dann muss A+B+C noch „kein Leben“ und A+B+C+D+E bereits „nicht mehr minimalistisches Leben“ sein. Dabei kommt noch erschwerend hinzu, dass die Merkmale in der Merkmalsumme natürlich über alle zur Entscheidung dienenden Merkmale permutieren können… Es ist daher vernünftig, pragmatisch an das Problem heranzugehen. Das führt zwar dazu, dass weiterhin – so wie heute – eine Vielzahl von „Definitionen“ nebeneinander bestehen wird. Aber man kann sich dadurch auf verschiedene Weise wissenschaftlich-methodisch diesem erstaunlichen Phänomen nähern, chemisch, biologisch, systemtheoretisch, philosophisch und sogar physikalisch, wie es beispielsweise der berühmte Quantentheoretiker Erwin Schrödinger (1887-1961) einmal versucht hat. 

Viele „Definitionen“ von „Leben“ heben insbesondere die Notwendigkeit der Existenz molekularer Informationsspeicher hervor, die explizit den Bauplan eines lebenden Organismus enthalten und die über sehr lange Zeiträume in der Lage sind, die darin gespeicherten Informationen stabil, d. h. quasi von Generation zu Generation, weiterzugeben. Am Extremsten hat das wohl Richard Dawkins ausgedrückt, in dem er betonte, dass ein Lebewesen im Prinzip nur ein Vehikel ist, um seine Erbinformationen in Form der DNA über die Zeiten zu retten. Oder salopp ausgedrückt, „das Huhn ist die Methode, welche die Natur ersonnen hat, um aus einem Ei wieder ein Ei zu machen…“ Andere Definitionen heben wieder die mit dem eben Genannten zusammenhängenden Reproduktionsfähigkeiten lebender Entitäten besonders hervor. 

Und da wird es kompliziert: Der Esel ist danach ein Lebewesen, das Maultier dagegen nicht. Diese diskussionswürdige Erkenntnis ist Inhalt des „Mule paradox“, welches die Biologen eine Zeitlang beschäftigt hat. Maultiere sind nämlich – wie allgemein bekannt – grundsätzlich unfruchtbar. Aber wer würde es schon wagen, einem solchen sympathischen und genügsamen Tier das Attribut „Leben“ abzusprechen? Damit kommt man zu einem allgemeinen Problem beim Versuch, das Phänomen „Leben“ in eine allgemeingültige Definition zu pressen. Will man nämlich über das Niveau von Tautologien der Art „Leben ist ein Attribut lebender Systeme“ hinauskommen, muss man wiederum Begriffe verwenden, die ähnlich schwer zu definieren sind wie z. B. Komplexität, Information und Ordnung mit ihrem jeweils eigenen spezifischen Kontext. Summa summarum bleibt am Ende nichts weiter als die Feststellung, dass auch gegenwärtig noch alle Versuche, „Leben“ zu definieren, im hohen Maße umstritten sind. Es ist noch nicht einmal klar, ob es so etwas wie eine eindeutige Definition überhaupt gibt, die alle Aspekte lebender Materie adäquat zu erfassen und abzubilden vermag. 

Aber vielleicht ist es ähnlich wie mit dem Versuch, ein für alle Mal definieren zu wollen, was beispielsweise „Musik“ ist? Zumindest für den Autor gilt hier die zwar subjektive, aber ansonsten pragmatische Antwort – „ich weiß es in dem Moment, wenn ich sie höre…“ Dabei ist genaugenommen die Frage, wann „Geräusche“ in Musik und „Musik“ in Geräusche umschlagen, ähnlich schwer zu beantworten, wie die Frage des Übergangs zwischen unbelebter und belebter Natur am Ende der chemischen Evolution vor ca. 3,8 Milliarden Jahren. Diese Frage ist vielleicht sogar noch schwieriger, da die Einschätzung, wann Geräusche „Musik“ sind, nur subjektiv möglich ist, während sich die zweite Frage zumindest theoretisch objektiv beantworten lässt. Ich kann mir jedenfalls vorstellen, dass manche moderne Orchesterwerke einem Menschen wie Johann Sebastian Bach (1685-1750) wie üble Geräusche vorgekommen wären. Aber daran erkennt man auch, dass Musik „Zeitgeist“ ist, also nach Johann Gottfried Herder (1744-1803) die Mentalität einer Epoche widerspiegelt. Wenn man die Welt verstehen will, kommt man deshalb nicht umhin, sie historisch zu analysieren.

Schöne neue Welt und “Big Brother is watching you“


Drei herausragende Werke einer fiktiven Gesellschaftskritik waren insbesondere in total organisierten Staaten (Diktaturen) gefürchtet, weshalb sie dort auch meist nicht zugänglich waren. Das ist einmal „Brave new World“ („Schöne neue Welt“) von Aldous Huxley (1894-1963) von 1932, der darin eine düstere Fiktion eines totalitären Staates entwickelt, welcher zwar weitgehend gewaltlos daherkommt („Weltregierung“), aber stattdessen durch „Menschenzüchtung“ und ideologische Indoktrination seine Machtbasis festigt. Auf der Liste der 100 wichtigsten Bücher des 20. Jahrhunderts der Pariser Tageszeitung "Le Monde" findet sich dieser Roman auf Platz 21, sofort gefolgt von „1984“ von George Orwell (1903-1950). Er erschien im Sommer 1949 im Londoner Verlagshaus „Secker & Warburg“ und sollte Orwells letztes Werk sein, denn er starb bereits ein Jahr später an Tuberkulose. Den großen Erfolg, den er mit dieser düsteren Schilderung einer totalitären Gesellschaft ("Big Brother is watching you") landete, hat er leider nicht mehr erlebt. Die düstere Vision "Ozeaniens", wo "Big Brother" herrscht, ein "Neusprech" („War is peace; Freedom is slavery; Ignorance is strength.“) die Gedanken vernebelt und die Menschen bis in ihre innersten Gedankengänge und Gefühle manipuliert, wurde besonders in den kommunistischen Regimes gefürchtet, da sich hier offensichtlich leicht erkennbare Parallelen auftaten. Wer, wenn nicht Josef Stalin selbst, sollte sich auch hinter dem „dicken schwarzen Schnauzbart“ verbergen, den „Big Brother“ trägt? Und der kleine Mann, mit den wirren weißen Haaren und dem Ziegenbärtchen, der sich im Roman Emmanuel Goldstein nennt – waren das nicht die Züge Leo Trotzkis, dem späteren Erzfeind Stalins? 

Bereits 1950 erschien die erste deutsche Übersetzung von „1984“, welches zuvor in den Vereinigten Staaten und dem Vereinigten Königreich viel Aufmerksamkeit – auch politisch gewollt – erregt hat. So ist es nicht verwunderlich, dass der Roman in der DDR verboten und nicht mal in den „Giftschränken“ der Universitätsbibliotheken zu finden war. 1978 gab es sogar die ersten Verurteilungen im Zusammenhang mit diesem Buch: Mehrjähriger Knast war demjenigen sicher, der erwischt wurde, dieses Buch gelesen und an andere verborgt zu haben. Dieser Umstand „adelte“ den Roman dahingehend, dass er quasi zur Pflichtlektüre von Dissidenten in der DDR wurde. Ich selbst habe ihn als Student Mitte der 1980er Jahre in Form einer schlechten Fotokopie einer bundesdeutschen Taschenbuchausgabe gelesen, ohne aber recht die „Gefährlichkeit“ der darin dargestellten Gedanken nachvollziehen zu können, die immerhin mehrere Jahre Gefängnisaufenthalt rechtfertigen sollten. 

Nach dem Fall der Mauer deutete sich mit der rasanten Entwicklung der modernen Informationstechnologien und ihrer Anwendungen eine Änderung in der Interpretation des Werkes in Form einer „negativen Utopie“ an. Heute wird mit „Orwell“ oder „1984“ in der Regel sofort die Utopie eines totalen Überwachungsstaates assoziiert, wie er mittlerweile technisch möglich geworden ist. NSA-Skandal und Vorratsdatenspeicherung (natürlich nur für hehre Ziele!) sind nur zwei Stichpunkte in diesem Zusammenhang. Bei alledem sollte man aber nicht verkennen, Orwells Roman ist keine Prophetie, sondern eine Warnung. /*/

Das dritte Buch, welches ich hier in Erinnerung rufen möchte, stammt auch von George Orwell: „Farm der Tiere“ (1945). Es war in den Ostblockstaaten unter den Herrschenden besonders verhasst, weil in der erzählten Parabel die Machtstrukturen der „Diktatur der Arbeiterklasse“ besonders klar zu erkennen waren. Das Gebot „Alle Tiere sind gleich – aber manche sind gleicher“ (original „All animals are equal, but some are more equal than others.“) ist mittlerweile zu einem geflügelten Wort geworden um auf zynische Weise auszudrücken, dass das revolutionäre Prinzip der „Gleichheit“ (Égalité) in keiner hierarchisch organisierten Form des Zusammenlebens der Menschen zu verwirklichen ist. 
Das Prinzip der „Gleichheit“ ist ein wichtiges Prinzip der Staatstheorie und von Thomas Hobbes (1588-1678) als Ausgangspunkt seiner Überlegungen zu einem Gesellschaftsvertrag gemacht worden. In dem er einen Naturzustand des Menschen postuliert, in dem jeder Mensch zwar als gleichwertig und frei gilt, unter dem aber Anarchie und Gesetzlosigkeit herrschen und in dem jeder Mensch dem Menschen ein Wolf ist, leitet er dessen Naturrecht ab, seine egozentrische Natur gegen jeden anderen Mitmenschen, auch gegen deren Widerstand, mit Gewalt durchzusetzen, was wiederum als Ausdruck seiner individuellen Freiheit gilt. Um diesen Naturzustand zu verlassen, muss er, nach Hobbes, aus reinen Selbsterhaltungsgründen unter Aufgabe seines Selbstbestimmungsrechtes letztendlich einen Unterwerfungsvertrag gegenüber einem Souverän abschließen, dessen absolute Macht ein friedliches Zusammenleben seiner „Untertanen“ untereinander ermöglicht. Auf diese Weise entsteht, wie er in seiner staatstheoretischen Schrift „Leviathan“ von 1651 ausführlich beschreibt, ein Abhängigkeitsverhältnis in Form eines Gesellschaftsvertrages, der die Möglichkeit bietet, über kodifizierte Rechte und Gesetze einen Ausgleich zu schaffen, der letztlich in der Institution des Staates aufgeht. Dessen Aufgabe besteht darin, ein Übergewicht gegen die anarchischen Leidenschaften zu schaffen, in dem er auf vereinbarte Art und Weise die natürlichen Freiheitsrechte des Individuums einschränkt und Verstöße gegen Gesetz und Ordnung ahndet: 

„Ich übergebe mein Recht, mich selbst zu beherrschen, diesem Menschen oder dieser Gesellschaft unter der Bedingung, dass du ebenfalls dein Recht über dich ihm oder ihr abtrittst.“ 

Der Souverän ist hier der Rechtsgarant und Gewaltmonopolist. Er garantiert, soweit er rational und vernünftig handelt, Lebens- und (in Hinsicht auf das Naturrecht eingeschränkte) Freiheitsrechte seiner Untertanen und ist in der Lage „alle Bürger zum Frieden und zu gegenseitiger Hilfe gegen auswärtige Feinde zu zwingen.“ Seit Hobbes wird Gleichheit in erster Linie, aber nicht nur, als „Gleichheit vor dem Gesetz“ verstanden und ist so – seit 1775 (Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika) – zum Bestandteil vieler Verfassungen geworden.

/*/ man denke nur an den unfähigsten Justizminister aller Zeiten (UJAZ) und sein "Netzwerkdurchsetzungsgesetz"...

Wer kennt noch Denis Diderot?




Denis Diderot (1713-1784) gilt – und das zu Recht – als der große Enzyklopädist und damit als einer der wichtigsten Wegbereiter der Französischen Aufklärung des 18. Jahrhunderts. Er schaffte es als großer Organisator und Herausgeber, fast alle Geistesgrößen jener Zeit für ein Projekt zu begeistern, einer Wissenssammlung, eines „Kreises von Kenntnissen“ (enkyklios paideia), in dem nach Wörtern oder kurzen Phrasen geordnet, deren Bedeutung erklärt, beschrieben und in einen größeren Zusammenhang eingeordnet werden. Über seinen ersten Lebensabschnitt, etwa bis 1745, ist nur wenig bekannt. In diesem Jahr 1745 veröffentlichte er, noch anonym, seine „Philosophischen Gedanken“, die ihn bereits als einen Mann auszeichnen, dessen Gesicht das Jahrhundert entscheidend mitbestimmen und zum „siècle des lumières“, zum „Zeitalter des Lichts“ machen soll.

Die Idee einer allumfassenden Enzyklopädie kam nicht aus dem Nichts, sondern wurde anhand eines Vorbilds geboren. Im Jahre 1728 erschien in London ein zweibändiges Werk mit dem Titel „Cyclopaidia or Universal Dictionary of Arts and Sciences“ von einem gewissen Ephraim Chambers (1680-1740) als Autor. Als Übersetzer in das Französische wurde vom Pariser Verlag Le Breton der junge Denis Diderot gewonnen, der ein regelmäßiges Einkommen brauchte, aber ansonsten nicht sonderlich hohe Ansprüche an seine Bezahlung stellte. Irgendwann zu jener Zeit kam die Idee auf, es nicht bei der Übersetzung zu belassen, sondern ein eigenes und bedeutend umfangreicheres Werk zu verfassen. 1747 konnte dafür d’Alembert (1717-1783), ein damals schon bedeutender Mathematiker und Philosoph sowie Mitglied der Französischen Akademie der Wissenschaften, gewonnen werden. Durch seine Hilfen konnten weitere Autoren für das Projekt begeistert werden, darunter solche schillernde Persönlichkeiten wie Charles-Louis de Montesquieu (1689-1755), Bernard le Bovier de Fontenelle (1657-1757) und, nicht zu vergessen, Voltaire. 1749 schien das Projekt zu platzen, als Diderot verhaftet und in der Festung Vincennes eingesperrt wurde – u. a. wegen seiner „Philosophischen Gedanken“, die den Behörden ein Dorn im Auge waren. Erst nach einhundertzwei Tage Haft konnte er nach einem Schuldbekenntnis und der Intervention seiner Verleger, die ihr vorgeschossenes Geld schon verloren sahen, aus der Haft befreit werden. 

1750 erschien Diderot’s „Prospekt der Enzyklopädie“, in der er Sinn, Zweck und Aufbau des geplanten Werkes bekannt gab und das in erster Linie der Gewinnung von Subskribenten diente. Am 1. Juli 1751 konnte dann endlich der erste Band erscheinen, was wütende Angriffe des Klerus (insbesondere der Jesuiten) zur Folge hatte und der Enzyklopädie noch mehr Aufmerksamkeit zuteilwerden ließ. 1752 war dann das Jahr der Zensoren, die kein gutes Blatt an den aufklärerischen Artikeln der Enzyklopädie ließen und schließlich deren Verbot auf königlichen Befehl erwirkten. Das Verbot sollte der damalige königliche Direktor des Verlagswesen mit Namen Chrétien-Guillaume de Lamoignon de Malesherbes (1721-1794) durchsetzen, der aber Diderot warnte. Diderot übergab danach heimlich das Manuskript an de Malesherbes und ging für einige Zeit in die Illegalität. Offiziell beauftragte Malesherbes unterdessen die Polizei, das Manuskript bei Le Breton zu beschlagnahmen, was, wie könnte es auch anders sein, natürlich misslang. 

Die Enzyklopädie hatte mittlerweile auch viele Freunde in Regierungskreisen gewonnen. Insbesondere Madame de Pompadour (1721-1764), die gebildete Mätresse Ludwig XV., nutzte ihren Einfluss, um bereits drei Monate nach dem Verbot dessen Aufhebung durchzusetzen, was ihre manche Kreise bei Hofe übelgenommen haben sollen. Nein, die französische Regierung trat sogar ganz offiziell an d’Alembert heran und befahl ihm und Diderot, die Enzyklopädie fortzusetzen. So konnte endlich im November 1753 deren dritter Band erscheinen. Mit dem 7. Band, der im November 1757 erschien, erreichte man den Buchstaben „G“. Das war just das Jahr, als Robert-François Damiens (1715-1757), von Beruf „erfolgloser Attentäter“, sein fehlgeschlagenes Attentat auf Ludwig XV. ausführte und damit dem berühmten Henker von Reims, Nicolas-Charles-Gabriel Sanson (1721-1795) und dessen Neffen Charles Henry Sanson (1739-1806) zu einem öffentlichkeitswirksamen Auftritt verhalf. Die Hinrichtung war besonders grausam (Vierteilung), denn es handelte sich immerhin um versuchten Königsmord. Näheres dazu kann in den „Tagebüchern der Henker von Paris“, Band 1, nachgelesen werden (z. B. in Google Books), in welchen dem Attentat auf Ludwig XV. ein ganzes Kapitel gewidmet ist. Im Zusammenhang mit diesem Attentatsversuch wurden in Frankreich die Gesetze verschärft, die das Schreiben und Drucken von Büchern und Journalen regelten. Klerikale Kreise nutzten das für eine rechtliche Handhabe gegen die „Enzyklopädisten“, denen sie indirekt die Anstiftung Damiens zu seiner Tat zuzuschieben versuchten. Und sie hatten erst einmal Erfolg. Zuerst musste d’Alembert sein Amt als Mitherausgeber aufgeben, dann wurde im März 1759 die königliche Lizenz für die „Enzyklopädie“ zurückgezogen. Das Projekt schien am Ende zu sein. Aber die Autoren arbeiteten illegal unter wohlwollender Duldung Malesherbes weiter, so dass sie 1765 das vollständige, nun siebzehnbändige Textwerk an ihre Subskribenten ausliefern konnten. 1772 waren dann auch noch die elf Bildbände fertiggestellt. 

In der Hochzeit der Auslieferung musste der Verlag über 200 Personen, d. h. Papierhersteller, Drucker, Buchbinder und Kupferstecher, beschäftigen. Eine Gesamtausgabe des Werkes kostete 1772 rund 900 Livre, was ungefähr das 1,5fache des Jahresverdienst eines an sich schon gut bezahlten Lyoner Seidenarbeiters entsprach. Kommerziell war die Enzyklopädie, an deren Texten sich ungefähr 160 Personen beteiligten, für den Verlag ein voller Erfolg. Dieses Werk und seine vielen Nachfolger waren für Generationen „die“ Quelle des Wissens, in dem man nachschlagen, aber auch schmökern konnte. Auch heute lohnt es sich noch, darin den einen oder anderen Artikel zu lesen, um zu sehen, was die Menschen im 18. Jahrhundert so wussten und dachten. Hier ein Beispiel – der Begriff „Verrücktheit“, wie er im siebenten Band abgehandelt wird: 

„Weicht man unwissentlich von der Vernunft ab, weil man ideenlos ist, so ist man dumm; weicht man wissentlich, wenn auch mit Bedauern von der Vernunft ab, weil man Sklave einer heftigen Leidenschaft ist, so ist man schwach; Weicht man aber getrost von ihr ab, nämlich in der Überzeugung, dass man ihr folgt, so ist man, wie mir scheint, verrückt. Das sind zumindest jene Unglücklichen, die man einsperrt und die sich von den anderen Menschen vielleicht nur dadurch unterscheiden, dass ihre Verrücktheiten von seltenster Art sind und nicht in die Ordnung der Gesellschaft passen… (d’Aumont)“. 

Oder hier noch ein Begriff aus der Kategorie „Küche“, wie er im vierzehnten Band abgehandelt wird – Sauerkraut: 

„Dieses Wort verstümmeln die Franzosen zu „choucroute“. Es ist ein in Deutschland überall beliebtes Gericht; Sauerkohl liegt ihm zugrunde; daher sein deutscher Name. Sauer bedeutet Säure, Kraut bedeutet Kohl. Wenn man Sauerkraut machen will, so schneidet man zunächst Weißkohl in sehr dünne Scheiben; die Deutschen haben für diesen Zweck ein Brett, das einem Hobel ähnelt und mit einem scharfen Messer versehen ist. Reibt man den Kohl an dieser Art Hobel, so wird er in dünne Scheiben geschnitten, die unter dem Hobel von einem Trog aufgefangen werden. Wenn man eine ausreichende Menge angehäuft hat, bringt man den auf diese Weise kleingeschnittenen Kohl in Fässer, Schicht für Schicht, die man jeweils mit Salz und einigen Wacholderbeeren bestreut; sobald das Fass voll ist, bedeckt man es mit einem Brett und legt ein Gewicht darauf, damit der zerschnittene Kohl zusammengepresst wird. Man bringt das Ganze in einen Keller und lässt es einige Wochen lang gären. Wenn man den Kohl essen will, wäscht man ihn und lässt ihn mit Pökelfleisch, Würsten, Rebhuhn und – je nach Wunsch – auch mit anderem Fleisch kochen. Dieses Ragout wird von den Deutschen sehr geschätzt; es wird auf der Tafel der Reichsten ebenso serviert wie auf dem Tisch der Ärmsten. Die Fremden gewinnen an ihm kaum Geschmack; doch scheint dieses Ragout für Seeleute auf weiten Reisen recht nützlich zu sein …“. 

Enzyklopädien in gedruckter Form waren bis vor kurzem wichtige Wissenssammlungen und Nachschlagewerke, die in irgendeiner Form, ob als wuchtiger „Brockhaus“ oder als kleines Taschenlexikon, in keinem Haushalt des Bildungsbürgertums fehlen durfte. 

Über Epigenetik und eine große Bienen- und eine kleine, aber berühmte französische Königin mit Namen "Mathilde von Flandern" (und was das "Singende klingende Bäumchen" damit zu tun hat...)


Interessanterweise gibt es rund 40 Jahre nach Trofim Denissowitsch Lyssenkos Tod doch Hinweise darauf, dass bestimmte erworbene Eigenschaften (z. B. Krankheitsbilder) unter gewissen Umständen an die Nachkommen weitergegeben werden, obwohl das nach den Gesetzen der Genetik nicht möglich sein sollte. Die Funktionsweise dieser sogenannten epigenetischen Prozesse ist dabei durchaus an die Gene und deren Vererbungsmechanismen gebunden, aber nicht an die eigentliche genetische Information, die im DNA-Molekül hinterlegt ist. Ausschlaggebend sind hier spezielle epigenetische Faktoren, welche in der Lage sind, die Aktivität von Genen zu regulieren, indem sie diese oder Gruppen von ihnen in Bezug auf die Genexpression in der Zelle ein- oder ausschließen. Sie sind selbst nicht in der DNA lokalisiert, sondern in bestimmten Proteinen in den Chromosomen, genauer den Histonen. Diese Histone stellen quasi die „Spulen“ dar, um die sich ein DNA-Molekül bei Eukaryonten im kondensierten Zustand windet. Werden diese „Spulen“ chemisch verändert, hat das entsprechende Auswirkungen auf die Genexpression. Gerät ein Lebewesen z. B. unter Stress, d. h. durch veränderte Umweltbedingungen, Nahrungsmangel oder der Einwirkung von Giftstoffen, dann können bestimmte Histone dauerhaft chemisch markiert werden und auf diese Weise Einfluss auf das Verhalten von Körperzellen nehmen, in dem sie gewisse Gene permanent ein- oder ausschalten. Es scheint so - und entsprechende Experimente belegen es mittlerweile - dass derartige epigenetische Marker durchaus an die Nachkommen weitergegeben werden können. Es gibt sogar begründete Vermutungen darüber, dass bestimmte Krankheiten wie Diabetes oder Fettleibigkeit zu einem gewissen Teil epigenetisch bedingt sind. Deshalb ist die Erforschung der entsprechenden Mechanismen auch von großer gesundheitspolitischer Bedeutung. Für die Erb- und Evolutionsbiologie ist die Epigenetik ein neuer Ansatzpunkt zur Erklärung erbbiologischer Auffälligkeiten. 

Nehmen wir z. B. die Honigbiene, um mal ein Beispiel aus der Tierwelt zu bemühen. Bekanntlich sieht dieses Insekt im frühen Larvenstadium immer gleich aus. Diejenigen Larven, die von den Ammenbienen mit einem Gemisch aus Honig und Pollen gefüttert werden, entwickeln sich zu sterilen Arbeitsbienen. Die Larve hingegen, die mit Gelée royale (Weiselfuttersaft) gefüttert wird, ändert ihre Gestalt und entwickelt sich zu einer eierlegenden Bienenkönigin. Dabei sind die Gene der Arbeitsbienen und der Bienenkönigin völlig identisch. Es scheint so, dass die Nahrung - hier die Honig-Pollen-Mischung - zur expliziten Abschaltung bestimmter Entwicklungsgene führt. Der chemische Mechanismus, der insbesondere auf die Histone wirkt, nennt man Methylierung. Darunter versteht man das „Anhängen“ bzw. „Entfernen“ von Methylgruppen an bestimmten Histon-Proteine mit dem Effekt, dass sich damit die Genexpression steuern lässt. Und das Bemerkenswerte dabei ist, dass sich mit speziellen Pharmaka gezielt Einfluss auf diesen Vorgang nehmen lässt, was neue therapeutische Ansätze bei gewissen Krankheiten verspricht. Erste Erfolge gibt es beispielsweise bei der Erkennung von Krebszellen, bei denen die Gene abgeschaltet sind, welche das krankhafte Zellwachstum normalerweise verhindern. Weiterhin sind, wie man erst seit wenigen Jahren weiß, epigenetische Fehlsteuerungen für die Entstehung bestimmter immunologischer und neuronaler Erkrankungen sowie diverser Wachstumsstörungen von Bedeutung. Darunter fallen beispielsweise auch seltene Erkrankungen wie das Silver-Russel-Syndrom (eine spezielle Form der Kleinwüchsigkeit), die man unter dem Begriff Genomic Imprinting (genomische Prägung) zusammenfasst. 

Kleinwüchsige Menschen (d. h. Menschen, die im Erwachsenenalter unter 1,5 Meter Körperlänge bleiben und keine Pygmäen sind) hat es schon immer gegeben. In der Bundesrepublik sind nach Angaben des „Bundesverbandes Kleinwüchsige Menschen und ihre Familien“ ca. 100.000 Personen davon betroffen. Heute stehen ihnen fast alle Berufe offen (eine Ausnahme sind beispielsweise Profi-Basketballspieler). In der Vergangenheit wurden Kleinwüchsige zumeist toleriert und, wie im alten Ägypten, sogar verehrt. Besonders im Mittelalter und in der frühen Neuzeit galt es bei Hofe als schicklich, den einen oder anderen „Zwerg“ als Spaßmacher anzustellen. Auch waren kleine Menschen als „Spezialisten“ gern gesehen - so z. B. im Bergbau (man denke nur an die „Sieben Zwerge“) oder als Kaminreiniger („Schornsteinfeger“). Der Ire Jonathan Swift (1667-1745) machte „Kleinwüchsige” 1726 sogar zum Thema eines vielbeachteten Romans mit dem etwas sperrigen Titel: „Travels into Several Remote Nations of the World in Four Parts By Lemuel Gulliver, first a Surgeon, and then a Captain of Several Ships” - heute kurz als „Gullivers Reisen“ bekannt. Seitdem werden Kleinwüchsige auch gern als „Liliputaner“ bezeichnet, was manchmal als abwertend empfunden wird, es aber sicherlich nicht ist. 

Interessant ist, dass ab dem 19. Jahrhundert viele Kleinwüchsige Karrieren auf dem Gebiet der Schauspielerei gemacht haben. Nehmen wir z. B. Kenny Baker, den viele von uns aus der Star-Wars-Saga kennen. Oder Tamara De Treaux (1959-1990), die in Steven Spielbergs berühmten Film „E.T.“ („Nach hause telefonieren...“) den „Außerirdischen“ (leider nur als Kern der „Puppe“) mimte, weshalb sie trotz ihrer herausragenden schauspielerischen Leistung leider ziemlich unbekannt blieb. Fast jeder in der DDR geborene kennt dagegen - wenn auch kaum vom Namen her - Richard Krüger (1953-1995). Er spielte u. a. den bösen Zwerg in dem hübschen Märchenfilm „Das singende klingende Bäumchen“ aus dem Jahre 1957. Heute vermutet man, dass Richard Krüger nur der Künstlername des Artisten Hermann Emmrich war, der in Prenzlau lebte. Interessanterweise gibt es darüber immer noch eine Kontroverse unter den Cineasten, die sich m. W. bis heute nicht abschließend klären ließ. Aber es stimmt durchaus. Kleinwüchsige arbeiten gern im Zirkus - wenigstens als Clown, aber oft als begnadete Zirkusartisten. Die Ungarin Susanna Bokoyni (sie wurde im Jahre 1879 geboren, war gerade einmal einen Meter groß und wurde 105 Jahre alt) trat z. B. europaweit und zuletzt auch in den Vereinigten Staaten als „Prinzessin Susanna“ auf und begeisterte ihr Publikum. Berühmt wurde auch der schwarze Entertainer Thomas Dilward (1840-1902), der als „Japanese Tommy“ in Varietéshows auftrat. Und auch die berühmten Worte über Isaak Newton: Nature and nature's laws lay hid in night - God said "Let Newton be!" and all was light. („Natur und der Natur Gesetze lagen in dunkler Nacht - Gott sprach: Newton sei! Und sie strahlten voller Pracht“ – in Deutsch gereimt.) stammen von einem heute noch bekannten kleinwüchsigen Dichter (1,37 Meter) - nämlich Alexander Pope (1688-1744). 

Unter den gekrönten Häuptern der Weltgeschichte findet man dagegen so gut wie keine Kleinwüchsige. Der Grund dafür dürfte dabei eher in ihrer Seltenheit liegen, denn in Dynastien, die sich durch Erbfolge erhalten, dürfte die Körpergröße kein maßgeblicher Parameter gewesen sein. So mag es zwar überraschen, dass die Gemahlin König Wilhelm I. (um 1027-1087) und spätere Königin von England, Mathilde von Flandern (um 1030-1083), nur 1,27 Meter groß war, während ihr Ehemann eine außergewöhnlich stattliche Gestalt gehabt haben soll. Man kennt ihre Körpergröße nur deshalb so genau, weil man 1961 ihr Grab in der Abtei des Klosters Sainte Trinité in Caen geöffnet und ihre Gebeine vermessen hat. Zu Lebzeiten wurde ihre Kleinwüchsigkeit, jedenfalls was die schriftlichen Überlieferungen betrifft, nie thematisiert. Warum sollte auch eine große Königin nicht mal klein sein dürfen. Leider wissen die Historiker nur erstaunlich wenig über die Französin, die am 11. Mai des Jahres 1068 als Mathilde I. (wahrscheinlich in Winchester, der ersten Hauptstadt Englands) zur Königin von England gekrönt wurde.

Das "Genie der Karpaten", Vlad Basarab und die Untoten...


Nur einer der kommunistischen „Führer“, der sich selbst „Genie der Karpaten“ nannte, aber ansonsten nur ein kleiner farbloser Beamter war, überlebte die friedlichen Revolutionen am Ende der 1980er Jahre nicht – der „Große Conducator“ Rumäniens - Nicolae Ceausescu (1918 bis 1989). Kurz zuvor wurde er von seinen Höflingen noch als „Titan der Titanen“, als „süßester Kuss der Heimaterde“, als „glorreiche Eiche aus Scornicesti“ und als „Licht, dass selbst die Sonne blendet“ umschleimt. Am Ende stand er mit seiner Frau Elena, der „liebenden Mutter der Nation“ und „Größten Wissenschaftlerin Rumäniens“ vor dem Erschießungskommando und konnte es gar nicht fassen, dass jetzt er, der zuvor noch auf sein eigenes Volk hat schießen lassen, nun selbst – nach einem standrechtlichen Schnellverfahren – erschossen wird. 

Die Ironie der Geschichte liegt dabei darin, dass Ceausescu selbst noch unmittelbar davor das Dokument unterzeichnete, mit dem der nationale Ausnahmezustand ausgerufen wurde – und er auf diese Weise erst die rechtliche Grundlage für ein militärisches Schnellgericht schaffte, von dem er dann auch prompt angeklagt wurde. „Nicule, man ermordet uns? In unserem Rumänien?“ waren die letzten Worte Elenas an ihren Mann. „Unser Rumänien“ - es hatte jahrzehntelang gestimmt, aber nun war es vorbei. Und nur die wenigsten in Rumänien werden sich an diesen unappetitlichen „Führer“ an seinem Todestag, dem ersten Weihnachtsfeiertag des Jahres 1989, erinnern wollen. 

Im Volksmund wird Ceausescu übrigens nicht ohne Grund „Draculescu“ genannt, wobei in dem Namen Bram Strokers berühmte Romanfigur „Dracula“ enthalten ist. Und daran hat der kommunistische Diktator Rumäniens sogar selbst einen nicht unerheblichen Anteil, sah er sich doch in der Folge Vlad Tepes (Vlad II. Draculea, 1431-1477), den er zu einem Nationalhelden stilisieren ließ. Und dieser Vlad Tepes, der in Wirklichkeit Vlad Basarab hieß, war wiederum die geschichtliche Vorlage für Bram Strokers Roman „Dracula“. Dazu muss man folgendes über diesen wohl berühmtesten Wojewoden der Walachei wissen: „Tepes“ heißt „der Pfähler“ und „Draculea“ „Sohn des Drachen“. Den ersten Namen hat er erhalten, weil es seine Angewohnheit war, die in sein Land eingefallenen Osmanen – soweit sie ihm lebendig in die Hände fielen – zu „pfählen“. Diese spezielle Hinrichtungsart, die schon aus der Zeit des Hammurabi (um 1760 v. Chr.) bekannt ist, sollte die Kampfmoral des osmanischen Heeres untergraben und ihren weiteren Vormarsch in die christlichen Länder nördlich der Karpaten stoppen. So wird berichtet, dass Mehmet II. (1432-1481, der Eroberer Konstantinopels), im Jahre 1462 nach der erfolglosen Belagerung von Targoviste (Tergowisch) entlang einer Reihe von 20.000 gepfählten Türken abziehen musste. 

Was das Umbringen seiner Feinde betraf, so entwickelte in dieser Beziehung „Vlad, der Pfähler“ eine besondere Leidenschaft. Am liebsten speiste er unter den Gepfählten, von Leichengeruch umweht und manchmal mit einen noch Lebenden small talk betreibend (der Todeskampf konnte bis zu 2 Tage dauern!). So legt ihm z. B. der rumänische Autor Marin Sorescu (1936-1996) in seinem Drama „Der dritte Pfahl“ Ceausescu-Zitate in den Mund, was erst relativ spät (nach dem Tod Sorescu’s) den Zensoren auffiel. Im Jahre 1477 wurde Vlad II. Draculea schließlich selbst getötet – wahrscheinlich bei Kampfhandlungen in der Nähe von Bukarest. Jedenfalls hat man ihm den Kopf abgeschlagen und, in Honig eingelegt, zum Sultan nach Konstantinopel gebracht, wo er eine Hauptattraktion bei der Siegesfeier werden sollte. 

Aufgrund seiner Grausamkeit, aber auch deswegen, dass er gegen den Expansionsdrang des osmanischen Reiches in Richtung Zentraleuropa entscheidend Widerstand geleistet hat, wurde er schnell im Volk verklärt und später – da er angeblich zu Lebzeiten ab und an das Blut seiner Feinde getrunken haben soll – als ein „Vampir“ angesehen. Der „Vampirglaube“ selbst kam aber erst ca. 2 Jahrhunderte nach Vlad Tepes Tod‘ auf und hielt sich auf dem Balkan bis in das 20. Jahrhundert hinein, bis er dann langsam allgemeiner Bestandteil der Popkultur wurde.

Einen sehr guten Einstieg in das Genre des Vampirismus bietet übrigens der Film von Roman Polanski „Tanz der Vampire“ von 1967, den es anzusehen durchaus wieder einmal lohnt. Insbesondere die darin geäußerten Expertisen des berühmten Vampirforschers der Universität Königsberg, Prof. Abronsius, haben nichts an Aktualität verloren. Außerdem kann man in diesem Film die in einem Holzzuber badende Sharon Tate bewundern, die zwei Jahre nach Abschluss des Dreh‘s bekanntlich von der „Manson Family“ grausam ermordet wurde. 

Der aufgeklärte Mensch weiß natürlich, dass es keine untoten „Vampire“ gegeben hat noch jemals geben wird. 

Der gebildete Mensch weiß dagegen aber auch, dass es durchaus echte „Vampire“ gibt, die sich gänzlich unvegetarisch lediglich von Blut ernähren – nämlich die amerikanischen Vampirfledermäuse (Desmodontinae). Sie sind bei den Farmern nicht gern gesehen, da sie sich des Nachts auf Weidetiere niederlassen und ihnen kleine Wunden zufügen, aus denen Blut fließt, welches sie dann wiederum aufschlecken bzw. einsaugen. Ein Antigerinnungsmittel in ihrem Speichel verhindert, dass das Blut schnell gerinnt und ein „Narkosemittel“, dass das Tier (meist ein Rind) davon möglichst nichts bemerkt. 

Von den drei bekannten Vampirfledermausarten fällt nur ab und an der „Gemeine Vampir“ auch mal einen Menschen an. Aber dass er ihn dabei gänzlich aussaugt, wie man es den untoten Vampiren a la Dracula nachsagt, ist natürlich eine Mär. Pro Mahlzeit nimmt eine derartige Fledermaus lediglich um die 20 Milliliter Blut auf (entspricht ungefähr dem Inhalt eines kleinen Hühnereis), welches es dann anschließend erst mal in Ruhe verdauen muss. Der Blutverlust, den Mensch und Nutztier durch Fledermausbesuche erleiden, ist deshalb relativ unbedenklich.

Ein berühmter Oberlausitzer und ehemaliger Chef von Friedrich Wilhelm Böttger...


Mir ist eben meine Kaffeetasse vom Schreibtisch gefallen (war Gottseidank schon leer) und hat sich dabei irreversibel in Scherben verwandelt, was übrigens eine direkte Konsequenz des Entropiesatzes ist... Ein guter Grund also, etwas über Keramik im Allgemeinen und Meißner Porzellan im Besonderen zu erzählen. Ich hoffe, es interessiert...

Gegenstände, die aus anorganischem nichtmetallischem Material wie Lehm oder Ton bestehen und aus denen man durch Formen und Brennen z. B. haltbare Gefäße, Figuren, Fliesen oder Ziegel herstellen kann, werden heute als Keramiken bezeichnet. Darunter findet man mittlerweile High-Tech-Materialien, die unser Leben nun zum wiederholten Male grundlegend geändert haben. So bestehen die Kochplatten unserer Elektroherde aus speziellen Keramiken genauso wie die Spiegel unserer Riesenteleskope, mit denen wir Milliarden von Lichtjahren in den Weltraum hinaus blicken können. Die Meißel unserer Werkzeugmaschinen sind mit extrem harten Keramiken bestückt, die härteste Stähle mühelos zerspanen können und selbst unsere kaputten Zähne werden mittlerweile nicht mehr mit Amalgam, sondern mit Keramikinlays und Keramikkronen geflickt. Keramikplatten verhindern, dass Raumfahrzeuge bei ihrem Wiedereintritt in die Erdatmosphäre verglühen. Auch alle Hochtemperatursupraleiter sind ausnahmslos Keramiken wie YBa2Cu3O7x. Und selbst die Mikroelektronik wäre ohne spezielle Keramiken völlig undenkbar. 

Dass „Keramik“ nicht nur gebrannter Ton ist, zeigen schon die Vasen und Figuren aus Porzellan, die insbesondere im Zeitalter des Barocks quasi mit Gold aufgewogen wurden. Die ersten Porzellanvasen gelangten bereits im 13. Jahrhundert über die Seidenstraße aus dem fernen China nach Europa. Das rief eine Vielzahl von Begehrlichkeiten in den vermögenden Kreisen hervor, was schließlich mit Beginn des 16. Jahrhunderts zu einem wachsenden Export dieser Waren – nun meist per Schiff – nach Europa führte. Hier ist besonders die holländische Vereenigde Oostindische Compagnie zu nennen, welche quasi als Monopol lange Zeit die europäischen Fürstenhäuser mit Porzellanerzeugnissen aus China sowie Japan belieferte. So entstanden umfangreiche Sammlungen, von denen hier nur die berühmte Sammlung von Vasen aus der Ming-Dynastie im Schloss Versailles (dort wo sich der berühmte Spiegelsaal befindet) genannt werden soll. So wuchs der Wunsch, diese Art des „Steingutes“ selbst herstellen zu können, was aber immer wieder an der Geheimniskrämerei der Chinesen scheiterte. Und so begann man zunächst nur immer bessere Nachahmungen, die sich besonders durch spezielle Glasuren auszeichneten, herzustellen. Am Bekanntesten ist hier das sogenannte Medici-Porzellan, welches etwa ab 1575 in Florenz hergestellt wurde. Es wird auch als „Weichporzellan“ bezeichnet und war damals „der“ Exportschlager dieses oberitalienischen Stadtstaates. 

Dass schließlich gerade Dresden (bzw. Meißen) einmal ein Zentrum der europäischen Porzellanherstellung werden sollte, hat neben einem an Porzellan interessierten Landesherrn (August der Starke (1670-1733)) mit einem leider etwas in Vergessenheit geratenen Universalgelehrten (sowie natürlich mit Johann Friedrich Böttger (1682-1719)) zu tun: Ehrenfried Walther von Tschirnhaus (1651-1708). Er entstammt einem alten oberlausitzer Adelsgeschlecht, das zwischen Görlitz und Seidenberg seine Landsitze hatte (Tschernhausen, heute Černohousy; Kieslingswalde, heute Sławnikowice, der Geburtsort E. W. von Tschirnhaus). Sein eigentliches Interesse galt seit seiner gymnasialen Ausbildung in Görlitz der Mathematik. Nach ihm ist z. B. die Tschirnhaus-Transformation benannt, die noch heute jedem Algebraiker bekannt ist. Nach Studium in den Niederlanden und einer anschließenden Bildungsreise durch ganz Europa, bei der er gezielt Wissenschaftler (z. B. Isaak Newton in London, Gottfried Wilhelm Leibniz in Paris, Athanasius Kircher in Rom) und Philosophen (Baruch Spinoza) besuchte, um von ihnen zu lernen, kehrte er 1679 nach Kieslingswalde zurück. 

In unserem Zusammenhang ist sein Interesse an der Glasherstellung und dessen Bearbeitung von Bedeutung, die er in Paris kennengelernt hat. Dort verwendete man große Brennspiegel, um Tonerden zum Schmelzen zu bringen. Um diese Versuche wiederholen zu können, begann er selbst mit Hilfe eines Mechanikers Brennspiegel aus Metall herzustellen. Es folgten weitere längere Auslandsaufenthalte, die ihn u. a. wieder in die Niederlande und nach Paris führten. Wieder zurückgekehrt nach Kursachsen, setzte er seine Versuche mit Brennspiegeln fort (einer von ihnen kann in Dresden im Mathematisch-Physikalischen Salon im Zwinger noch heute bewundert werden). Dabei gelang ihm die damals für nicht möglich gehaltene Verflüssigung von Asbest. 1697 wandte er sich an den Kurfürsten August den Starken, um ihn für einen verstärkten Aufbau von Glashütten und Steinzeugwerken zu überzeugen. Das gelang zum Teil mit der Prämisse, dass er zuerst eine gründliche Durchforschung Sachsens nach Edel- und Halbedelsteinen wie Achat, Amethyst u. a. als mögliche Grundstoffe zu organisieren habe. Damit begann eine Phase, in der in Sachsen intensiv nach mineralischen Grundstoffen gesucht wurde. 1700 entstand dann die als „Ostrahütte“ bekannte Dresdener Glashütte, die von v. Tschirnhaus bis zu seinem Tod selbst geleitet wurde. 

In diese Zeit fällt den Herrschenden zuerst in Preußen, dann in Sachsen ein junger Alchimist mit Namen Johann Friedrich Böttger auf, der vorgab, aus Silbermünzen Goldmünzen herstellen zu können und es auch überzeugend vor Publikum vorführen konnte (natürlich nur mit Taschenspielertricks, wie man sich denken kann). Da beide Königshäuser Geld brauchten, wurde diese Personalie auf einmal so begehrt, dass Böttger aufgrund eines Kopfgeldes des Preußischen Königs nach Wittenberg fliehen musste (1701), wo er dann auf Befehl von August dem Starken entführt und in „Schutzhaft“ genommen wurde mit der unmissverständlichen Aufforderung „Mache er mir Gold!“. Da er natürlich damals noch keinen Schwerionenbeschleuniger, wie einer heute beispielsweise im GSI Helmholtzzentrum in Darmstadt steht, zur Verfügung hatte, war das natürlich eine unmöglich lösbare Aufgabe. Das ahnte auch Ehrenfried Walther von Tschirnhaus, so dass er, nachdem er dienstlich mit dem durchaus begabten Böttger 1702 Bekanntschaft gemacht hatte und 1704 auf königliche Anordnung dessen Chef wurde, ihn auf die Entwicklung von Porzellan ansetzte. Nach vielen Versuchen, die zuerst die Erhöhung der Temperatur der eingesetzten Brennöfen betrafen, gelang es schließlich 1706 „Rotes Steinzeug“ (heute „Böttger-Steinzeug“ genannt) herzustellen. Es handelt sich dabei um eine unglasierte, durch die hohe Brenntemperatur wasserarme und völlig durchgesinterte quasi porenfreie Keramik rötlicher Färbung mit hoher Bruchfestigkeit. Der wichtigste „Trick“ bei deren Herstellung war dabei das „Sintern“, ein Verfahren, mit dem sich v. Tschirnhaus lange auseinandergesetzt hat. Darunter versteht man das Erhitzen eines aus zwei Komponenten bestehenden keramischen Ausgangsstoffes auf eine so hohe Temperatur, bei der die Hauptkomponente zwar fest bleibt, die Nebenkomponente aber schmilzt und dabei alle Poren ausfüllt, wobei zusätzlich die Teilchen der Hauptkomponente auch noch glasig verkleben. 

Die Herstellung des ersten „echten“ Hartporzellans gelang knapp 2 Jahre später, genau am 15. Januar 1708, in der Dresdner Jungfernbastei, wie ein überliefertes Protokoll beweist. Am Ende dieses Jahres verstarb v. Tschirnhaus, aber die Versuche zur Herstellung von Porzellan gingen nun unter der Leitung von Böttger weiter, bis er das endgültige „Rezept“ (eine Mischung von Kaolin, Feldspat und Quarz) und die dazugehörige Brenntechnologie im Frühjahr 1709 offiziell vorstellen konnte. 

Das war die eigentliche Geburtsstunde des später „Meißner Porzellan“ genannten Produktes. Der Name kommt daher, weil die erste sächsische Porzellanmanufaktur in der Meißner Albrechtsburg eingerichtet wurde, in der sie im Sommer des Jahre 1710 auf kurfürstlichen Erlass gegründet worden ist. Seit 1722 sind übrigens die beiden gekreuzten Schwerter ihr Markenzeichen. Ungefähr zur gleichen Zeit entstanden weitere Porzellan-Manufakturen - und zwar nicht nur in Deutschland. Viel Arbeit wurde in die Entwicklung von typischen Dekors und Glasuren gesteckt, die nicht nur zum Markenzeichen bestimmter Manufakturen, sondern auch von ganzen Stilepochen wurden. Heute ist die Technik der Porzellanherstellung weitgehend ausgereizt. Massenprodukte werden mittlerweile auch in Massenfertigung, quasi industriell, hergestellt und die Forschung konzentriert sich auf das riesige Gebiet der Spezialkeramiken, die mit dem, was wir gewöhnlich unter „Steinzeug“ verstehen, wahrlich kaum noch etwas zu tun haben.

Von der "Kopernikanischen Revolution" zur "Digitalen Revolution" mit der Schadt-Helfrich-Zelle als besonders wichtiges Bauelement


Der große Wissenschaftstheoretiker Thomas S. Kuhn (1922-1996) spricht im Zusammenhang mit Kopernikus seinem Hauptwerk nicht ohne Grund von einem Paradigmenwechsel, der entscheidend für die Entwicklung der Naturwissenschaft ab dem ausgehenden 17. Jahrhundert werden sollte. Die eigentliche Arbeit machte freilich erst Johannes Kepler, der auf die ausgezeichneten Beobachtungsdaten eines Tycho Brahe zurückgreifen konnte und erkannte, dass sich die meisten Probleme des heliozentrischen Systems durch die Einführung elliptischer Bahnen und durch die Annahme, dass diese Bahnen mit ungleichförmiger Geschwindigkeit von den Planeten durchlaufen werden, vermeiden ließen. Um so etwas leisten zu können, musste man sich erst einmal gedanklich vom „offensichtlichen“ Geozentrismus lösen, was Tycho Brahe (1546-1601) noch nicht, Galileo Galilei und Johannes Kepler aber entgegen dem Zeitgeist und mit viel innerem und äußerem Kampf gelungen ist. Oder, wie es einmal der berühmte Romancier Victor Hugo (1802-1885) ausgedrückt hat,

„Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist“. 

Danach ging es Schlag auf Schlag. Immer mehr Gelehrte griffen zum Fernrohr, um den Himmel zu beobachten. 1675 wurde unter König Charles II. das Greenwicher Observatorium gegründet und John Flamsteed (1646-1719) sein erster „Astronomer Royal“. 1686 legte Isaak Newton (1643-1727) der Royal Society sein Werk „Philosophiae Naturalis Principia Mathematica“ vor, in dem er in Anlehnung an die Geometrie Euklids streng axiomatisch eine mathematische Theorie entwickelt, die später als die „Klassische Mechanik“ bezeichnet werden wird. Er entdeckt aus der Analyse des dritten Keplerschen Gesetzes das Gesetz der allgemeinen Gravitation und schuf somit die Grundlage für eine physikalische Begründung des heliozentrischen Systems. Und gerade einmal 100 Jahre später war quasi die „Himmelsmechanik“ vollendet und man konnte mit fast beliebiger Genauigkeit die Positionen von Sonne, Mond und Planeten aus wenigen Anfangsbeobachtungen, und, wie man meinte, „für alle Zeiten“, vorausberechnen. 

Die Etablierung einer neuen Weltsicht, die nicht nur auf die Astronomie beschränkt war, im Zeitalter der Renaissance und der beginnenden Neuzeit, stellte eine grundlegende Zäsur in der Geschichte des Abendlandes dar. Kunst und Wissenschaft begannen sich zu entfalten. Die Wiederentdeckung und Rezeption antiker Werke, ihre Verbreitung und Lehre in den artistischen Fakultäten der aufblühenden Universitäten brachte ein gelehrtes und wissbegieriges Bürgertum hervor. Geographische Entdeckungen, das Aufblühen des Seehandels und eine Neuinterpretation des Christentums taten ihr Übriges. Der Humanismus wurde zu der wesentlichsten Geistesbewegung jener Zeit und die Eliten versuchten aus dem durch Scholastik und Vulgärtheologie geprägtem geistigem Klima des Spätmittelalters zu entfliehen. Mitten in dieser Zeit erschien nun das Werk eines Ermländer Domherrn über die „Umschwünge der Himmelskreise“, welches unter den Fachgelehrten jener Zeit schnell Aufmerksamkeit erregte. Was die Veröffentlichung eines in erster Linie nur für Eingeweihte verständlichen „Fachbuches“ gesellschaftlich bewirkte, hat Friedrich Engels (1820-1895) in seiner „Dialektik der Natur“ sehr prägnant formuliert: 

„Der revolutionäre Akt, wodurch die Naturforschung ihre Unabhängigkeit erklärte und die Bullenverbrennung Luthers gleichsam wiederholte, war die Herausgabe des unsterblichen Werkes, womit Copernicus, schüchtern zwar, und sozusagen erst auf dem Totenbett, der kirchlichen Autorität in natürlichen Dingen den Fehdehandschuh hinwarf. Von da an datiert die Emanzipation der Naturforschung von der Theologie.“ 

Grund dafür war, dass letztendlich die Entscheidung zwischen Geozentrismus und Heliozentrismus einer Entscheidung zwischen religiös-idealistischem Weltbild und naturwissenschaftlichem Weltbild gleichkam. Das wurde von der damaligen Amtskirche zu Beginn des 17. Jahrhunderts auch in seiner ganzen Klarheit erkannt und führte zur öffentlichen Verbrennung Giordano Brunos‘ (1548-1600), zur Verurteilung Galileo Galileis‘ vor dem Inquisitionsgericht (1632) und im Jahre 1616 (!) zum Eintrag des „De Revolutionibus …“ in die Liste verbotener Bücher (Index Librorum Prohibitorum), wo es bis zum Jahre 1758 verblieb. Und es führte, wie wir wissen, zu einer Entwicklung, an deren Ende die heutige moderne Wissenschaft mit all ihren Errungenschaften steht. Deshalb sprechen wir auch mit Kant zu Recht von einer „Kopernikanischen Revolution“.

Von der „Kopernikanischen Revolution“ war es dann noch ein weiter Weg zur „Digitalen Revolution“, an deren Ergebnissen und technischen Errungenschaften wir uns heute erfreuen dürfen. Sie lässt sich im Gegensatz zur „Kopernikanischen Revolution“ nicht an einer Person festmachen, sondern nur an einer Vielzahl von Einzelentwicklungen und ist in ihrer Bedeutung ungefähr mit der industriellen Revolution – beginnend am Ende des 18. Jahrhunderts – vergleichbar, wo die Dampfmaschine in vielen Bereichen der Industrie die Muskelkraft ersetzte. Was damals die Dampfmaschine war, ist heute der Computer und dazwischen liegen ungefähr 200 Jahre technische Innovation und Schöpferkraft, fußend auf den wissenschaftlichen Erkenntnissen des 19. und 20. Jahrhunderts. Hier ist insbesondere die von Max Planck begründete Quantentheorie und ihre Anwendungen in der Festkörperphysik / Festkörperelektronik zu nennen, die uns Laser, Mikroschaltkreise, Computer, die flachen Displays unserer Fernseher, PC’s, Tabletts und Smartphones sowie „Roboter“ in allen Formen und Größen bescherten. Niemand wundert sich mehr darüber, dass es so etwas gibt. Und keiner – wenn er die Materie nicht gerade studiert hat - kann einem plausibel erklären, wie das alles funktioniert. Es wird dann zwar schnell mit Begriffen herumgeworfen wie Mikroprozessor, Grafikchip und Taktfrequenz, aber was sie eigentlich „machen“, wie sie hergestellt werden und was bestimmte Fachbegriffe oder Akronyme wie LCD oder TFT eigentlich bedeuten, entzieht sich größtenteils der allgemeinen Erkenntnis. Das ist sicherlich auch nicht weiter schlimm, solange es Leute gibt, die es einfach wissen wollen und die sich deshalb der Mühe unterziehen, das nicht ganz einfache Metier zu erlernen. Denn sie sind es schließlich, denen es obliegt, dass die Entwicklung nicht zum Stillstand kommt und wir „Nutzer“ uns jedes Jahr an einem neuen Smartphone mit noch geileren Funktionsmerkmalen und Apps erfreuen können. 

Verweilen wir ein bisschen bei den Displays jenseits der Elektronenstrahlröhre und ihrer Funktionsweise. Ihre Urform, den meisten von digitalen Armbanduhren her bekannt, ist die LCD-Anzeige, wobei das Akronym „LCD“ für „liquid crystal display“, also Flüssigkristallanzeige, steht. Aber kann es denn so etwas wie „flüssige Kristalle“ überhaupt geben? Kristalle sind doch der Inbegriff symmetrischer Festkörper, deren Farben- und Formenvielfalt man in mineralogischen Sammlungen bewundern kann. Sie begegnen uns als wunderschön geformte Quarze, als monokline Gipskristalle oder, ganz profan, als Salz- und Zuckerkörnchen. Und mancher nennt sogar einen schön geschliffenen Diamantkristall sein Eigen. Aber können Kristalle wirklich flüssig sein? Sie verlieren ja dann ihr wichtigstes Wesensmerkmal, ihre „kristalline“ Form. Aber das ist hier nicht das Ausschlaggebende. In unserem Zusammenhang geht es um eine andere Eigenschaft von Kristallen, die man in der Fachsprache als „Anisotropie“ bezeichnet. Darunter versteht man die Richtungsabhängigkeit von physikalischen Eigenschaften eines Kristalls. Das betrifft u. a. ihre elastischen Eigenschaften, Kennzahlen, die mit elektromagnetischen Ausbreitungsvorgängen im Zusammenhang stehen wie beispielsweise die Dielektrizitätskonstante, die magnetische Permeabilität oder der damit in Zusammenhang stehende Brechungsindex für elektromagnetische Wellen. Am Bekanntesten ist hier wohl der doppelbrechende Kalkspatkristall (Calcit). So beobachtet man hier in Richtung seiner Kristallachsen unterschiedliche Brechungsindizes, die teilweise auch noch vom Einfallswinkel des Lichts abhängen. Wenn man also einen Lichtstrahl durch einen doppelbrechenden Kristall schickt, dann wird er in zwei Teilstrahlen aufgespalten, die man sinnigerweise als den „ordentlichen“ (er hält sich an das Snelliussche Brechungsgesetz) und den „außerordentlichen“ Strahl bezeichnet. Sie sind jeweils unterschiedlich polarisiert, wie man leicht mit einem zweiten Kalkspatkristall feststellen kann, den man wie ein Polarisationsfilter gebraucht. 

Und genau um solche Eigenschaften geht es hier, denn es gibt durchaus auch Flüssigkeiten, die anisotrope Eigenschaften aufweisen und die genau deshalb als „Flüssigkristalle“ bezeichnet werden. 1888 wurde von dem aus Prag stammenden Österreicher Friedrich Reinitzer (1857-1927) der erste „Flüssigkristall“ in Form des Ester-Derivats der Fettsäure Cholesterin entdeckt (Cholesterylbenzoat). In umfangreichen Untersuchungen ermittelte er die außergewöhnlichen Eigenschaften dieser Substanz (er erkannte z. B. auch deren doppelbrechenden Eigenschaften), ohne sich jedoch recht einen Reim darauf machen zu können. Später konnten von anderen Chemikern noch weitere „anisotrope doppelbrechende Flüssigkeiten“ gefunden werden. Die Ergebnisse dieser frühen Forschungen schlugen sich schließlich in der 1904 erschienenen Monographie „Flüssigkristalle“ von Otto Lehmann (1855-1922) nieder, der in Nachfolge von Heinrich Hertz (1857-1894) in Karlsruhe seine Wirkungsstätte fand. Seine bahnbrechenden und im Nachhinein gesehen, durchaus nobelpreiswürdigen Ergebnisse fanden erst einmal wenig Resonanz, bis man sich Ende der 1960er Jahre wieder damit auseinandersetzte – und zwar mehr aus einem technischen Hintergrund. 

Als Ergebnis dieser Forschungen meldeten der Schweizer Physiker Martin Schadt und der aus München stammende deutsche Physiker Wolfgang Helfrich ein Patent an, welches die Grundlage für alle folgenden flüssigkristallbasierten Displaytechnologien werden sollte. Es wurde jedoch wegen fehlender „Erfindungshöhe“ vom Münchner Patentamt abgelehnt. Den Beamten erschien wahrscheinlich die Funktionsweise des Prototypen zu primitiv. In anderen Ländern, darunter in der Schweiz, erkannte man jedoch das Potential, welches sich hinter dieser Erfindung verbirgt. 

Erinnern Sie sich an die aus Segmenten zusammengesetzten Anzeigeelemente einer LCD-Armbanduhr oder eines Taschenrechners? Jedes Segment stellt vom Prinzip her eine sogenannte Schadt-Helfrich-Zelle dar, die aus zwei Glasplatten besteht, zwischen denen sich eine nur einige 10 µm dicke Flüssigkristallschicht befindet. Auf den sich gegenüberliegenden Glasflächen sind transparente leitfähige Schichten aus Indium-Zinn-Oxid aufgedampft, welche beliebig strukturierbare Segmente darstellen, aus denen sich später die jeweils gewünschten Zeichen (z. B. Buchstaben oder Zahlen) zusammensetzen lassen. Ihre Oberfläche ist außerdem so präpariert, dass die die Flüssigkeit bildenden Moleküle in ihrer Längsachse nach einer Achse dieser Glasplatte ausgerichtet sind. Sind beide Glasplatten zuerst gleich ausgerichtet und dreht man dann die obere Glasplatte um 90°, dann entsteht zwischen der unteren Glasplatte ein entsprechend verdrehter Stapel von Molekülen analog einer sogenannten Reuschschen Glimmersäule. Ein Strahl polarisierten Lichts, dessen Polarisationsebene parallel oder senkrecht zur Orientierung der Eintrittsglasplatte liegt, wird dann beim Durchgang durch den Flüssigkristall eine Drehung um 90° erfahren. Der Lichtstrahl tritt also in einem anderen Polarisationszustand durch die obere Glasplatte wieder aus. Jetzt stellen wir uns vor, dass sich auf der unteren Platte und der oberen Platte jeweils Polarisationsfilter, die auch jeweils um 90° gegeneinander gedreht sind, befinden. In dem beschriebenen Fall kann das Licht die Anordnung ohne wesentliche Absorption durchdringen, d. h. sie ist transparent. Legt man jetzt an die aufgedampften Elektroden eine Spannung an, dann werden sich die Moleküle des Flüssigkristalls langsam mit steigender Spannung entlang des elektrischen Feldes ausrichten, was ihre wendeltreppenartige Anordnung zerstört und die Schwingungsrichtung des durchgehenden Lichts wird durch sie immer weniger beeinflusst und trifft schließlich auf den Polarisationsfilter, der es ab einem bestimmten Spannungswert (z. B. 5 V) dann vollständig abblockt. In diesem Moment werden die entsprechend geschalteten Segmente als dunkle Flächen – wie bei der Digitalarmbanduhr oder dem Taschenrechnerdisplay – sichtbar. Der Aufbau eines solchen Displays kann man sich deshalb als Sandwich aus folgenden (von unten nach oben) Schichten vorstellen: Reflektierende Schicht – Polarisationsfilter – Glasplatte – Gegenelektrode in Form der anzuzeigenden Segmente – Flüssigkristall, eingebettet in einen entsprechenden Abstandshalter - Elektrode in Form der anzuzeigenden Segmente mit Kontakten – Glasplatte – um 90° zum unteren Polarisationsfilter gedrehter Polarisationsfilter. An diesem Grundprinzip hat sich auch bei den Displays unserer Flachbildschirme nicht viel geändert, nur dass man heute in der Lage ist mit den Fertigungsmethoden der modernen Mikroelektronik großflächige Displays, die quasi aus „Pixeln“ solcher Zellen aufgebaut sind (schauen Sie sich mal mit einer Lupe ihren Flachbildschirm oder Smartphonedisplay an), herzustellen. „Farbfilter“ für Rot, Grün und Blau ergänzen dabei das Sandwich, so dass man aus solch einem Triplett aus Subpixeln jeweils ein Pixel formen kann, mit dem sich jede beliebige Farbe nach dem RGB-Modell erzeugen lässt. Die reflektierende Schicht muss hier übrigens durch eine Hintergrundbeleuchtung ersetzt werden. Eine App übrigens, welche die Spannung aus allen Pixeln eines Smartphone-Displays nimmt, simuliert deshalb eine Taschenlampe… 

Vom genetischen Flaschenhals der Menschheit zu Lenin in seinem Mausoleum


Glutwolke des Vulkans  Montagne Peleè auf der Antilleninsel Martinique, welche im Jahre 1902 die Stadt Saint Pierre (~40.000 Einwohner, 3 Überlebende) vollständig zerstörte...

Die Auswirkungen, die der Ausbruch eines Supervulkans a la Yellowstone auf die Umwelt hat, sind im Detail kaum abzuschätzen - auf jeden Fall aber so katastrophal, dass es in der Geschichte der Menschheit mit Ausnahme des Toba-Ausbruchs vor 74.000 Jahren (bei dem, wie die Genetiker anhand des „genetischen Flaschenhalses“ festgestellt haben, bis auf wenige 1000 Individuen alle damals lebenden Menschen umgekommen sind) keine vergleichbare Naturkatastrophe gegeben hat. Sie werden sich jetzt vielleicht fragen, wie man zu so einer Erkenntnis kommen kann. Dazu muss man wissen, dass in einem Lebewesen ein Gen (welches bekanntlich die Aminosäuresequenz und damit die Primärstruktur eines Proteins codiert) in verschiedenen Ausprägungen, die man als Allele bezeichnet, vorkommen kann. So gibt es z. B. ein Allel, welches in phänotypischer Ausprägung zu blauen und ein anderes Allel, welches zu braunen Augen führt. Sehen tun beide Augenarten gleich gut, so dass es für ein Individuum i. d. R. egal ist, welche Augenfarbe es besitzt. Existiert eine genügend große Population, so werden durch geschlechtliche Fortpflanzung die Allele in der Population verteilt und auch ihre Zahl nimmt durch Mutationen immer mehr zu. Ihre relative Häufigkeit in einer Population wird dabei durch den Begriff der Allelfrequenz beschrieben. Vom genetischen Standpunkt aus betrachtet, ist die Darwin’sche Evolution nichts anderes als die stetige Veränderung der Allelfrequenz in einer Population durch natürliche Selektion oder durch Gendrift. Wenn jetzt z. B. auf einer Insel so etwas wie eine Gründerpopulation aus wenigen Individuen einer Art entsteht, dann repräsentieren diese „Gründer“ und ihre unmittelbaren Nachfahren nur einen kleinen Teil der Allele, die in der Gesamtpopulation vorhanden sind. Man spricht hier von einer genetischen Verarmung, die sich konkret messen lässt. Da die Individuen auf unserer Beispielinsel sich nur noch untereinander paaren und damit kein effektiver Genaustausch mit der Restpopulation der Art mehr stattfindet, werden sich beide Populationen – Gründer-Population und Restpopulation – nach und nach auseinander entwickeln, was letztendlich zu neuen Arten führt (der Fachbegriff ist hier allopatrische Speziation). Die Population auf der Insel ist dabei im Vergleich zur Restpopulation genetisch deutlich verarmt und man sagt, dass sie durch einen genetischen Flaschenhals gegangen ist. Mit den modernen Methoden der Populationsgenetik lässt sich dieser Flaschenhals genau quantifizieren (wie groß war ungefähr die Gründerpopulation) und auch die zeitliche Lage des „Flaschenhalses“ berechnen (wann bildete sich die Gründerpopulation auf der Insel). So etwas geschieht natürlich auch ohne „Insel“, und zwar dann, wenn z. B. durch eine Naturkatastrophe der größte Teil (vielleicht 99%) einer Population und damit die in ihr konservierten Allele vernichtet werden. Die wenigen Individuen, die übrig geblieben sind, repräsentieren in ihrem Genpool dann auch nur noch wenige der ehemals in der Population vorhandenen Allele eines Gens. Auch hier entsteht ein quantifizierbarer genetischer Flaschenhals. 

Als man schon vor einiger Zeit die sogenannte Mitochondrien-DNA des Menschen untersuchte, stellt man überraschend fest, dass es hier kaum Unterschiede zwischen Menschen, die an den verschiedensten Orten der Erde leben, gibt. Die Menschheit ist nämlich genetisch außergewöhnlich homogen, was auf einen genetischen Flaschenhals hinweist (der Begriff der „Rasse“ für phänotypisch unterschiedlich ausgeprägter Menschen ist sowieso vom biologisch-genetischen Standpunkt nicht aufrecht zu erhalten), der vor ca. 70.000 Jahren entstanden sein muss. Und dieser Zeitpunkt fällt innerhalb der Fehlergrenzen ziemlich genau mit dem Toba-Ausbruch vor ~73.900 Jahren zusammen. Einige Anthropologen halten das nicht für einen Zufall. Es kann also durchaus sein, dass dieser Supervulkanausbruch, von dem heute nur noch die riesige Caldera, welche auf Sumatra den Toba-See beherbergt, kündet, damals einen Großteil der modernen Menschen in Afrika und Asien ausgerottet hat. Auch hier hatte der Mensch offenbar Glück auf seinem Weg zum heute. Aber wie gesagt. 

Wir sind noch nicht davongekommen. Mindestens 6 Supervulkane der höchsten Klasse 8 warten auf ihren Ausbruch. Und der ist um ein Vielfaches wahrscheinlicher als ein Einschlag von einem Himmelskörper mit mehr als einem Kilometer Durchmesser. Versicherungen haben sogar ausgerechnet, dass die Wahrscheinlichkeit bei einem Supervulkanausbruch umzukommen mehrfach größer ist, als mit einem Verkehrsflugzeug abzustürzen. 

Wer glaubt, dass wir hier in Deutschland was Vulkane betrifft, auf der sicheren Seite sind, irrt sich gewaltig. Und dazu muss nicht mal ein Supervulkan irgendwo auf der Welt ausbrechen. Wir haben nämlich in Deutschland unseren eigenen Kleinen. Und zwar in der Eifel. Er ist das letzte Mal vor ~12.930 Jahren ausgebrochen und erreichte dabei eine „Sprengkraft“, welche den des Vesuv im Jahre 79 n. Chr. (sogenannte Plinianische Eruption) auf das bis zu 5fache überstieg. Der „Knall“ muss dabei in halb Europa zu hören gewesen sein und dürfte so manchen Menschen der Jungsteinzeit (Jungpaläolithikum) aufgeschreckt haben. Und das „Loch“, was bei diesem Ausbruch übrig geblieben ist, bildet heute den Laacher See. Er ist leicht oval, im Mittel 3,3 km im Durchmesser und etwas über 50 m tief. Obwohl der Laacher See als Maar bezeichnet wird, ist er vom geologischen Standpunkt kein echtes Maar, sondern stellt die Einsturzcaldera über der bei dem genannten Ausbruch vollständig entleerten Magmakammer dar. Dass der letzte Ausbruch es wirklich in sich hatte, kann man noch heute entlang des Vulkanlehrpfades selbst erleben. Die geologischen Zeugnisse aus jener Zeit erzählen von einem wahrlich apokalyptischen Ereignis, welches sich interessanterweise jederzeit wiederholen kann, denn der Eifel-Vulkanismus befindet sich nur in einer Ruhephase. Denn tief unter der Erde befindet sich ein hot spot und an dessen Spitze eine Magmakammer. Dort sammelt sich unter hohem Druck ein gasreiches phonolithisches Magma. Wenn es – wie vor ~13.000 Jahren geschehen – durch Spalten und Klüfte im Gestein nach oben steigt, dann gerät es unter Druckentlastung, und die Gase werden explosionsartig freigesetzt, was in diesem speziellen Fall durch die Berührung mit Wasser noch um ein Vielfaches verstärkt wird. So etwas nennt man eine phreatomagmatische Eruption, in der pyroklastische Glutwolken (wie beim Ausbruch des Mt. Pelé im Jahre 1902) entstehen, die große Landstriche verheeren können. 

Wie muss man sich nun solch einen Ausbruch in der Eifel vorstellen? Ein Ausbruch erfolgt sehr plötzlich, d. h. es gibt wahrscheinlich nur wenige sichtbare Indizien dafür, dass eine Eruption unmittelbar bevorsteht. Das kann eine verstärkte Mofettenaktivität sein oder – wie es der Geologe Ullrich C. Schreiber sehr schön in seinem Vulcano-Thriller „Die Flucht der Ameisen“ beschreibt – dass diese Krabbeltiere beginnen in großen Scharen abzuhauen, bevor es richtig zur Sache geht (es nutzt aber nichts)… Vor ~12.930 Jahren jedenfalls begann es plötzlich im Erdinneren zu rumoren, weil das aufsteigende Magma auf Wasser stieß, dieses sofort verdampfte und die bereits vorhandenen Risse und Klüfte im Gestein aufsprengte, so dass die dünnflüssige gasreiche Lava immer weiter nach oben steigen konnte. Dieser Aufstieg entlud sich dann plötzlich in einer phreatomagmatischen Explosion, die einen Krater in den Boden riss und aus dem zu Pulver zermahlenes Gestein in Form einer riesigen heißen Aschewolke mit hoher Geschwindigkeit bis in über 30 Kilometer Höhe geschleudert wurde. Diese Phase nennt man plinianische Hauptphase, weil sie zum ersten Mal von Plinius dem Jüngeren (61/62 – 113/115) bei seiner Flucht vor dem katastrophalen Ausbruch des Vesuvs im Jahre 79 n. Chr. beobachtet und beschrieben wurde (Stichwort Pompeji, Herculaneum). Ihr Kennzeichen ist eine schnell entstehende pilzförmige Eruptionssäule, die bis in die Stratosphäre ragt und dann unter ihrem eigenen Gewicht kollabiert. Dabei entstehen sogenannte pyroklastische Ströme aus einer heißen (bis 800 °C) und dichten Emulsion aus vulkanischem Staub, Bimsstein und Gas, welches man im französischen treffend nuée ardente (Glutlawine) nennt. Sie verbrennen und ersticken alles Leben auf ihrer Zugbahn und hinterlassen schließlich mächtige Schichten aus verfestigtem vulkanischem Material (sogenannte Ignimbrite). Da sie eine Fließgeschwindigkeit von bis zu 700 km/h erreichen, kann man vor ihnen auch nicht davonlaufen. Im Fall des Laacher Sees erreichen die genannten Ablagerungen immerhin eine Schichtdicke von bis zu 60 Meter Mächtigkeit und der vom Wind verwehte Staub konnte noch in Schweden und in Norditalien nachgewiesen werden. Man schätzt, dass dieser Ausbruch ca. 16 km³ Lockermaterial (sogenannte Tephren) gefördert hat. Damit spielt er sogar eine Liga oberhalb des bekannten Ausbruchs des Mt. St. Helens im Jahre 1980 und sogar des Pinatubo im Jahre 1991. Also harmlos ist solch ein Eifel-Vulkan wirklich nicht. Übrigens, nach ca. einer Woche war der ganze Spuk vorbei und was von der Eifel übrig blieb, war nichts weiter als verbrannte Erde, dass sich zu Ende der nächsten 12.000 Jahre zu einem Touristenmagnet entwickeln sollte. Es lohnt sich einmal hinzufahren, wenn sich die Angst vor einem Ausbruch in Grenzen hält. Denn eine Vielzahl von Vulkanologen hält es übrigens für sehr wahrscheinlich, dass der Laacher-See-Vulkan irgendwann in den nächsten 1000 Jahren wieder einmal ausbrechen wird. Und das kann theoretisch schon nächste Woche passieren. Und damit man sich das Szenario auch schon mal im Vorfeld etwas genauer vorstellen kann, wurde 2009 ein Zweiteiler mit dem bescheidenen Titel „Vulkan“ unter der Regie von Uwe Jansen gedreht. Er kommt zwar nicht an den amerikanischen Thriller „Supervolcano“ von 2005 heran, der einen Ausbruch des Supervulkans unter dem Yellowstone-Nationalpark thematisiert, ist aber ansonsten durchaus - was zumindest die geologische Faktenlage betrifft - realistisch angelegt. 

Eine kluge Frau korrigiert Newton...


Wenn man sich als Physiker heute mit Himmelsmechanik beschäftigt, dann ergreift einen die Ehrfurcht vor den Männern und Frauen (!), die im 19. Jahrhundert umfangreichste numerische Berechnungen nur mit Kopf, Papier und Stift ausgeführt haben. Ihr einziges Hilfsmittel waren umfangreiche Logarithmentafeln, die sie zumindest etwas von schwierigen Multiplikationen und Divisionen entlasteten. An Berechnungen, die heute ein moderner Computer in Sekundenbruchteilen mit einem entsprechenden Programm erledigt, war man damals manchmal monatelang beschäftigt, wobei man sich dabei nicht verrechnen durfte und man auch die Fehlerfortpflanzung im Auge behalten musste. 

Für die oftmals eintönigen Berechnungen, wie sie insbesondere die Störungsrechnung bedarf (hier werden die Einflüsse der großen Planeten z. B. auf die Bahn eines Planetoiden oder Kometen, in die Bahnbestimmung und Ephemeridenrechnung mit einbezogen), wurden von den Astronomen gern rechnerisch begabte Damen angestellt, die quasi den Part des heutigen Computers übernahmen. Einige von ihnen lieferten selbständig wichtige Forschungsergebnisse und wurden auch entsprechend in der Wissenschaftsgemeinde anerkannt. Luise de Pierry (1746- nach 1807) war beispielsweise die erste Frau, die ab 1789 an der Pariser Sorbonne Astronomie gelehrt hat. Sie beschäftigte sich insbesondere mit Berechnungen von Sonnen- und Mondfinsternissen. Die von ihr erhaltenen Ergebnisse sind zu einem großen Teil in die Arbeiten de Lalande’s eingegangen, der sie darin auch entsprechend würdigt. Auch dessen illegitime Tochter, Marie-Jeanne de Lalande (1769-1832), arbeitete als Astronomin. Ihr bekanntestes Werk war ein Sternkatalog von ca. 10.000 Sternen, der im Jahre 1799 veröffentlicht wurde. 

Ganz besonders zu erwähnen ist noch Marquise Émilie du Châtelet (1706-1749), die trotz ihres kurzen Lebens (sie starb nach der Geburt ihres Kindes wahrscheinlich an Kindbettfieber) als eine der bedeutendsten Wissenschaftlerinnen in der Zeit der Aufklärung gilt und die z. B. mit Voltaire (1694-1778) nicht nur eng befreundet, sondern auch dessen Lebensgefährtin war, und die sogar mit dem Preußenkönig Friedrich II. regelmäßig korrespondierte. Auf Anregung Voltaires, der um 1737 selbst ein populäres Buch über die Newtonsche Mechanik geschrieben hatte, beschäftigte sie sich mit einer Übersetzung ins Französische sowie der geistigen Durchdringung von Newtons Hauptwerk, der „Principia mathematica“. Dabei begann sie dessen schwer verständlichen mathematischen Calculus in die mittlerweile immer beliebter gewordene Leibniz’sche Schreibweise anzupassen, was sehr zur Verbesserung der Verständlichkeit von Newtons Hauptwerk beitrug. Was auch wenig bekannt sein dürfte, ist, dass das Konzept der „lebendigen Kraft“, die wir heute unter dem Begriff der „kinetischen Energie“ kennen, im Wesentlichen auf du Châtelet zurückgeht und die damit einen wesentlichen Fehler Newtons korrigierte (Newton nahm noch an, dass die Bewegungsenergie der Geschwindigkeit proportional sei. Sie ist aber dem Quadrat der Geschwindigkeit proportional). Auch ein großer Teil ihrer philosophischen Reflexionen sind in die Geschichte der Aufklärung eingegangen. Sie vertrat dabei vehement Auffassungen, die weitgehend mit denen Voltaires übereinstimmten. So kritisierte sie ganz allgemein Offenbarungstheologien und machte sich selbst (was damals noch mutig war) über die Schöpfungsgeschichte des Alten Testaments lustig, in dem sie schrieb: „Wie amüsant, dass die ersten drei Tage [der Schöpfungsgeschichte] durch Abend und Morgen begrenzt wurden, bevor am 4. Tag die Sonne erschaffen wurde…“. Marquise Émilie du Châtelet war ohne Zweifel eine der gebildetsten und bestens vernetzten Frauen jener Zeit, deren Arbeiten auch von der Männerwelt, welche damals monopolistisch den Wissenschaftsbetrieb beherrschten, neidlos anerkannt wurden. Es ist schade, dass sie neben ihrem Lebensgefährten Voltaire in Bezug auf die Rezeption ihrer Werke immer noch ein Schattendasein führt.

Pseudowissenschaften a la Sowjetunion - der Lyssenkoismus


In der Sowjetunion der Stalinzeit wurden auch Pseudowissenschaften gepflegt, soweit sie der herrschenden Ideologie – hier des Kommunismus in Stalinscher Ausprägung – diente. Ein herausragender Repräsentant war dabei der Agronom und Biologe Trofim Denissowitsch Lyssenko (1898-1976), dessen Lehren man heute als „Lyssenkoismus“ bezeichnet. Er war ohne Zweifel einer der höchstdekorierten Wissenschaftler der Sowjetunion: dreimaliger Stalinpreisträger, siebenmal mit dem Leninorden dekoriert, Held a) der „Sowjetunion“ und b) der „Sozialistischen Arbeit“, mehrfacher Deputierter des Obersten Sowjets und - man könnte schon fast sagen „natürlich“ - Präsidiumsmitglied der Akademie der Wissenschaften der UdSSR. Und trotzdem war ein gewichtiger Teil seiner Arbeiten und Erkenntnisse „Cargo-Kult“ im besten Sinne des Wortes. Sein Fachgebiet war die Landwirtschaft, sein theoretischer Unterbau eine modifizierte Form des Lamarckismus - einer Evolutionslehre, die außerhalb der damaligen Sowjetunion so gut wie keine Anhänger mehr hatte - und seine Reputation erwuchs im Wesentlichen aus seiner Beziehung zu Josef Stalin, dessen Repressionsregime er sich nutzbar machte, um nicht nur Konkurrenten im Wissenschaftsbetrieb mundtot zu machen. 

Lyssenko war der Auffassung (ähnlich wie Lamarck), das erworbene Eigenschaften vererbbar sind. Das passte sehr gut zur Irrlehre des „Wissenschaftlichen Kommunismus“, die u. a. davon ausgeht, dass sich durch Erziehung und Indoktrination ein neuer Menschenschlag, die „sozialistische Persönlichkeit“ - oder, genauer, der „Sowjetmensch“, erschaffen lässt, deren damals propagierte Eigenschaften sich von Generation zu Generation weiter vererben. Die „klassische Genetik“ mit den Genen war in dieser Hinsicht natürlich zutiefst „unsozialistisch“ und „bourgeois“, was deren Anhänger in der Sowjetunion der Stalinzeit natürlich in den kommunistischen Kreisen schnell verdächtig machte. Und einmal in den Fängen eines Lawrenti Beria (1899-1953) und seiner Häscher geraten, bedeutete das schnell Verlust der Karrieremöglichkeiten bis hin zu „Sibirien“ und Tod. Und Lyssenko war einer derjenigen, die diesen unvergleichlichen Repressionsapparat für sich nutzte, um Widersacher zu verdrängen, denen er weder charakterlich noch intellektuell gewachsen war und sich selbst in deren Positionen zu schieben. So ist auch leicht verständlich, dass nach Stalins Tod im Jahre 1953 mit Beginn der Aufarbeitung seiner Verbrechen auch der Stern Lyssenkos zu sinken begann. Unter Nikita Chruschtschow (1894-1971) wurde er schließlich als Präsident der Lenin-Landwirtschaftsakademie abgesetzt und seine nunmehr auch von der Staats- und Parteiführung als skurril erkannte Lehre nach und nach aus den Lehrplänen der Schulen und Hochschulen verbannt. Der Lyssenkoismus, der sich einst wie ein Mehltau über die Landwirtschaft der Sowjetunion legte, hatte ausgedient. Dabei war Lyssenko ein durchaus fleißiger Wissenschaftler mit Ideen, der pragmatisch, aber letztendlich auf der Grundlage falscher Überlegungen an die Züchtung neuer Pflanzen heranging. Dabei hatten es ihm insbesondere neue Getreidesorten angetan. So führte er Versuche durch, um aus „Winter-Weizen“ (der bekanntlich einmal überwintern muss) „Sommer-Weizen“ herzustellen, dessen Lebenszyklus auf einen Sommer begrenzt ist und der höhere Erträge erwarten ließ - und das in klimatischen Zonen, wo dessen Anbau gewöhnlich ein Risiko darstellt. Da er davon ausging, dass sich erworbene Eigenschaften vererben, feuchtete er Wintergerstenkörner an, ließ sie keimen und anschließend in Kühlhäusern lagern. Anschließend säte er sie wie Sommergerste aus und stellte fest, dass er aus „Wintergerste“ „Sommergerste“ gezüchtet hat, deren Ertrag den der normalen Sommergerste um mehr als 30% überstieg. Er glaubte, auf diese Weise „Wintergerste“ in „Sommergerste“ umgewandelt zu haben. Diese Züchtungsmethode nannte er „Jarowisation“. Sie erklärt sich durch einen den Botanikern als Vernalisation bekannten Prozess und hat nichts mit der Vererbung erworbener Eigenschaften zu tun. Nach sowjetischen Angaben betrug die Fläche, die 1938 mit jarowisiertem Getreide bestellt war, rund 18 Millionen Hektar und die damit erzielten Ertragssteigerungen waren durchaus beachtlich. Diese anfänglichen Erfolge begründeten seinen Ruf und um ihn begann sich auch so etwas wie ein Personenkult zu entwickeln. Er wurde in der Presse als „Genie“ tituliert, was ihn wiederum beflügelte, eine allgemeingültige „Theorie“ zur Erklärung dieser neuen Zuchtmethode zu entwickeln. Und damit verließ er die Pfade der seriösen Wissenschaft. Als großer Vorteil erwies es sich für ihn, dass seine schlichten Ideen bei Stalin auf offene Ohren stießen. Seine Erfolge wurden hochstilisiert, seine genau so vielen Misserfolge dagegen unter den Teppich gekehrt und seine Kritiker mundtot gemacht. In seinen theoretischen Schriften negierte er den Zufall bei evolutionären Prozessen und begründete das mit Zitaten von Lenin und Stalin. 

Nach Lyssenko stellen die Erbanlagen so etwas wie ein „Konzentrat aus den Umwelteinflüssen“ dar, den das Lebewesen über Generationen ausgesetzt war. Auf dieser völlig falschen Prämisse entwickelte er schließlich eine Art „neuer Biologie“, die zwar ganz auf dem Fundament des „Dialektischen Materialismus“ stand, aber ansonsten mit Biologie an sich nur noch wenig zu tun hatte. Sie fand sogar Eingang in die Schullehrbücher der damaligen Sowjetunion. Darin konnte man lesen, dass es Lyssenko und seinen Mitarbeiter beispielsweise gelungen ist, Kiefern in Fichten und Weizen in Roggen zu verwandeln und das es bald Apfelbäume geben wird, welche selbst in den Kältesteppen Sibiriens eine reiche Ernte versprechen. Der Lyssenkoismus ist vielleicht das Paradebeispiel dafür, wie unter dem Einfluss einer politischen Ideologie Wissenschaft quasi durch ein Dogma ersetzt wird.

Da wurden Weiber zu Hyänen - das Massaker auf dem Marsfeld


Als „Rock“ wurde im Mittelalter gewöhnlich ein Obergewand mit Ärmeln, welches sowohl von Männlein als auch von Weiblein getragen wurde, bezeichnet. Und zwar nicht etwa, weil es „steinfarben“ war, wie ein Anglist vielleicht vermuten würde, sondern weil sich dieser Begriff von dem althochdeutschen „roc“ (=Gespinst) oder „ruc“ (=„spinnen“) ableitet. Vor dem Aufkommen der Hose (bei Männern) oder des Höschens (bei Frauen), war er bei der minderbemittelten Kaste des Volkes neben langen Strümpfen oftmals das einzige Kleidungsstück und reichte bei den Herren bis etwa zum Knie und bei den Frauen bis zu den Fußknöcheln. Darunter wurde gewöhnlich nichts getragen, ein Sachverhalt, der bekanntlich in früheren Zeiten bei den Schotten bei kriegerischen Auseinandersetzungen als psychologische Waffe eingesetzt wurde. Der Rock, und zwar der Damenrock, genaugenommen dasjenige, was er zu verbergen suchte, erlangte interessanterweise genau zwei Jahre nach dem Sturm auf die Bastille, dem Auslöser der Französischen Revolution, sogar eine gewisse weltpolitische Bedeutung. 

Ich meine damit das furchtbare Massaker auf dem „Feld der Föderation“, allgemein „Marsfeld“ (Champs de Mars) genannt, am 17. Juli 1791 in Paris. An diesem, wie die Geschichtsschreiber berichten, ausnehmend schönen Tag, war eine Massenversammlung der republikanischen Partei angesetzt, bei der das Volk aufgerufen wurde, ihre Unterschrift unter ein Memorandum zur Entthronung des gefangengesetzten Königs Ludwig XVI. zu setzen. Dazu war eine hölzerne Tribüne aufgebaut worden, wo die Petition auf dem „Altar des Vaterlandes“ zur Unterzeichnung auslag. Das war natürlich nicht im Sinne der Royalisten, weshalb sich eine gewisse angespannte Lage eingestellt hatte. Hinauf zur Tribüne führte eine breite hölzerne Treppe, welche die zur Unterschrift bereiten Bürger – und Bürgerinnen mit ihren langen Röcken (und nichts darunter) – emporsteigen musste. Und das „nichts darunter“ interessierte zwei junge Männer, die sich deshalb schon recht früh, ausgestattet mit Proviant und einem kleinen Fässchen Wein (es waren ja Franzosen), unter diese Treppe begaben und in die sie, zwecks einer besseren Sicht, zuvor ein paar Löcher gebohrt hatten. Aber die Unternehmung ging gründlich schief. 

Ein paar Frauen entdeckten die Voyeure und begannen sie ganz arg zu verdreschen gemäß der Schiller’schen Erkenntnis, dass bei sowas „...Weiber zu Hyänen…“ werden. Inzwischen verbreitete sich in Blitzeseile das Gerücht, dass man unter der Treppe zwei royalistische Spione mit einem Fass voller Pulver entdeckt habe, die den „Altar des Vaterlandes“ in die Luft sprengen wollten. Jetzt mischten sich auch wütende Männer in die Händel ein, aber nicht mit Füßen und Fäusten, wie es die Damen taten, sondern gleich mit einem Messer in der Hand. Nach einer Version des Geschehens stach man die beiden nieder, schnitt ihnen die Köpfe ab, steckte diese auf Stangen und trug sie triumphierend über den Platz. Nach einer anderen und glaubhafteren Version hat man sie ohne viel Federlesen einfach an der nächsten Laterne aufgehängt. Der damit verbundene Aufruhr alarmierte das royalistisch eingestellte Militär unter Marie-Joseph Motier, Marquis de La Fayette (1757-1834), welches dann auch von der aufgebrachten Menschenmenge – alle Republikaner - mit Steinen beworfen wurden. Und irgendwann löste sich der erste Schuss. Und kurze Zeit später lagen über hundert von ihnen (nach neueren Forschungen sollen es höchstens 50 gewesen sein) tot um den „Altar des Vaterlandes“ herum. Der Rest ist schnell erzählt. La Fayette verlor seine Reputation unter dem Volk, Danton floh nach England, Desmoulins und Marat in den Untergrund. Viele weitere wurden in Gewahrsam genommen. Und am 21. Januar 1793 wurde schließlich Ludwig XVI. und am 16. Oktober des gleichen Jahres auch seine Frau Marie-Antionette (die mit dem Kuchen) von dem berühmten und wegen seiner Kunstfertigkeit hoch angesehenen Pariser Henker Charles-Henry Sanson mittels der von einem heute vom Namen her immer noch bekannten Arzt erfundenen Maschine enthauptet. Es ist sicherlich amüsant sich auszumalen, was passiert wäre, wenn damals die Damen bereits Unterwäsche und kürzere Röcke getragen hätten…