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Schöne neue Welt und “Big Brother is watching you“


Drei herausragende Werke einer fiktiven Gesellschaftskritik waren insbesondere in total organisierten Staaten (Diktaturen) gefürchtet, weshalb sie dort auch meist nicht zugänglich waren. Das ist einmal „Brave new World“ („Schöne neue Welt“) von Aldous Huxley (1894-1963) von 1932, der darin eine düstere Fiktion eines totalitären Staates entwickelt, welcher zwar weitgehend gewaltlos daherkommt („Weltregierung“), aber stattdessen durch „Menschenzüchtung“ und ideologische Indoktrination seine Machtbasis festigt. Auf der Liste der 100 wichtigsten Bücher des 20. Jahrhunderts der Pariser Tageszeitung "Le Monde" findet sich dieser Roman auf Platz 21, sofort gefolgt von „1984“ von George Orwell (1903-1950). Er erschien im Sommer 1949 im Londoner Verlagshaus „Secker & Warburg“ und sollte Orwells letztes Werk sein, denn er starb bereits ein Jahr später an Tuberkulose. Den großen Erfolg, den er mit dieser düsteren Schilderung einer totalitären Gesellschaft ("Big Brother is watching you") landete, hat er leider nicht mehr erlebt. Die düstere Vision "Ozeaniens", wo "Big Brother" herrscht, ein "Neusprech" („War is peace; Freedom is slavery; Ignorance is strength.“) die Gedanken vernebelt und die Menschen bis in ihre innersten Gedankengänge und Gefühle manipuliert, wurde besonders in den kommunistischen Regimes gefürchtet, da sich hier offensichtlich leicht erkennbare Parallelen auftaten. Wer, wenn nicht Josef Stalin selbst, sollte sich auch hinter dem „dicken schwarzen Schnauzbart“ verbergen, den „Big Brother“ trägt? Und der kleine Mann, mit den wirren weißen Haaren und dem Ziegenbärtchen, der sich im Roman Emmanuel Goldstein nennt – waren das nicht die Züge Leo Trotzkis, dem späteren Erzfeind Stalins? 

Bereits 1950 erschien die erste deutsche Übersetzung von „1984“, welches zuvor in den Vereinigten Staaten und dem Vereinigten Königreich viel Aufmerksamkeit – auch politisch gewollt – erregt hat. So ist es nicht verwunderlich, dass der Roman in der DDR verboten und nicht mal in den „Giftschränken“ der Universitätsbibliotheken zu finden war. 1978 gab es sogar die ersten Verurteilungen im Zusammenhang mit diesem Buch: Mehrjähriger Knast war demjenigen sicher, der erwischt wurde, dieses Buch gelesen und an andere verborgt zu haben. Dieser Umstand „adelte“ den Roman dahingehend, dass er quasi zur Pflichtlektüre von Dissidenten in der DDR wurde. Ich selbst habe ihn als Student Mitte der 1980er Jahre in Form einer schlechten Fotokopie einer bundesdeutschen Taschenbuchausgabe gelesen, ohne aber recht die „Gefährlichkeit“ der darin dargestellten Gedanken nachvollziehen zu können, die immerhin mehrere Jahre Gefängnisaufenthalt rechtfertigen sollten. 

Nach dem Fall der Mauer deutete sich mit der rasanten Entwicklung der modernen Informationstechnologien und ihrer Anwendungen eine Änderung in der Interpretation des Werkes in Form einer „negativen Utopie“ an. Heute wird mit „Orwell“ oder „1984“ in der Regel sofort die Utopie eines totalen Überwachungsstaates assoziiert, wie er mittlerweile technisch möglich geworden ist. NSA-Skandal und Vorratsdatenspeicherung (natürlich nur für hehre Ziele!) sind nur zwei Stichpunkte in diesem Zusammenhang. Bei alledem sollte man aber nicht verkennen, Orwells Roman ist keine Prophetie, sondern eine Warnung. /*/

Das dritte Buch, welches ich hier in Erinnerung rufen möchte, stammt auch von George Orwell: „Farm der Tiere“ (1945). Es war in den Ostblockstaaten unter den Herrschenden besonders verhasst, weil in der erzählten Parabel die Machtstrukturen der „Diktatur der Arbeiterklasse“ besonders klar zu erkennen waren. Das Gebot „Alle Tiere sind gleich – aber manche sind gleicher“ (original „All animals are equal, but some are more equal than others.“) ist mittlerweile zu einem geflügelten Wort geworden um auf zynische Weise auszudrücken, dass das revolutionäre Prinzip der „Gleichheit“ (Égalité) in keiner hierarchisch organisierten Form des Zusammenlebens der Menschen zu verwirklichen ist. 
Das Prinzip der „Gleichheit“ ist ein wichtiges Prinzip der Staatstheorie und von Thomas Hobbes (1588-1678) als Ausgangspunkt seiner Überlegungen zu einem Gesellschaftsvertrag gemacht worden. In dem er einen Naturzustand des Menschen postuliert, in dem jeder Mensch zwar als gleichwertig und frei gilt, unter dem aber Anarchie und Gesetzlosigkeit herrschen und in dem jeder Mensch dem Menschen ein Wolf ist, leitet er dessen Naturrecht ab, seine egozentrische Natur gegen jeden anderen Mitmenschen, auch gegen deren Widerstand, mit Gewalt durchzusetzen, was wiederum als Ausdruck seiner individuellen Freiheit gilt. Um diesen Naturzustand zu verlassen, muss er, nach Hobbes, aus reinen Selbsterhaltungsgründen unter Aufgabe seines Selbstbestimmungsrechtes letztendlich einen Unterwerfungsvertrag gegenüber einem Souverän abschließen, dessen absolute Macht ein friedliches Zusammenleben seiner „Untertanen“ untereinander ermöglicht. Auf diese Weise entsteht, wie er in seiner staatstheoretischen Schrift „Leviathan“ von 1651 ausführlich beschreibt, ein Abhängigkeitsverhältnis in Form eines Gesellschaftsvertrages, der die Möglichkeit bietet, über kodifizierte Rechte und Gesetze einen Ausgleich zu schaffen, der letztlich in der Institution des Staates aufgeht. Dessen Aufgabe besteht darin, ein Übergewicht gegen die anarchischen Leidenschaften zu schaffen, in dem er auf vereinbarte Art und Weise die natürlichen Freiheitsrechte des Individuums einschränkt und Verstöße gegen Gesetz und Ordnung ahndet: 

„Ich übergebe mein Recht, mich selbst zu beherrschen, diesem Menschen oder dieser Gesellschaft unter der Bedingung, dass du ebenfalls dein Recht über dich ihm oder ihr abtrittst.“ 

Der Souverän ist hier der Rechtsgarant und Gewaltmonopolist. Er garantiert, soweit er rational und vernünftig handelt, Lebens- und (in Hinsicht auf das Naturrecht eingeschränkte) Freiheitsrechte seiner Untertanen und ist in der Lage „alle Bürger zum Frieden und zu gegenseitiger Hilfe gegen auswärtige Feinde zu zwingen.“ Seit Hobbes wird Gleichheit in erster Linie, aber nicht nur, als „Gleichheit vor dem Gesetz“ verstanden und ist so – seit 1775 (Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika) – zum Bestandteil vieler Verfassungen geworden.

/*/ man denke nur an den unfähigsten Justizminister aller Zeiten (UJAZ) und sein "Netzwerkdurchsetzungsgesetz"...

Die “Politische Korrektheit“ in der Euphemismus-Tretmühle...

"Menschenrassen" - Meyers Konversationslexikon 1904

Eng mit der früher oft praktizierten „staatlichen“ Zensur ist bekanntlich die sie heute ablösende „Politische Korrektheit“ verwandt, die – zwar nicht kodifiziert – zur Selbstzensur anregt, in dem sie z. B. versucht, bestimmte, entweder zu Recht oder zu Unrecht disqualifizierte Wörter aus dem Wortschatz zu verbannen. Das ursprüngliche Ziel war es, der verbalen Diskriminierung von Minderheiten durch Einführung einer neutralen Sprache entgegenzuwirken – ein durchaus löbliches Unterfangen, wenn es nicht zu einer ideologischen Waffe „entartet“ (wieder so ein politisch inkorrektes Wort!) wäre. So ist es sicherlich richtig und damit nicht verkehrt, in offiziellen Schriften „Zigeuner“ mit dem korrekten Begriff „Sinti und Roma“ zu bezeichnen. Wenn aber ein „Zigeunerschnitzel“ (hinter dem sich ja eine konkrete Vorstellung verbirgt und sicherlich nicht ein „Schnitzel aus dem Fleisch eines Zigeuners“) ab sofort „politisch korrekt“ nur noch „Balkanschnitzel“ (oder, wie nun seit 2013 hochoffiziell in Hannover, „Paprikaschnitzel“) genannt werden darf, dann wird es nur noch lächerlich. Dabei soll nicht verhehlt werden, dass das Streben nach politischer Korrektheit durchaus Phantasie und Kreativität fördert und sich auf diese Weise – insbesondere für Germanisten – völlig neue Tätigkeitsfelder erschließen lassen. Und da gibt es wahrhaft große Herausforderungen. Nehmen wir z. B. die „Klofrau“ – wir kennen sie alle, die wir ab und an die von ihr überwachten, betreuten und in hygienisch einwandfreien Zustand gehaltenen Örtlichkeiten aus rein biologischen Gründen aufsuchen müssen. Uns würde nie der Gedanke kommen, dass dieser Begriff den Beruf oder die ihn ausübende Person irgendwie diskriminiert. Andererseits ist es aber durchaus wahr, dass unter einigen Mitmenschen (meist beruflich „höhergestellten“, die meinen, dass ihre „Tätigkeit“ irgendwie „wertvoller“ sei, da besser bezahlt) dieser Begriff zur Abqualifizierung von Tätigkeiten geringeren sozialen Prestiges verwendet wird. Und um dieser Minderheitenmeinung Paroli zu bieten, haben Leute, die sonst nichts Vernünftiges den Tag über zu tun haben, einmal den Begriff der „Toilettenpflegerin“ und, natürlich, des „Toilettenpflegers“ (zusammengefasst mit „Gender Gap“ „Toilettenpfleger_innen“ - man schreibe mal "Hebamme" mit "Gender Gap") erdacht, um zumindest erst einmal eine Geschlechtergleichberechtigung zu erreichen - das hehre Ziel des Wissenschaftszweiges „feministischer Sprachforschung“. Aber hier steckt leider immer noch das üble Wort „Toilette“ drin. Doch auch hier wussten die Fachleute der deutschen Sprache schnell Abhilfe: „Toilettenpfleger_innen“ sind nämlich ganz neutral in Wahrheit facility manager, die im „McClean“ eines städtischen Hauptbahnhofes oder abseits einer Hotel-Lobby ihrer nützlichen Tätigkeit nachgehen. Da ist es kein Wunder, das normale Menschen eine „politisch korrekte“ Sprache immer mehr mit einer lächerlichen Euphemisierung sowie einer dogmatischen, intoleranten Politik assoziieren. 

Das ganze Elend ging übrigens mit dem Wort „Neger“ los, der uns ältere Semester alle noch als Quengelware beim Bäcker in Form des „Negerkusses“ in Erinnerung ist (politisch korrekt ist hier die Bezeichnung „Schokokuss“). In Grimm’s Wörterbuch lesen wir dazu „NEGER, m. der schwarze, der mohr, aus franz. négre (lat. niger)“. Es handelt sich um eine seit Beginn des 18. Jahrhunderts akzeptierte Bezeichnung für Menschen aus Afrika, deren Haut nun mal (aus heute leicht nachvollziehbaren Gründen) „schwarz“ ist. Im Aufkommen diverser Rassentheorien, die angebliche Unterschiede zwischen „minder bemittelten“ niederen Rassen (alle, die keine weiße Hautfarbe hatten) und einer „höher bemittelten“ Herrenrasse thematisierten, um z. B. koloniale Ausbeutung oder die Sklavenhaltung in den amerikanischen Südstaaten zu begründen, entwickelte sich von der Semantik her das Wort „Neger“ (oder, in den USA „Nigger“) immer mehr zu einem rassistisch motivierten Schimpfwort. Dem versuchten progressive Kräfte gegen Ende des 20. Jahrhunderts durch eine neue Begrifflichkeit entgegen zu treten: aus „Neger“ wurden „Schwarze“. Aber irgendwann war auch die Bezeichnung „Schwarze“ negativ konnotiert, so dass man nun das Wort „Farbige“ ins Spiel brachte. Nur halten sich nun mal dunkelhäutige Menschen selbst nicht für „bunt“ wie Aras, weshalb als neuer „Vorschlag“ „Afro-Amerikaner“ in das Wörterbuch der politically correctness Einzug hielt. Aber leider war der typische „Afrikaner“ kein „Afro-Amerikaner“, was den Bedeutungsumfang dieses Begriffes doch zu stark einengte. 

Und hier offenbart sich schon das Dilemma einer politisch korrekten Sprache. Wenn Wörter mit negativer Konnotation durch „neue“ ersetzt werden, dann werden diese „neuen Wörter“ im Laufe der Zeit selbst auch eine negative Konnotation annehmen, solange sich das soziale Umfeld bzw. die sozialen Verhältnisse um den Begriff herum nicht ändern. Sie müssen dann wiederum durch einen noch „neueren Begriff“ ersetzt werden … ad infinitum (könnte man spaßeshalber sagen – „Ausländer“ – „Menschen mit Migrationshintergrund“ – „Menschen mit Zuwanderungsgeschichte“ - …, oder, ein anderes Beispiel: „Rabauken“ – „schwer erziehbare Kinder“ – „verhaltensgestörte Kinder“ – „verhaltensauffällige Kinder“ – „verhaltensoriginelle Kinder“ - … ). Der erfahrene Sprachkundler spricht hier von einer „Euphemismus-Tretmühle“, die, ist sie erst einmal losgetreten, so leicht nicht wieder anzuhalten ist. Niemand, aber auch niemand (auch die Betroffenen nicht) würde sich über Wörter wie „Neger“ oder „Zigeunerschnitzel“ aufregen oder sich diskriminiert fühlen, wenn die gesellschaftliche Wirklichkeit keinen Platz für Rassismus, Sexismus oder anderen Arten von Diskriminierung hätte. Denn mit Euphemismus (also dem „Schönreden“ von Problemen) leistet man keinen echten Beitrag zu deren Lösung. 

Wenn es z. B. in der Gesellschaft unisono wäre, dass es in Wirklichkeit keine „Menschenrassen“ gibt (was unter Biologen sowieso Konsens ist) und insbesondere die Hautfarbe nur eine den ökologischen Gegebenheiten angepasste phänotypsche Ausprägung bestimmter Gene ist (die moderne Genetik kann beweisen, dass genotypisch ein „schwarzes“ und ein „weißes“ Individuum unter Umständen miteinander näher verwandt sein können als zwei x-beliebige „weiße“ oder zwei x-beliebige „schwarze“ Individuen), dann wäre halt „Roter“, „Weißer“, „Gelber“ oder „Schwarzer“ (Neger) nur eine neutrale Begrifflichkeit für diesen Fakt und man könnte sich die andauernde Umdeutung von Begriffen ersparen. Besser wäre es, man würde sich bemühen, die gesellschaftlichen Verhältnisse entsprechend zu ändern (z. B. durch Investitionen in Bildung und Erziehung). Denn political correctness ist bei näherer Betrachtung nichts anderes als eine Verschleierung der Wirklichkeit, um sie besser aussehen zu lassen als sie ist und um Scheinprobleme zu schaffen, über die sich dann unter Ausklammerung der wirklich wichtigen gesellschaftlichen Probleme trefflich streiten lässt. Sie lässt sich aber auf Dauer nicht aufrechterhalten, denn es gilt immer noch der alte Satz von Abraham Lincoln: 

„Man kann alle Leute einige Zeit und einige Leute alle Zeit, aber nicht alle Leute alle Zeit zum Narren halten.“ 

Dabei bedeutet die Redewendung „zum Narren halten“ von der ursprünglichen Bedeutung her eigentlich nur „jemanden als Hofnarren“, d. h. als „Spaßmacher“ zu halten, der sich gegenüber seinem „Halter“ gewisse Freiheiten parodierender Art erlauben darf, die anderen schnell zum Verhängnis werden können. Aber das ist schon wieder ein anderes Thema...

Definition Euphemismus, Beispiele Euphemismus, Neusprech, Orwell 1984

Eine hinreichend fortgeschrittene Technologie... - für Freunde des sowjetischen Films


Das Internet im Allgemeinen und das World Wide Web im Besonderen kann man im Sinn von Arthur C. Clarke (1917-2008) sicherlich als eine „hinreichend fortgeschrittene Technologie“ betrachten, die von Magie nicht mehr zu unterscheiden ist. Arthur C. Clarke war im „Westen“ derjenige, der der Science-Fiction – Literatur zum Durchbruch verholfen hat. Man denke nur an den großen Roman „Odyssey im Weltraum“ von 1968, der auch verfilmt wurde. 

Im „Osten“ war sein Pendant ohne Zweifel Stanislaw Lem (1921-2006), der ein genauso genialer Utopist war wie auch Clarke. Sein berühmtestes Werk ist „Solaris“ aus dem Jahre 1961, das vielen Kennern in der Verfilmung von Andrei Arsenjewitsch Tarkowski (1932-1986) ein Begriff ist. Dass es sich hier um ein außergewöhnliches Werk handeln muss, erkennt man an den mittlerweile drei Verfilmungen und einem halben Dutzend Bühnenstücken, die Teile des Werkes adaptieren. Und natürlich daran, dass es in der DDR 1962 keine Druckerlaubnis erhalten hat. Erst 1983 erschien es dann doch noch im Verlag „Volk und Welt“, nachdem bis dahin schon zwei sowjetische Filmfassungen vorlagen. Dabei gilt die Fassung, die unter Widerständen der große sowjetische Regisseur Andrei Arsenjewitsch Tarkowski 1972 abgeliefert hat, als ein Highlight der Filmgeschichte. Es ist nicht unbedingt ein Film, der es nur auf Unterhaltung abgesehen hat. Seine Bedeutung liegt darin, dass er die Parabel über Tod, Liebe und Auferstehung (die in Lem’s Roman nur ein Nebenzweig darstellt) in stiller, aber überaus beeindruckender Weise umgesetzt hat. Aber auch die US-Verfilmung von Steven Soderbergh mit George Clooney in der Hauptrolle ist eine durchaus gelungene Umsetzung des komplexen Stoffes. Stanislaw Lem war übrigens mit beiden Verfilmungen nicht zufrieden, da sie doch zu sehr von der Romanvorlage abwichen.

Zu "sowjetischen Zeiten" ist in der damaligen Sowjetunion eine große Zahl von Filmen entstanden, die durchaus das Prädikat „Meisterwerk“ verdienen. Ich meine damit nicht nur die vielen Märchenfilme, die die Kindheit vieler DDR-Bürger geprägt und die auch heute noch nicht ihren ganz eigenen Charme verloren haben. Hier soll nur „Abenteuer im Zauberwald“ von 1964 als Beispiel unter Vielen erwähnt werden. Und wer russische Befindlichkeiten verstehen will, der sollte sich unter anderem wieder einmal den Märchenfilm von Alexander Ptuschko (1900-1973) von 1956 „Ilja Muromez“ anschauen. Ich meine in diesem Zusammenhang Filme, die auf eine subtile Art und Weise Gesellschaftskritik üben und es schwer hatten, durch die damalige Zensur zu kommen. Sie wurden meist nur auf diversen Festivals gezeigt und waren so gut wie nicht im DDR-Fernsehen zu sehen. 

Aber auch die russische Geschichte barg immer wieder Themen, denen sich sowjetische Regisseure wie Sergei Fjodorowitsch Bondartschuk (1920-1994, „Krieg und Frieden“, „Waterloo“), Sergei Michailowitsch Eisenstein (1898-1948, „Iwan der Schreckliche“, „Alexander Newski“), Andrei Arsenjewitsch Tarkowski („Andrej Rubljow“, „The Mirror“, „Nostalghia“, „Stalker“) und Elem Germanowitsch Klimow (1933-2003, „Agonia“) widmeten. Dabei will ich die heroischen Kriegsfilme, die mit massivem materiellem Aufwand den „Großen Vaterländischen Krieg“ glorifizierten, gar nicht im Einzelnen nennen. Ich meine eher stille Filme, wie „Abschied von Matjora“ (Elem Germanowitsch Klimow, Larissa Schepitko (1938-1979) aus dem Jahre 1983, „Dersu Usala“ (Akira Kurosawa (1910-1998)) aus dem Jahre 1975 und „Briefe eines Toten Mannes“ von Konstantin Lopuschanski aus dem Jahre 1986. Er ist quasi die sowjetische Antwort auf den Hollywood-Film „The Day After – der Tag danach“ (1983) mit Jason Roberts (1922-2000) in der Hauptrolle. 

Der Film „Briefe eines Toten Mannes“ ist dabei noch weitaus verstörender als „The Day After“. Ich habe den Film 1986 anlässlich des „Festivals des sowjetischen Films“ in Leipzig gesehen, wo ich einen Freund besuchte, der auch die durchaus begehrten Karten besorgt hatte. Was sich dabei eingebrannt hat, war weniger der Inhalt des Filmes, sondern dessen Schluss. Normalerweise beginnen schon mit dem Abspann die ersten Gäste den Kinosaal zu verlassen. Hier mitnichten. Erst als das Licht anging, standen die ersten Gäste auf – und zwar ohne auch nur ein Wort zu sagen. Stumm leerte sich der Kinosaal… Es war der reinste Wahnsinn. Ob der Film auch heute noch derartige Emotionen hervorrufen würde, wage ich indes zu bezweifeln. Ein versehentlicher Atomkrieg (oder ein von der Journaille herbei geschriebener) ist heute offensichtlich kein Thema mehr in der Bevölkerung. Themen sind hier eher „Castor-Transporte“ sowie „genmanipulierte Lebensmittel“, um nur die beiden echten „Highlights“ neben dem noch viel schrecklicheren CO2 zu nennen. Dabei gilt genauso auch heute noch der Satz „Wir sind noch nicht davongekommen“. Die Doomsday Clock steht im Jahre 2017 bei 2 1/2 Minuten vor Zwölf. Diesen Stand hatte sie das letzte Mal im Jahre 1984 zur Zeit des Höhepunktes des atomaren Wettrüstens. Aber niemand scheint das irgendwie zu interessieren. Man denkt, dass der Fortschritt in den Informationstechnologien das zufällige Auslösen eines Atomkrieges irgendwie unwahrscheinlicher machen wird. Aber das ist ein Irrtum. Indem Entscheidungsketten immer mehr automatisiert werden, nehmen im gleichen Maße auch die menschlichen Einflussmöglichkeiten ab.

Das Lehrbuchbeispiel ist mit dem Namen Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow verbunden, von dem die Welt erst im Jahre 1998 etwas erfahren hat. Es könnte sein, dass wir ihn unser aller Leben verdanken. 

1983 war das Jahr, als ein sowjetischer Abfangjäger die koreanische Passagiermaschine abschoss, die aus immer noch nicht vollständig geklärten Gründen in den sowjetischen Luftraum eingedrungen war. Alle 269 Insassen der Boeing 747 kamen dabei ums Leben. Damals hatte in den USA Ronald Reagan (1911-2004) und in der Sowjetunion der bereits schwer kranke Juri Wladimirowitsch Andropow (1914-1984) das Sagen. Die politische Stimmung zwischen den Supermächten war aufgeheizt wie schon lange nicht mehr. Zu genau dieser Zeit, am 26. September 1983 (also 26 Tage nach dem Abschuss der Korean Air 007 über Sachalin) schrillten im Kommandostand von Serpuchow-15, der Computerzentrale des satellitengestützten Raketenwarnsystems „Oko“, die Sirenen. An diesem Tag war Oberst Petrow der diensthabende Offizier. Der riesige Bildschirm zeigte den Start einer Interkontinentalrakete auf einer amerikanischen Militärbasis an, registriert vom militärischen Spionagesatelliten Kosmos 1382. In rund 25 Minuten wird sie irgendeine Stadt in der Sowjetunion erreichen. Was jetzt streng nach Vorschrift zu tun ist, war jeden der im Komplex diensthabenden Militärs bekannt. Der Countdown zur Apokalypse begann zu ticken. Aber Oberst Petrow war ein Quereinsteiger, von der Ausbildung her Ingenieur, und er fragte sich, wie wahrscheinlich denn ein Erstschlag mit nur einer Rakete ist, wenn dem ein massiver Gegenschlag entgegensteht. Und er kam zu dem Schluss, dass es sich um einen Fehlalarm handeln muss. Davon ließ er sich auch nicht abbringen, als der Satellit kurz hintereinander noch eine zweite, dritte, vierte und fünfte abgefeuerte Rakete meldete. Nach Meinung amerikanischer Militäranalysten war die Welt niemals wieder so nahe an ihrer atomaren Selbstauslöschung wie in jener Nacht vom 25. zum 26. September 1983. Zwar hätte der diensthabende Oberst nicht die letzte Entscheidungsgewalt gehabt (die oblag dem schwerkranken Andropow), aber er konnte immerhin an entscheidender Stelle eine fatale Ereigniskette, die u. U. unbeabsichtigt zu einem nuklearen Schlagabtausch hätte führen können, noch rechtzeitig unterbrechen. Dass er damit entgegen den Dienstvorschriften recht getan hat, zeigte der folgende Morgen. Denn „Oko“ hatte Reflexionen der aufgehenden Sonne an Wolken in der Nähe der Malmstrom Air Force Base in Montana, wo auch US-amerikanische Interkontinentalraketen stationiert waren, als Raketenstarts fehlinterpretiert. Die Frage, die uns alle angeht, die aber von der Mehrheit der Bevölkerung ignoriert wird, ist die Frage, ob solch eine Situation, die unbeabsichtigt in einen Nuklearkrieg ausarten kann, heute auch möglich wäre. Und diese Frage ist ganz eindeutig und ohne Abstriche mit „ja“ zu beantworten. Solange Kernwaffen mit einer Overkill-Kapazität auf der Welt existieren, bleibt die Gefahr, dass sie auch einmal eingesetzt werden – ob beabsichtigt oder unbeabsichtigt – latent bestehen. Darüber sollte man sich keiner Illusion hingeben. 

Mit dem 21. Jahrhundert kündigen sich unruhige Zeiten an. Globale Finanzkrisen erschüttern den sozialen Zusammenhalt ganzer Staaten, das Bevölkerungswachstum geht mit einer zunehmenden Ressourcenverknappung einher, die Kräfteverhältnisse zwischen den wirtschaftlich entscheidenden Staaten verschieben sich, Feindbilder, die man überwunden glaubte, werden neu gepflegt und auch anachronistische religiöse Konflikte, bei denen tiefstes geistiges Mittelalter auf Moderne trifft, sind kaum mehr beherrschbar. Dazu kommt noch die ständig fortschreitende Vernetzung aller Lebensbereiche mit den Mitteln der Informationstechnologien, die nicht nur offensichtliche Vorteile bringen, sondern auch neue Eingangstore für Terror und Zerstörung mit kaum vorhersagbaren Folgen öffnen. 

Genauso beunruhigend ist, dass sich durch bloße technische Missgeschicke Katastrophen anbahnen können, die eine Eigendynamik entwickeln und sich letztendlich kaum mehr beherrschen lassen. Man denke nur an die versehentliche Freisetzung eines als biologische Waffe konzipierten letalen Krankheitserregers oder an einen Softwarefehler, der vielleicht eine chemische Fabrik a la Bhopal in die Luft fliegen lässt. Und hier lassen sich noch viele Beispiele finden. 

Ein Begriff, der in diesem Zusammenhang immer wieder zu hören ist, ist der Begriff der „Sicherheitslücke“. Manche Softwarefirmen kommen gar nicht mehr hinterher, derartige „Sicherheitslücken“ zu schließen, wie sie von ambitionierten Hackern gefunden und gnadenlos ausgenutzt werden. Solange sie nur den heimischen PC betreffen, sind sie vielleicht noch verschmerzbar. Wenn sie aber Einfallstore in wichtige, lebenserhaltene Systeme wie die der Energiewirtschaft oder in militärische Systeme ermöglichen, dann reicht ein einziger Irrer mit der Einstellung von Leuten aus, die heute mit Computerviren die Welt verseuchen, um Katastrophenszenarien wahr werden zu lassen, von denen man eigentlich nichts Näheres wissen möchte. Von allen globalen Katastrophen, die uns heimsuchen können (Meteoriteneinschläge, Supervulkanausbrüche), sind die selbstfabrizierten die bei weitem Wahrscheinlichsten. 

Und hier zeigt sich ein interessantes Phänomen, welches die Risikowahrnehmung betrifft. Risiken werden nämlich immer inhärent subjektiv empfunden. Objektiv lässt sich dagegen ein Risiko beispielsweise durch eine Eintrittswahrscheinlichkeit und Schadensbilanz quantifizieren. So kann es sein, dass man als Individuum ein objektiv unwahrscheinliches Ereignis (Flugzeugabsturz) als ein größeres Risiko wahrnimmt als der bedeutend wahrscheinlichere Fall, Opfer eines Verkehrsunfalls zu werden. Diese Diskrepanz zwischen Risikowahrnehmung und objektivem, genau quantifizierbaren Risiko ist mittlerweile auch ein probates Mittel politischer Einflussnahme geworden. Ein schönes neues neudeutsches Wort, an dem auch die Brüder Grimm sicherlich ihre Freude gehabt hätten und dass diesen Sachverhalt wie die Faust aufs Auge beschreibt, ist „German Angst“. Der größte Feind des Deutschen scheint nähmlich z. Z. neben dem „Gen“ und dem Kohlendioxidmolekül das „Atom“ zu sein. Grüne Indoktrinationen haben hier fern jeder Objektivität ganze Arbeit geleistet. Das ist immer dann verhängnisvoll, wenn reine Ideologie auf Defizite im Bildungssystem stößt. 

Auf dem Weg nach Utopia?


Jenseits aller Ideologien und Religionen besteht der eigentliche Sinn unserer Existenz in dem Streben nach Glück, wie es einmal der Dalai Lama (Tendzin Gyatsho) ausgedrückt hat. Aber echtes individuelles Glück kann nun mal nicht auf dem Unglück anderer Gedeihen. 

Es wird also Zeit, sich wieder einmal mit „konkreten Utopien“ auseinanderzusetzen, um mit Ernst Bloch (1885-1977) zu sprechen. Das Problem ist, dass die Zukunft offen ist und Vorhersagen über gewisse Entwicklungen nur – und auch da nicht sicher – über einen überschaubaren Zeithorizont möglich sind. Daran scheitert übrigens regelmäßig die „Futurologie“, die Lehre von den möglichen zukünftigen Entwicklungen, sobald sie den überschaubaren Zeithorizont überschreitet. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts sagte man z. B. ein „Pferdemistproblem“ für die Zukunft vorher. Allein in New York lebten um 1900 etwa 100.000 Pferde, die als Zugtiere unentbehrlich waren. Sie produzierten täglich etwa 1400 Tonnen Pferdemist, der natürlich kontinuierlich von den Straßen entfernt werden musste. Diese Menge sollte sich, wie plausible Hochrechnungen der Städteplaner zeigten, im Zuge des stetigen Wirtschaftswachstums immer weiter erhöhen, so dass schließlich eine vollständige und zeitnahe Entfernung sowie ein Abtransport irgendwann nicht mehr möglich ist. Eine Überschlagsrechnung ergab das pessimistische Ergebnis, dass man um 1950 mit einer ca. 3 Meter hohen Schicht von Pferdemist auf allen New Yorker Straßen zu rechnen habe. Gottseidank konnte dieses Horrorszenario durch die Erfindung des Automobils (dessen Erfolg seinerzeit die Zukunftsforscher so nicht vorhergesagt haben) noch einmal abgewendet werden. 

Es ist auch heute noch schwierig, der Zukunftsforschung so etwas wie eine „Wissenschaftlichkeit“ zu bescheinigen, wenn sie vorgibt, Aussagen über zukünftige Entwicklungen zu machen, die einen Zeithorizont von vielleicht zehn Jahren übersteigen. Man denke hier nur an den Siegeszug des Computers, der zu jener Zeit, als von Steve Jobs (1955-2011) der erste „Apple“ vorgestellt wurde, so noch nicht abzusehen war. Unerwartete politische und technologische Entwicklungen können bekanntlich schnell eine Zukunftsprognose zunichte machen. Trotzdem sind Zukunftsmodelle nicht per se sinnlos. Sie sind in Hinsicht auf gewisse Fragen sogar äußerst wichtig, soweit sie Basisparameter wie z. B. das Bevölkerungswachstum sowie gewisse, für die wirtschaftliche Entwicklung wichtige Kennziffern betreffen. Auch die zukünftige Entwicklung des Erdklimas gehört ohne Zweifel dazu, und zwar unabhängig davon, ob sie einen wesentliche anthropogenen Anteil enthält (und damit zumindest theoretisch in gewissen Grenzen steuerbar ist) oder nicht. 

Wenn man jedoch eine konkrete Vorstellung von einer wünschenswerten Zukunft hat, dann spricht man von einer Utopie. „Utopia“ ist erst einmal ein Ort, den man als „Nirgendwo“ übersetzen kann. Er wird immer dann bemüht, wenn man zu den herrschenden gesellschaftlichen Verhältnissen einen positiven Kontrast einer „Idealwelt“ aufbauen möchte, wie es die frühen Utopisten versucht haben. Die Marxisten haben schließlich daraus eine nach ihren eigenen Anschauungen „wissenschaftliche“ Lehre gemacht, indem sie die geschichtliche Entwicklung der Menschheit (genauer des Abendlandes) hin zu einer klassenlosen Gesellschaft, quasi einem kommunistischen Elysium, extrapolierten. Damit erhielt sie einen eschatologischen Touch, wie man sie sonst nur von monotheistischen Religionen her kennt. Hier wird „Utopie“ als reale Möglichkeit gedacht, ja sogar zum Ziel sozialökonomischer Entwicklungen stilisiert. 

Denkt man eine Utopie als etwas Wünschenswertes, Erstrebenswertes, dass sich jenseits von reinen Luftschlössern erreichen lässt, dann gelangt man zu dem von Ernst Bloch geprägten Begriff einer „konkreten Utopie“. Sie ist eng mit dem „Prinzip Hoffnung“ verbunden, welches zugleich auch der Titel des philosophischen Hauptwerks Ernst Blochs ist, in dem er in Bezug auf das real Mögliche Wege gesellschaftlicher Entwicklungen aufzeigt, die nichts mit dem Bau von „Wolkenkuckucksheimen“ zu tun haben, sondern Handlungsanweisungen aufzeigen, um Wünschenswertes real werden zu lassen. Bei Ernst Bloch ist der Weg das Wesentliche und dessen Endpunkt bleibt nebulös und zweitrangig, aber trotzdem soweit sichtbar, dass er als wünschenswertes Ziel erhalten bleibt.

Bei den „romantischen Utopisten“ wird dagegen das wünschenswerte „Endziel“ als ein „Utopia“ vorgegeben und der Weg dahin bleibt nebulös. 

Thomas Morus (1478-1535) war ein englisch-liberaler Politiker. In seinem 1516 verfassten Werk „Utopia“ schildert er eine in seinen Augen liberale Idealgesellschaft, die durchaus modern anmutet. Tommaso Campanella (1568-1639) entwarf in seinem „Sonnenstaat“ (1602) einen utopischen Staat, der seine Wunschvorstellung einer päpstlichen Universalmonarchie unter Aufhebung des Privateigentums (das er als Ursache aller sozialen Übel ausmachte) entsprach. Henri de Saint-Simon (1760-1825) wiederum, zweihundert Jahre später, prägte als Zauberwort „l’Industrie“ – nur die nützliche Güter produzierenden und nützliche Dienstleistungen anbietenden Mitglieder des Gemeinwesens (im Gegensatz zu den „parasitären Elementen“, worunter er in erster Linie den Adel verstand) sind für ihn wertvoll für die Gesellschaft. 

Heute müssen wir uns Gedanken darüber machen, wie die Menschheit selbstverschuldete lokale und globale Katastrophen verhindern kann, in dem man als Wunschvorstellung eine im Gleichgewicht mit der Natur existierende Gesellschaft, die den Planeten nicht überfordert, sich nicht selbst ausrottet und trotzdem dem wissenschaftlich-technischen Fortschritt verhaftet bleibt, vorgibt und die Wege dahin aufzeigt: Begrenzung des Bevölkerungswachstums, ressourcensparende Kreislaufwirtschaft, Beendigung der Zerstörung der Biodiversität des Planeten, Primat der Politik bei Konfliktsituationen, Abbau des Potentials der versehentlichen Selbstzerstörung, Überwindung der Armut und der Unwissenheit auf der Welt durch Modelle der gleichberechtigten Teilhabe an sozialen Mindeststandards, globales Denken etc. pp. Hier ist in erster Linie die Politik gefragt. Aber ob man Politikern, die in undurchschaubare Interessensnetzwerke eingebunden sind und bei denen i. d. R. mehr ein kurzfristiges Denken von Wahlperiode zu Wahlperiode zu erwarten ist, in dieser Hinsicht vertrauen kann, sei jedoch dahingestellt. Auch die vielfältigen Interessengegensätze zwischen den Nationen erschweren eher die Inangriffnahme der Lösung globaler Probleme. Auf jeden Fall kommt dem 21. Jahrhundert eine Schlüsselrolle in der Geschichte der Menschheit zu, was die Menge und das Ausmaß der zu lösenden Probleme betrifft. Aber andererseits sind die Aussichten, diese Probleme in den Griff zu bekommen, vielleicht doch besser, als allgemein angenommen. Da der Mensch der Urheber aller dieser Probleme ist (und das auch selbstkritisch erkannt hat), liegt es auch in seiner Macht, sie zu lösen. Seine Chance liegt in seinem kreativen Potential, verbunden mit den neuen technischen Möglichkeiten, wie sie beispielsweise die modernen Telekommunikationsmittel bieten. Sie ermöglichen einen instantanen Austausch von Informationen, den Erwerb von Wissen (wenn man es nur will) sowie die Einflussnahme in politische Prozesse über Ländergrenzen hinaus durch eine globale Vernetzung vieler Millionen Menschen über soziale Netzwerke. Internet-Plattformen wie Wikileaks haben gezeigt, dass es für Regierungen und Geheimdienste nicht mehr so einfach ist, im Geheimen zu agieren und sie so einer verstärkten Kontrolle durch die Öffentlichkeit ausgesetzt sind. 

Wir wissen zwar nicht, wie die Welt in vielleicht 50 Jahren aussehen wird. Aber man kann heute durchaus mit dazu beitragen, dass sich die Welt mehr in einem positiven Sinn in Richtung Zukunft verändert.

"Fake news" und das Berufsbild des "Zensors"


„Lieder“, aber auch Gedichte, Flugschriften und natürlich Bücher waren in der Geschichte oftmals durchaus probate Mittel der Auseinandersetzung zwischen Herrschern und Beherrschten, was im 16. Jahrhundert zu dem neuen und nun wieder auferstandenen Berufsbild des „Zensors“ geführt hat und der oftmals bei der Polizeibehörde angesiedelt war (heute wird er zeitgemäß "outgesourct, z. B. an die "Amadeo Antonio-Stiftung", die entsprechende Expertise vorhält). Die Aufgabe des Zensors bestand (und besteht neuerdings wieder) darin, für die Öffentlichkeit bestimmte Druckschriften (heute in der Regel Webinhalte) ihrem Inhalt nach zu überprüfen, ob die darin enthaltenen Informationen oder Meinungsäußerungen den jeweils herrschenden Gesetzen konform gehen oder nicht, ob sie ethisch vertretbar sind oder nicht oder ob sie einfach „höhergestellten Personen“ auf den Senkel gehen würden oder nicht. Damit sind natürlich noch lange nicht alle Gründe aufgeführt, die zu einer „Zensur“ führen können. Und auch heute ist, wie bereits erwähnt, dieses Thema Dank H.  M. durchaus wieder ein Thema, obwohl diese Berufsbezeichnung (und offiziell die damit verbundene Tätigkeit) zumindest in Deutschland bis dato offiziell nicht mehr geführt bzw. ausgeführt wird. 

Zwar steht im entscheidenden Titel unseres Grundgesetzes „Zensur findet nicht statt“, aber dafür hat politische Korrektheit und „Selbstzensur“ Einzug in die Medienpraxis gehalten. Und damit kein Missverständnis entsteht, die „Zensur“ ist nicht unbedingt an den Beruf des „Zensors“ gebunden. Das Verbot missliebiger Schriften ist so alt, wie es „missliebige“ Schriften gibt. Besonders hervorgetan hat sich hier die katholische Kirche mit ihrem „Index Librorum Prohibitorum“, dem „Index der verbotenen Bücher“, welches 1559 zum ersten Mal öffentlich gemacht und erst 1966 wieder abgeschafft wurde. Aber darum soll es hier nicht gehen.

Es soll eher um die „Kleingeister“ gehen, die das Geschäft des „Zensierens“ quasi amtlich durchführten und dabei zwangsläufig auf „große Geister“ stießen, denen sie geistig nicht im Geringsten gewachsen waren. Die Beweise dafür haben sie in den Texten hinterlassen, die von ihnen mit viel Akribie und durchaus auch Phantasie verunstaltet wurden. 

Fangen wir mit einem zweifellos „großen Geist“ an, mit Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) und seiner Tragödie „Faust I“. Hier hatten es dem Zensor insbesondere die „jugendgefährdenden“ Verse angetan. Dabei schwelgte er manchmal selbst in Dichtkunst, wie folgende Beispiele beweisen: So heißt es bei Goethe „Ach, kann ich nie – Ein Stündchen ruhig dir am Busen hängen, - und Brust an Brust und Seel an Seele drängen?“. Was, eine ganze Stunde am „Busen“ hängen? Nein, das geht beileibe nicht – also wurde der Vers gestrichen und flugs vom Zensor umgedichtet: „Ach, kann ich nie – Ein Stündchen ruhig bei dir sein, - Doch ungestört wir beide nun allein, - Man hat sich doch so manches Wort zu sagen, - das keine Zeugen will!“. 

Wenn es dann auch noch um kirchliche Dinge ging, da lief der Zensor in Höchstform auf: So liest man in der bekannten Schülerszene Mephistos Ratschlag „Doch Euch des Schreibens ja befleißt, - Als diktiert‘ Euch der Heilig‘ Geist!“, was so natürlich keinesfalls stehenbleiben durfte: „Doch Euch des Schreibens ja befleißt, - Weil dies allein studieren heißt.“ 

Das „Zensieren“ durchaus auch eine intellektuelle Leistung darstellt, bewies ein Zensor bei der Entschärfung des Spottlieds „Es saß ein Ratt im Kellernest“, dessen erste Strophe vollständig lautet „Es saß ein Ratt im Kellernest, - Lebte nur von Fett und Butter, - Hat‘ sich ein Ränzlein angemäst’t – Als wie der Doktor Luther“. „Dr. Luther! – nein, das geht gar nicht“, muss es wie ein Blitz durch das Kleinhirn des Zensors gezuckt sein. Aber nach einigen Stunden Kopfzerbrechen hatte er die Lösung: „Es saß ein Ratt im Kellernest, - Lebte nur von Fett und Butter, - Hat‘ sich ein Ränzlein angemäst’t – Wie der gelehrteste Chinese.“ Heute würde in manchen Weltgegenden auch die Zeile „Uns ist ganz kannibalisch wohl – Als wie fünfhundert Säuen!“ (aus dem „Flohlied“) mit hoher Wahrscheinlichkeit als bedenklich eingestuft und das dazugehörige literarische Werk zumindest als „harām“ qualifiziert, unter Umständen vielleicht sogar gleich in Gänze verboten werden, obwohl bereits eine vor ~200 Jahren zensierte Version existiert, an der man an der kompromittierten Stelle „Tralleral-la, - Tralleralla!“ lesen kann. Aber da das ja auch irgendwie von einer Art Lebensfreude kündigt, dürfte selbst das noch einer Fatwa wert sein… Übrigens, da fällt mir gerade ein, Herr Erdogan hat in seinem Sultanat erst vor wenigen Tagen das Lehren der "Darwinschen Evolutionsbiologie" verboten. Jetzt müssen dort offenbar die Biologielehrbücher teilweise geschwärzt werden...

Ein Zensor war normalerweise so etwas wie eine "achtungsgebietende Amtsperson", und die hatte sich, wie jede andere Amtsperson auch, an Anweisungen zu halten. Meist waren sie aber so allgemein formuliert, dass der Zensor einen großen Spielraum in deren Auslegung hatte. Der deutsche Literaturwissenschaftler Heinrich Hubert Houben (1875-1935) zitiert z. B. einen Erlass der österreichischen und erzkatholischen Kaiserin Maria Theresia (1717-1780), welcher detaillierte Direktiven über die Behandlung protestantischer und antikatholischer Schriften sowie deren Verfasser enthält. Er schreibt dazu: 

„Die Verfasser protestantischer und antikatholischer Schriften erwartet Verbannung und Kerker. Schon der Besitz lutherischer, ketzerischer, überhaupt unkatholischer Schriften war aufs strengste verpönt; sie standen außerhalb allen Eigentumrechtes, jeder Geistliche durfte sie konfiszieren, wo er sie fand, jeder Privatmann war bei Strafe verpflichtet, anzugeben, wo immer er sie gesehen hatte. Wer ein Buch kaufte, musste es innerhalb von vier Wochen seinem Pfarrer zur Prüfung vorlegen, sonst erhielt er 3 Gulden Strafe, die sich im Wiederholungsfall empfindlich steigerte. Ein Drittel der Strafgelder fiel dem Denunzianten zu; daher stand die niederträchtigste Spionage in voller Blüte. Hausdurchsuchungen waren an der Tagesordnung. Die Koffer der Reisenden wurden auf den Zollämtern durchsucht, alle bedenklichen Bücher weggenommen, verbotene verbrannt. Verkleidete Beamte der geistlichen Bücherpolizei besuchten als harmlose Kunden die Buchläden, schlichen sich in das Vertrauen der Händler und drangen in sie, ihnen verbotene Bücher zu verschaffen; ließen die Buchhändler sich überreden, so entdeckten sich die Spitzel als Polizisten, beschlagnahmten die Werke und nahmen die Verkäufer in Strafe.“ 

Wie man sieht, hatte man sowohl als Autor, als Buchhändler und selbst als Leser schlechte Karten, wenn man gegen die Zensurbehörde opponierte. Die „Zensur“ ist deshalb bis heute ein probates Mittel der Ausübung von Herrschaft. Andererseits war dasjenige, was gerade in früheren Zeiten „zensiert“ wurde, aus heutiger Sicht eher peinlich. Die schönsten Beispiele stammen dabei aus der „Theaterzensur“. So machte ein Zensor in dem bekannten Stück „Kabale und Liebe“ (von Friedrich Schiller) den Hofmarschall von Kalb zum „Oberkleiderwart“, da ja in der Auffassung der Zeit ein „Marschall“ niemals ein Intrigant sein kann. Schiller hatte eh Zeit seines Lebens mit Zensoren zu kämpfen, denen sein Werk nicht „politisch korrekt“ genug war, um es unverhunzt der Allgemeinheit vorlegen zu können. Nehmen wir nur „Die Jungfrau von Orleans“. Hier hatte es die Heldin des Stücks, Agnes Sorel, den Zensoren angetan, denn Schiller führte sie als Mätresse des französischen Königs Karl VII. ein (was sie natürlich auch war). Aber das dürfte nach Meinung der Zensurbehörde nicht sein, so dass sie in der zensierten Version dieses Dramas als rechtmäßige Gemahlin des Königs zu erscheinen hatte. Und so ließen sich noch viele Beispiele finden.

Aber die Praxis der Zensur, die zu einem nicht unwesentlichen Teil auf die Zuarbeit von Spitzeln und Denunzianten angewiesen war, mussten sich selbst mit „Gasthäusern“ herumschlagen, wenn deren Reklametafeln nicht den Zensurrichtlinien zu entsprechen vermochten. So erging es beispielsweise dem 1816 in Paris eröffneten Gasthaus „Boeuf à la mode“, von dem berichtet wird, dass es am Tag seiner Eröffnung mit einem Schild versehen war, auf dem man werbewirksam einen mit einem Schal und einem Strohhut aufgeputzten Ochsen sehen konnte. Was folgte, war eine Anzeige eines Polizeispitzels, der einen ganzen Rattenschwanz an Folgetätigkeiten, Untersuchungen, Rücksprachen (bis hin zum Polizeiminister!) und sogar eine geheime Inaugenscheinnahme des betreffenden Schildes zur Folge hatte. Denn die Anzeige des Spitzels hatte es in sich: 

„Der auf dem Schild dargestellte Ochse ist bekanntlich das Symbol des Gemästetseins. Der Schal, der ihn ziert, ist von roter Farbe, der Schmuck auf dem Hut besteht aus weißen Federn und blauen Bändern. Von seinem Hals hängt ein Band samt einer Verzierung ähnlich dem Orden vom „Goldenen Vlies“, der von Fürsten getragen wird. Der Hut soll offensichtlich die Krone darstellen und ist im Begriff, herunterzurutschen. Diese Anspielungen dienen zweifellos als Beweis dafür, dass jenes Aushängeschild nichts anderes ist als eine niederträchtige Karikatur von der Person Ihrer Majestät.“ 

– hier Ludwig XVIII. Für die Zensurbehörde spricht in diesem Fall, dass sie nach der geheimen Inspektion (man vermutet in Verbindung mit einem Besuch des Gasthofs) von einer weiteren Verfolgung der Angelegenheit Abstand genommen hat. Das Restaurant, in Versailles gelegen (an der Rue de la Paroisse), existiert übrigens heute noch und besitzt einen ausgezeichneten Ruf. 

Eng mit der „staatlichen“ Zensur ist die sie heute ablösende „Politische Korrektheit“ verwandt, die – zwar nicht kodifiziert – zur Selbstzensur anregt, in dem sie z. B. versucht, bestimmte, entweder zu Recht oder zu Unrecht disqualifizierte Wörter aus dem Wortschatz zu verbannen. Das ursprüngliche Ziel war es, der verbalen Diskriminierung von Minderheiten durch Einführung einer neutralen Sprache entgegenzuwirken – ein durchaus löbliches Unterfangen, wenn es nicht zu einer ideologischen Waffe „entartet“ (wieder so ein politisch inkorrektes Wort!) wäre. So ist es sicherlich richtig und damit nicht verkehrt, in offiziellen Schriften „Zigeuner“ mit dem korrekten Begriff „Sinti und Roma“ zu bezeichnen. Wenn aber ein „Zigeunerschnitzel“ (hinter dem sich ja eine konkrete Vorstellung verbirgt und sicherlich nicht ein „Schnitzel aus dem Fleisch eines Zigeuners“) ab sofort „politisch korrekt“ nur noch „Balkanschnitzel“ (oder, wie nun seit 2013 hochoffiziell in Hannover, „Paprikaschnitzel“) genannt werden darf, dann wird es nur noch lächerlich. Dabei soll nicht verhehlt werden, dass das Streben nach politischer Korrektheit durchaus Phantasie und Kreativität fördert und sich auf diese Weise – insbesondere für Germanisten – völlig neue Tätigkeitsfelder erschließen lassen. Und da gibt es wahrhaft große Herausforderungen. Nehmen wir z. B. die „Klofrau“ – wir kennen sie alle, die wir ab und an die von ihr überwachten, betreuten und in hygienisch einwandfreien Zustand gehaltenen Örtlichkeiten aus rein biologischen Gründen besuchen müssen. Uns würde nie der Gedanke kommen, dass dieser Begriff den Beruf oder die ihn ausübende Person irgendwie diskriminiert. Andererseits ist es aber durchaus wahr, dass unter einigen Mitmenschen (meist beruflich „höhergestellten“, die meinen, dass ihre „Tätigkeit“ irgendwie „wertvoller“ sei, da besser bezahlt) dieser Begriff zur Abqualifizierung von Tätigkeiten geringeren sozialen Prestiges verwendet wird. Und um dieser Minderheitenmeinung Paroli zu bieten, haben Leute, die sonst nichts Vernünftiges den Tag über zu tun haben, einmal den Begriff der „Toilettenpflegerin“ und, natürlich, des „Toilettenpflegers“ (zusammengefasst mit „Gender Gap“ „Toilettenpfleger_innen“) erdacht, um zumindest erst einmal eine Geschlechtergleichberechtigung herzustellen - das wahrhaft hehre Ziel des Wissenschaftszweiges „feministischer Sprachforschung“. Aber hier steckt leider immer noch das üble Wort „Toilette“ drin. Doch auch hier wussten die Fachleute der deutschen Sprache schnell Abhilfe: „Toilettenpfleger_innen“ sind nämlich ganz neutral in Wahrheit "facility manager", die im „McClean“ eines städtischen Hauptbahnhofes oder abseits einer Hotel-Lobby ihrer nützlichen Tätigkeit nachgehen. Da ist es kein Wunder, das normale Menschen eine „politisch korrekte“ Sprache immer mehr mit einer lächerlichen Euphemisierung sowie einer dogmatischen, intoleranten Politik assoziieren.

Und hier offenbart sich schon das Dilemma einer politisch korrekten Sprache. Wenn Wörter mit negativer Konnotation durch „neue“ ersetzt werden, dann werden diese „neuen Wörter“ im Laufe der Zeit selbst auch eine negative Konnotation annehmen, solange sich das soziale Umfeld bzw. die sozialen Verhältnisse um den Begriff herum nicht ändern. Sie müssen dann wiederum durch einen noch „neueren Begriff“ ersetzt werden … ad infinitum (könnte man spaßeshalber sagen – „Ausländer“ – „Menschen mit Migrationshintergrund“ – „Menschen mit Zuwanderungsgeschichte“ - …, oder, ein anderes Beispiel: „Rabauken“ – „schwer erziehbare Kinder“ – „verhaltensgestörte Kinder“ – „verhaltensauffällige Kinder“ – „verhaltensoriginelle Kinder“ - … ). Der erfahrene Sprachkundler spricht hier von einer „Euphemismus-Tretmühle“, die, ist sie erst einmal losgetreten, so leicht nicht wieder anzuhalten ist. Niemand, aber auch niemand (auch die Betroffenen nicht) würde sich über Wörter wie „Neger“ oder „Zigeunerschnitzel“ aufregen oder sich diskriminiert fühlen, wenn die gesellschaftliche Wirklichkeit keinen Platz für Rassismus, Sexismus oder anderen Arten von Diskriminierung hätte. Denn mit Euphemismus (also dem „Schönreden“ von Problemen) leistet man keinen echten Beitrag zu deren Lösung.