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Kaiserlinge, Brechmittel, Urinale - und die große Frage "Was ist eigentlich Leben?"

Quelle: Wikipedia

Viele Leute meinen, dass der Fliegenpilz aufgrund seiner jedem Kind bekannten Form und Farbe unverwechselbar sei. Das stimmt aber nicht ganz. Denn es gibt durchaus einen ähnlichen Verwandten, und zwar einen so ausgezeichneten Speisepilz, dass er im alten Rom in erster Linie dem „Kaiser“ (der dort bekanntlich „Cäsar“ genannt wurde) und seinem Gefolge vorbehalten war. Es ist der Kaiserling (Amanita caesarea). Nur ist er in Mitteleuropa und speziell in Deutschland recht selten. Aber man beobachtet zunehmend, dass er sich in Folge der „allgemeinen Klimaerwärmung“ langsam auch in Süddeutschland heimisch zu fühlen beginnt. Sein Hauptverbreitungsgebiet liegt jedoch südlich der Alpen, wo er ausschließlich (ähnlich wie die Trüffel) in Laubwäldern zu finden ist. 

Fungus suillus, wie der Kaiserling und manchmal auch der Steinpilz genannt wurden, war im alten Rom ein hochgeschätzter Speisepilz, den der Gourmet manchmal sogar im rohen Zustand verzehrte. Da man es damals mit der Unterscheidung zwischen „Speisepilze“ und „Giftpilze“ noch nicht so genau nahm wie heutzutage, wurde bei einem angesetzten „Pilzessen“ immer ein Brechmittel vorgehalten, um bei einem eventuellen Unwohlsein eine problemlose Magenentleerung zu ermöglichen. Galenos von Pergamon (oft kurz „Galen“ genannt, 129 – 215 n. Chr.) kannte da als berühmter Arzt eine ganze Anzahl entsprechender Mittelchen. Sie wurden gewöhnlich auch mit der Absicht eingenommen, bei einem sich hinziehenden Fressgelage wieder freien Platz im Magen zu schaffen...

Deshalb waren entsprechende Etablissements auch mit einem speziellen Raum, dem Vomitorium, ausgestattet, wo der dem Lukullus huldigende Römer sein Brechmittel (auch „Vomitorium“ genannt) ungestört einnehmen konnte… Der weniger betuchte Römer musste für diesen Zweck stattdessen explizit die „Latrina“ besuchen. Latrinen waren damals äußerst wichtige Einrichtungen und die dort separat aufgestellten Urinale wurden sogar zeitweise (beispielsweise unter dem Kaiser Vespasian) mit einer speziellen Steuer belegt (Pecunia non olet!). Der Grund dafür war, dass der Kaiser, na was schon, Geld brauchte. Und da war es für dessen Argumentation günstig, dass einige Handwerke, z. B. die Tuchfärber und Ledergerber sowie insbesondere die damaligen Wäschereien auf den sich darin ansammelnden Urin angewiesen waren, denn „Perwoll©“ oder „Ariel©“ kannten die Römer damals noch nicht. 

Was die Stofffärberei betrifft, ist nicht der Urin selbst, sondern das sich daraus bildende Ammoniak das wesentliche Reagenz. Es wird benötigt, um beispielsweise mit Hilfe von Färberwaid (Isatis tinctoria) Stoffe blau zu färben. 

Bei diesem speziellen Färbeverfahren, welches als Indigofärben bekannt ist, wird zuerst das in der Färberwaidpflanze enthaltene Glykosid Indikan fermentiert. Dazu formt man die zuvor zu einem Brei zermahlenen und vergorenen Waid-Pflanzen zu Waidkugeln und lässt sie anschließend in der Luft trocknen. Auf diese Weise entsteht aus dem Indikan durch Gärung das in Wasser unlösliche gelbe Indoxyl. Um es herauszulösen, muss man diese Kugeln nur noch in abgestandener Pisse einweichen (Ammoniak!) und danach mit Pottasche (Kaliumkarbonat) reduzieren. Der nun wasserlösliche Farbstoff lässt sich jetzt problemlos auf Stoffe wie Leinen übertragen, der sich zuerst leuchtend gelb und dann, unter Einwirkung des Luftsauerstoffs, tiefblau färbt – aus Indoxyl ist durch Oxidation Indigo geworden. 

Da indigoblaue Stoffe zu jener Zeit in Rom (und natürlich nicht nur dort) sehr begehrt und deshalb teuer waren, ist verständlich, warum die Latrinenbetreiber, die das von ihnen gesammelte Stoffwechselprodukt weiter veräußerten, vom römischen Staat besteuert wurden. Denn die Gerber, Färber und Wäscher waren damals ziemlich aufgeschmissen, wenn ihnen dieser spezielle „Latrinenrohstoff“ ausgegangen wäre... 

Doch wo kommt eigentlich das Ammoniak her, welches die geklärte Pisse in jener Zeit zu einem Wirtschaftsgut höchster Güte machte? Die Antwort ist „aus dem Harnstoff“ (lat. urea), einem Kohlensäurediamid, welches bekanntlich beim Aminosäureabbau in Lebewesen entsteht und im Gegensatz zu dem für den Organismus äußerst giftigen Ammoniak ungiftig ist. Deshalb war es noch vor hundert Jahren auch für einen Arzt eine gute und oft praktizierte Methode, „Harn“ zu kosten, um zu schauen, ob ein Patient zuckerkrank ist oder nicht. Schmeckte der Harn süßlich, dann ja, schmeckte er nicht, dann nein. Lange Zeit glaubte man, dass Harnstoff ein Stoff ist, der nur in Organismen durch die ihnen innewohnende „Lebenskraft“ hergestellt werden kann. 

Dann schüttete aber eines Tages Friedrich Wöhler (1800-1882) Silbercyanat und Ammoniumchlorid zusammen und erhielt wie durch ein Wunder Harnstoff. Das brachte ihm 1828 den Professorentitel und damit verbunden ein gesichertes Einkommen ein. Heute gilt dieses Jahr 1828 als Geburtsjahr der „Organischen Chemie“. Mit der „vis vitalis“ war es damit vorbei. Also nix mit „Lebenskraft“.

Die Biologen mussten sich also etwas Neues einfallen lassen, um das Phänomen „Leben“ erklären zu können. Und das ist bekanntlich gar nicht so einfach. So wurden auf der zweiten Astrobiologie-Konferenz der NASA, die im Jahre 2002 stattfand, über 100 Merkmale von Lebewesen zusammengetragen, die man so in der unbelebten Natur nicht findet. Die Frage ist, welche von diesen Merkmalen mindestens zusammenkommen müssen, um mit ihrer Hilfe eine Entität überhaupt als „Leben“ erkennen zu können. Denn eine Definition des „Lebens“ muss einen Wasserfloh, eine Katze wie meinen Kater Humpel, einen Schimmelpilz, eine Pusteblume und natürlich auch einen Menschen mit einschließen. Wesentlich ist aber, dass sie primär für ein „minimalistisches“ Lebewesen, einen primitiven Mikroorganismus, zutreffen muss. Und diese Definition soll ja schließlich auch noch jedes denkbare „Leben“, nicht nur das Irdische, umfassen. Und da wird es erfahrungsgemäß schwierig. 

Denn selbst die primitivste irdische Lebensform, die den Namen Nanoarchaeum equitans („reitender Urzwerg“) trägt, ist bereits ein Geschöpf, welches viel komplexer ist als das erste lebende „Etwas“, welches am Ende der chemischen Evolution (Abiogenese) auf der Erde erschienen ist. Und es wird sicher auch nicht so gewesen sein, dass es „piep“ gemacht hat, und dann war aus etwas „Anorganischem“ etwas „Lebendiges“ geworden. Der Übergang muss vielmehr ein Prozess aus vielen einzelnen, nacheinander folgenden Stufen gewesen sein und es ist nicht einmal undenkbar, dass das „Leben“ auf der Erde mehrfach parallel entstanden ist, aber nur eine Lebensform, und zwar die, „die wir kennen“, überlebte und sich zu dem entwickeln konnte, was unseren Planeten vor allen anderen Planeten lebenswert macht. 

Ein derartig mehrstufiger Prozess macht es schwierig, eine allgemeingültige Definition von Leben zu versuchen, weil man genau und begründet darlegen muss, ab welcher Stufe der Organisationsgrad eines lebenden Organismus erreicht ist – und das kann selbst die heutige Wissenschaft nicht leisten. Man erkennt das, wenn man z. B. versucht, eindeutige Kriterien für „minimalistisches Leben“ zu formulieren, etwa in der Form Merkmal A = selbsterhaltend, Merkmal B = Energiestoffwechsel, Merkmal C = Kompartimentierung durch eine halbdurchlässige Membran, Merkmal D = Fähigkeit, Komponenten (des Organismus) selbst zu erzeugen etc. pp. (wobei schon diese Merkmale betreffend keine Einigkeit unter den mit diesem Problem beschäftigten Wissenschaftlern besteht – und noch viel weniger, was deren Wichtung betrifft). Wenn dann A+B+C+D „minimalistisches Leben“ definiert, dann muss A+B+C noch „kein Leben“ und A+B+C+D+E bereits „nicht mehr minimalistisches Leben“ sein. Dabei kommt noch erschwerend hinzu, dass die Merkmale in der Merkmalsumme natürlich über alle zur Entscheidung dienenden Merkmale permutieren können… Es ist daher vernünftig, pragmatisch an das Problem heranzugehen. Das führt zwar dazu, dass weiterhin – so wie heute – eine Vielzahl von „Definitionen“ nebeneinander bestehen wird. Aber man kann sich dadurch auf verschiedene Weise wissenschaftlich-methodisch diesem erstaunlichen Phänomen nähern, chemisch, biologisch, systemtheoretisch, philosophisch und sogar physikalisch, wie es beispielsweise der berühmte Quantentheoretiker Erwin Schrödinger (1887-1961) einmal versucht hat. 

Viele „Definitionen“ von „Leben“ heben insbesondere die Notwendigkeit der Existenz molekularer Informationsspeicher hervor, die explizit den Bauplan eines lebenden Organismus enthalten und die über sehr lange Zeiträume in der Lage sind, die darin gespeicherten Informationen stabil, d. h. quasi von Generation zu Generation, weiterzugeben. Am Extremsten hat das wohl Richard Dawkins ausgedrückt, in dem er betonte, dass ein Lebewesen im Prinzip nur ein Vehikel ist, um seine Erbinformationen in Form der DNA über die Zeiten zu retten. Oder salopp ausgedrückt, „das Huhn ist die Methode, welche die Natur ersonnen hat, um aus einem Ei wieder ein Ei zu machen…“ Andere Definitionen heben wieder die mit dem eben Genannten zusammenhängenden Reproduktionsfähigkeiten lebender Entitäten besonders hervor. 

Und da wird es kompliziert: Der Esel ist danach ein Lebewesen, das Maultier dagegen nicht. Diese diskussionswürdige Erkenntnis ist Inhalt des „Mule paradox“, welches die Biologen eine Zeitlang beschäftigt hat. Maultiere sind nämlich – wie allgemein bekannt – grundsätzlich unfruchtbar. Aber wer würde es schon wagen, einem solchen sympathischen und genügsamen Tier das Attribut „Leben“ abzusprechen? Damit kommt man zu einem allgemeinen Problem beim Versuch, das Phänomen „Leben“ in eine allgemeingültige Definition zu pressen. Will man nämlich über das Niveau von Tautologien der Art „Leben ist ein Attribut lebender Systeme“ hinauskommen, muss man wiederum Begriffe verwenden, die ähnlich schwer zu definieren sind wie z. B. Komplexität, Information und Ordnung mit ihrem jeweils eigenen spezifischen Kontext. Summa summarum bleibt am Ende nichts weiter als die Feststellung, dass auch gegenwärtig noch alle Versuche, „Leben“ zu definieren, im hohen Maße umstritten sind. Es ist noch nicht einmal klar, ob es so etwas wie eine eindeutige Definition überhaupt gibt, die alle Aspekte lebender Materie adäquat zu erfassen und abzubilden vermag. 

Aber vielleicht ist es ähnlich wie mit dem Versuch, ein für alle Mal definieren zu wollen, was beispielsweise „Musik“ ist? Zumindest für den Autor gilt hier die zwar subjektive, aber ansonsten pragmatische Antwort – „ich weiß es in dem Moment, wenn ich sie höre…“ Dabei ist genaugenommen die Frage, wann „Geräusche“ in Musik und „Musik“ in Geräusche umschlagen, ähnlich schwer zu beantworten, wie die Frage des Übergangs zwischen unbelebter und belebter Natur am Ende der chemischen Evolution vor ca. 3,8 Milliarden Jahren. Diese Frage ist vielleicht sogar noch schwieriger, da die Einschätzung, wann Geräusche „Musik“ sind, nur subjektiv möglich ist, während sich die zweite Frage zumindest theoretisch objektiv beantworten lässt. Ich kann mir jedenfalls vorstellen, dass manche moderne Orchesterwerke einem Menschen wie Johann Sebastian Bach (1685-1750) wie üble Geräusche vorgekommen wären. Aber daran erkennt man auch, dass Musik „Zeitgeist“ ist, also nach Johann Gottfried Herder (1744-1803) die Mentalität einer Epoche widerspiegelt. Wenn man die Welt verstehen will, kommt man deshalb nicht umhin, sie historisch zu analysieren.

Jurassic Park oder wie groß kann eigentlich ein Tier überhaupt werden?

Spinosaurus aegyptiacus   (Aufnahme: Mike Bowler)

Die eher negative Bedeutung von „Tyrannis“ dürfte im Jahre 1905 dem Präsidenten des American Museum of History, Henry F. Osborne (1857-1935) bewogen haben, das Tier, von dem man in Colorado und Wyoming zuvor ein paar besonders eindrucksvolle versteinerte Knochen gefunden hatte, „Tyrannosaurus rex“ zu nennen, was aber nichts weiter als „Königsechse“ bedeutet. Der Name ist gut gewählt, denn im wirklichen Leben möchte man diesem, Gottseidank längst ausgestorbenen Tierchen, wirklich nicht begegnen. Allein schon die aus den Knochen abgeleiteten Basisdaten hatten es in sich: Länge ca. 12 m; Höhe 9 m; Gewicht zwischen 5 und 6 Tonnen; Schädellänge bis 1,5 m; Carnivore (fraß gerne Triceratops, aber wahrscheinlich auch Aas); bipede Haltung; maximale Laufgeschwindigkeit 15 bis 30 km/h; lebte vor 67 – 65 Millionen Jahren in Nordamerika und wurde rund 30 Jahre alt. In Aktion kann man ihn in diversen Hollywood-Verfilmungen besehen, wo er den „Jurassic Park“ virtuell unsicher macht. Welche schauerlichen Töne er von sich gegeben hat, als er durch die Landschaften des Maastrichtium geschlendert ist, ist leider nicht überliefert. In dieser Beziehung ist deshalb den genannten Filmen nicht unbedingt zu trauen. 

Ein besonders schönes knöchernes Exemplar einer Königsechse ist „Sue“, dessen (fast) vollständiges Skelett 1990 in Süd-Dakota im Cheyenne River Sioux Indian Reservation von Sue Hendrickson aufgefunden und sorgsam ausgebuddelt wurde. Es steht mittlerweile vollständig restauriert im "Field Museum of Natural History" in Chicago und kann dort, falls es einen einmal nach Chicago verschlagen sollte, besichtigt werden. Aber wer glaubt, dass Tyrannosaurus rex der größte landlebende Fleischfresser aller Zeiten gewesen ist, der täuscht sich. 

Er war gerade einmal 12 m lang und nicht 18 m, wie der im heutigen Nordafrika „versteinert“ aufgefundene Spinosaurus. Sein Maximalgewicht dürfte bei 9 Tonnen (T. rex bei 6 Tonnen) gelegen haben und sein Gebiss, welches den ca. 1,75 m langen Schädel zierte, dürfte manchem großen Fisch und vielleicht auch manchem Dinosaurier jener Zeit (frühe Oberkreide) den Garaus gemacht haben. Aber sein auffälligstes Merkmal war sein mächtiges Rückensegel, dessen Knochen aus der Fundstelle in Marokko wie Dornen aus dem Sedimentgestein ragten. Deshalb auch der Name „Dornenechse“ für diesen Dinosaurier der Superlative – zumindest unter den Karnivoren. Er lebte im Gegensatz zu seinen amerikanischen Verwandten hauptsächlich im Wasser, mästete sich dort zumeist an den etwas größeren Fischen und dürfte an Land ziemlich plump ausgesehen haben. Man kann sich ihn am besten als eine etwas groß geratene Mischung zwischen Krokodil und Ente (wegen seiner Paddelfüße) vorstellen. Und als man seine versteinerten Knochen im Jahre 1975 entdeckte, war damit auch gleich noch eine andere brennende Frage der Paläontologie beantwortet, nämlich die, ob es fleischfressende Dinosaurier gab, die nicht ausschließlich an Land, sondern auch in Gewässern lebten. Und die Antwort war eindeutig „ja“, in Afrika, und zwar ziemlich große… 

Was die Frage aufwirft, wie groß kann eigentlich ein Tier, speziell ein Landbewohner, überhaupt werden? Sind da irgendwelche Grenzen gesetzt, und wenn ja, welche? Dass Tiere nicht beliebig groß werden können, ergibt sich bereits aus der Biomechanik. Darin spielen Volumen (Gewicht), Festigkeit und Architektur des Innenskeletts sowie Anforderungen an die Mobilität eine wichtige Rolle. Immerhin will man ja nicht – auch nicht als Saurier – unter seinem eigenen Gewicht zusammenbrechen. Und je größer man ist, desto größer ist natürlich auch der Appetit. Den Luxus eines riesigen Körpervolumens kann man sich bekanntlich auch nur mit dem Luxus einer üppigen Nahrungsquelle erkaufen… 

Im Falle der Saurier war diese Erscheinung, in der Fachsprache „Gigantismus“ genannt, aber keine ausschließliche Frage des Appetits. Der Grund lag in einer „Parallelentwicklung“ zwischen „Fleischfressern“ und „Pflanzenfressern“, die gerne von den „Fleischfressern“ gefressen wurden. Der evolutionäre Antrieb, der durch die Physiologie der Reptilien noch befördert wurde (Vermehrung durch Eier, vogelartige Lunge, hohe Stoffwechselrate bei einem hohen Nahrungsangebot), ergab sich daraus, dass die potentiellen „Häppchen“ versuchten, möglichst schnell eine Größe zu erreichen, die für das Maul der Karnivoren einfach nicht mehr zu bewältigen war. Also wuchsen auch deren Maul und zwangsläufig, auch deren dazugehörige Körper mit jedem Evolutionsschritt. Auf diese Weise konnten dann noch größere Häppchen verspeist werden, was wiederum dazu führte, dass auch die „Häppchen“ im gleichen Maß größer wurden. Das ging bis zum argentinischen Puertosaurus, der im Zeitalter der Oberkreide als harmloser Pflanzenfresser dahinvegetierte und dabei eine Länge von 40 m und die Höhe eines mehrstöckigen Hauses erreichte. An diesen ausgewachsenen Fleischberg wagte sich dann nicht mal mehr der furchterregende Mapusaurus roseae heran, der mit einer Länge von 12,5 m immerhin noch ein bisschen größer war als sein nordamerikanischer Verwandter, die Königsechse T. rex. 

Gigantismus ist ein evolutionäres Konzept, welches nicht nur auf Dinosaurier beschränkt ist. Auch heute findet man noch viele Beispiele dafür. Man denke nur an die Riesenkalmare (bis 14 m Länge) oder an den Gigantismus der Riemenfische, die immerhin eine Länge von 17 m erreichen können und damit die längsten Knochenfische der Welt sind. Alle beiden Beispiele leben in größeren Meerestiefen, weshalb man sie nur selten zu Gesicht bekommt. Um sie spinnen sich viele Geschichten, die aber meist als „Seemannsgarn“ abgetan wurden, obwohl hinter manchen dieser Geschichten doch ein Fünkchen Wahrheit steckt… 

Warum heißen Schmetterlinge eigentlich "Schmetterlinge"?



Im englischen Sprachraum werden „Schmetterlinge“ bekanntlich als „Butterflies“ bezeichnet, was wörtlich übersetzt „Butterfliegen“ oder auch „Buttervögel“ bedeutet. Ein auf dem ersten Blick eigenartiger Name, dessen etymologische Nähe zum deutschen Wort „Schmetterling“ nicht auf dem ersten Blick erkennbar ist. Die bunten Tagfalter, die es bei uns in den vergangenen Jahrhunderten noch in viel größerer Individuenzahl gegeben hat als heute, haben sicherlich die Menschen veranlasst, ihnen in dem jeweiligen Dialekt ihrer bilderreichen und kernigen Sprache Namen zu geben, deren Sinn im Laufe der Zeiten vielfach wieder in Vergessenheit geraten ist. So findet man in den Romanen des Theodor Fontane ab und an den Begriff „Kalitten“ für Schmetterlinge – ein noch im 19. Jahrhundert im Havelland weitverbreiteter Name, der sich z. B. in dem Kinderreim

Kalitte, Kalitte setze dir, ich gebe dir auch Wein und Bier ...

erhalten hat (damit wollte man die Schmetterlinge beschwören, sich auf einer Blume niederzulassen). Er stellt wahrscheinlich eine Verballhornung und Verallgemeinerung des Namens „Kohlweißling“ („Kolwite“) auf „weiße“, „gelbe“ und „braune“ Tagschmetterlinge dar. Das ist aber nicht ganz sicher, denn bereits in der niederdeutschen Sprache („Plattdeutsch“) gibt es das Wort „Kielitt“ für Schmetterling.

Aber zurück zu „Schmetterling“. Im Mittelalter war der Aberglaube weit verbreitet, dass gewisse Nachtschmetterlinge in der Dunkelheit die Euter der Kühe aufsuchen, um daraus Milch zu saugen. „Molkadiebe“ ist dann ein durchaus passender Name, der sich in einigen Gegenden Deutschlands bis heute erhalten hat. Dazu kommt noch, dass damals die Vorstellung weit verbreitet war, dass sich Hexen des Nachts in graue Schmetterlinge verwandeln können, um bei den Bauern Butter, Rahm und Schmant zu stehlen. In der böhmischen Sprache bezeichnet „smetana“ Sahne und Rahm, im ostmitteldeutschen war dafür früher das Wort „Schmette“ oder „Schmetten“ üblich. Daraus hat sich durch Dissimilation die Bezeichnung „Schmetterling“ für die „Molkendiebe“ entwickelt, den wir noch heute für diese Insektenordnung verwenden. Nach einer anderen Lesart soll „Schmette“ außer Rahm auch noch „Seym“, d. h. „Honig“, bedeuten. Schmetterlinge wären demnach „Honiglinge“, welche von Blüte zu Blüte wandern, um daraus Honigseim (Nektar) zu saugen. Im Glatzer Bergland (Schlesien) sprach man im Volksmund von „Molkadiebschnopper“, wenn es sich um einen Tagschmetterling handelt und von „Mottakeenich“ bzw. „Tuud“ bei einem großen Nachtfalter.

Auch der Ursprung des Wortes „Falter“ lässt sich aus dem Nebel der Vergangenheit kaum noch rekonstruieren. Es stammt wahrscheinlich von dem urtümlichen Wort „Byfaltera“ ab, woraus sich Zwyfalter und schließlich der Begriff „Falter“ entwickelt hat. Heute ist jedenfalls nicht mehr eruierbar, ob sich dieser Begriff auf die zwei Flügelpaare bezieht, die Tagfalter in ihrer Ruhestellung zusammenfalten können (so wie betende Hände). In einem deutschen Schmetterlingsbuch von 1660 wird der Distelfalter (Pyrameis cardui) z.B. „Brauner Weyfalter“ genannt.

In alten Schriften findet man neben der Bezeichnung „Sommervogelin“ (zur Zeit Walthers von der Vogelweide) ab und an auch den Namen „Pfeifholter“ (in der Glossaria Augiensia des Klosters Reichenau im Bodensee (13. Jahrhundert) als „Phiffholtir“ enthalten) für Schmetterling. Vielleicht lässt er sich auf das lateinische Wort für Schmetterling „Papilio“, zurückführen?

Auch individuelle Schmetterlingsnamen beweisen, dass unsere Vorfahren gute Beobachter waren. Bei manchen waren die Farben ausschlaggebend (Dukatenfalter, Trauermantel, Bläuling), bei anderen wiederum ihr auffälliges Verhalten (z. B. „Bachantin“ oder „Tänzer“ für Lopinga achine). Die „Blutströpfchen“ heißen so wegen ihrer blutroten Flecken auf dunklen Untergrund. Manche Schmetterlingsnamen nehmen auf auffällige Körpermerkmale Bezug, so z. B. der „Erpelschwanz“ (Clostera pigra) oder das „Taubenschwänzchen“ (Macroglossum stellatarum).

Nachtfalter werden umgangssprachlich oft als „Motten“ disqualifiziert. Über den Ursprung dieses Wortes kann ich jedoch nicht viel berichten bis auf das, dass sich daraus das Wort „Made“ abgeleitet hat. In Schriften aus dem 13. Jahrhundert wird aber bereits auf die bücherzerstörende Wirkung von „Motten“ hingewiesen.

Erde - Planet der Bakterien

Unsere Erde ist biologisch gesehen ohne Zweifel ein Planet der Bakterien. Die erste Lebensform, die vor über 3,6 Milliarden Jahre auf der Erde entstand, war ein primitives Bakterium. Und auch das letzte Lebewesen, welches in ferner Zukunft die Epoche des Lebens auf der Erde beenden wird (weil die Sonne immer größer und heißer wird), wird nur noch ein Bakterium sein. Archaeen und Bakterien sind die Lebewesen auf der Erde, die sich am besten an extreme Lebensräume anpassen können. Einige von ihnen hätten sogar auf dem heutigen Mars eine gute Chance, über viele Generationen zu überleben. 

Wenn man näher über die Rolle der Bakterien auf dem Planeten Erde nachdenkt, umso mehr muss man zu dem Schluss kommen, dass nach allen vernünftigen Kriterien die Bakterien (genauer Prokaryonten) die vorherrschende Lebensform sind. Das betrifft auf jeden Fall die Anzahl ihrer Individuen als auch die in ihr konzentrierte Biomasse, die mindestens so groß ist, wie die Biomasse aller „Nichtbakterien“, also aller Tiere und Pflanzen zusammen, die gegenwärtig auf der Erde leben. Und auch der Mensch wäre ohne Bakterien nicht lebensfähig (und auch um einiges leichter). Hier sind vielleicht ein paar kaum zu glaubende Zahlen interessant. Ein menschlicher Körper besteht aus etwa 10 Billionen Körperzellen – und rund 100 Billionen Bakterienzellen. Letztere sind zwar viel kleiner als eine typische Körperzelle, aber immerhin bringen sie in der Summe bei einem Erwachsenen noch 2 bis 3 kg Masse auf die Waage. Die meisten Bakterien siedeln dabei im Magen-Darm-Trakt und sind für unser Leben essentiell. Aber auch unsere Haut und selbst die Zähne, wie jeder weiß, sind dicht mit Bakterien besiedelt. Insbesondere wäre ohne bakterielle Hilfe eine effektive Verdauung unserer Nahrung völlig unmöglich. Das bekannte Darmbakterium Escherichia coli ist dabei nur eines davon.

Genforscher haben weiterhin festgestellt, dass die den Menschen besiedelnden Mikroben mehr als drei Millionen Gene einbringen, die das Erbgut des Menschen um lebenswichtige Funktionen ergänzen. Alle diese Mikroorganismen – wahrscheinlich mehrere Tausend Arten (schwierig zu sagen, weil der Artbegriff aufgrund der Möglichkeit eines horizontalen Gentransfers bei Prokaryonten, zu denen Archaeen und Bakterien gehören, aufgeweicht und damit im Gegensatz zu Eukaryonten nicht eindeutig ist) – bilden das Mikrobiom des Menschen. Solch ein Mikrobiom unterscheidet sich dabei durchaus von Mensch zu Mensch. Aber auch jedes Lebensalter hat seine eigene Bakterienbesiedlung. Wissenschaftler sind heute sogar in der Lage, Mikrobiome nach gewissen Kriterien zu gruppieren, so dass man auf diese Weise sogenannte Enterotypen definieren kann. Unterschiedliche Menschen können dann unterschiedliche Enterotypen von Mikrobiomen besitzen, die sich sogar bewusst wechseln lassen, in dem man beispielsweise seine Ernährung von überwiegend Steaks auf überwiegend Spinat und Salat umstellt. 

Leider gibt es unter den vielen Bakterien auch einige wenige, die nach unserem Leben trachten. Dazu gehören (da in der Vergangenheit sehr prominent) das Bakterium Yersinia pestis, der von Flöhen übertragene Pesterreger, das Bakterium Corynebacterium diphtheriae, das noch vor über 150 Jahre die unheilbare, kindertötende Diphterie verursachte, und als letztes Beispiel der Milzbranderreger Bacillus anthracis, der eine unrühmliche Karriere als Biowaffe durchgemacht hat. Das trotzdem diese Krankheitserreger zu einem großen Teil ihren Schrecken verloren haben, verdanken wir der Arbeit vieler Mikrobiologen und forschenden Ärzten, von denen stellvertretend insbesondere Robert Koch (1843-1910), Emil Adolf von Behring (1854-1917) und Alexander Fleming (1881-1955) zu nennen sind. Letzterer fand mehr durch Zufall „die“ Waffe gegen bakterielle Infektionen aller Art und hat damit mittelbar unzähligen Menschen das Leben gerettet. Ich meine damit die Entdeckung der Stoffgruppe der Penicilline. Ihre eigentliche Bedeutung liegt darin, dass sie bei Bakterien nach deren Zellteilung das Wachstum der Zellwände behindern, wodurch die Bakterien infolge ihrer Volumenzunahme irgendwann platzen. Mit der industriellen Produktion dieser Wirkstoffe, die aus bestimmten Schimmelpilzen gewonnen werden, hatten die Mediziner ein äußerst wirksames Mittel in die Hand bekommen, das vielen bakteriellen Infektionskrankheiten den Schrecken genommen hat. Doch leider beginnt dieses Schwert stumpf zu werden. Genauso wie bei vielen anderen antibiotisch wirksamen Substanzen gibt es mittlerweile immer mehr krankmachende Bakterienstämme, die speziell gegen Penicilline (z. B. Penicillin G) oder ganz allgemein gegen alle möglichen Antibiotika resistent geworden sind. Manchmal hilft da zwar noch ein Mittel, wenn ein anderes nicht mehr hilft. 

Zeigt dagegen überhaupt kein Antibiotikum mehr Wirkung, dann spricht man von einem multiresistenten Bakterienstamm. Und diese sind, man muss es ehrlich sagen, quasi hausgemacht.

Die Entwicklung einer solchen Resistenz ergibt sich aus den Mechanismen der Darwin’schen Evolution und lässt sich im Rahmen der Evolutionsbiologie leicht erklären. Sie lehrt uns, dass Organismen, die sich am besten den äußeren Bedingungen anpassen können, auch am überlebenstüchtigsten sind und sich deshalb auch am stärksten vermehren. Wenn man also antibakteriell wirksame Substanzen zu oft oder nicht streng nach Vorschrift einsetzt (z. B. in der Tierhaltung), wird es immer ein paar Bakterienmutationen geben, die deren Wirkung überleben. Sie bilden mit diesem Vorteil eine Teilpopulation, in der diese Resistenz vererbt wird und die langsam alle anderen Teilpopulationen, die dieses Merkmal nicht aufweisen, verdrängen. Und genau das wird in Zukunft ein überaus ernstes Problem werden. Schon heute sterben allein in Deutschland jährlich um die 30.000 bis 40.000 Menschen an multiresistenten „Krankenhauskeimen“ - und die Zahl wird steigen, wenn es nicht gelingt, neue Stoffgruppen mit antibakterieller Wirkung zu entwickeln. Forschungen laufen in dieser Hinsicht - durchaus mit Erfolgen - auf Hochtouren. So arbeiten gegenwärtig weltweit rund sieben große und mehr als 20 kleine und mittlere Unternehmen an neuen Antibiotika (insbesondere Breitbandantibiotika) sowie anderen antibakteriell wirksamen Medikamenten. Aber ob es nachhaltig gelingen wird, das Rennen zwischen Hase (wir) und Igel (den multiresistenten Keimen) zu gewinnen, ist immer noch fraglich. Hier helfen genaugenommen nur ein äußerst verantwortungsvoller Umgang mit den vorhandenen Antibiotika sowie eine ergebnisorientierte Forschung weiter. Aber gerade Forschung im Pharmaziebereich ist äußerst aufwendig und extrem teuer. Das führt dazu, dass es auch heute noch für eine Vielzahl sehr seltener Krankheiten keine Arzneimittel gibt - einfach, weil sich damit kein Geld verdienen lässt. 

Aber das ändert sich langsam durch entsprechende Gesetzgebungsmaßnahmen, die Pharmaunternehmen, aber auch durch Steuergelder finanzierte Forschungseinrichtungen anregen bzw. sanft zwingen, nach derartigen, sogenannten „orphan drugs“, Ausschau zu halten. 

Ein instruktives Beispiel ist in diesem Fall die Entwicklung eines Impfstoffs gegen ein gewöhnlich nur selten in Afrika auftretendes hämorrhagisches Fieber - ich meine Ebola, welches nach einem Fluss in Kongo benannt ist. Wer an dieser Virusinfektion erkrankt (hier helfen primär keine Antibiotika - höchstens gegen Infekte, die sich in Folge des Krankheitsverlaufs einschleichen), leidet an extrem hohem Fieber, starkem Flüssigkeitsverlust, inneren Blutungen bis hin zu Organversagen, was die Todesrate davon infizierter Personen auf bis zu 90% ansteigen lässt. Als Viruserkrankung ist sie dabei noch hoch ansteckend, was ihre Behandlung weiter erschwert. Andererseits kam es in der Vergangenheit nur zu relativ kleinen lokalen Ausbrüchen in Afrika, bei denen nur einige Dutzend bis hin zu einigen Hundert, meist arme Menschen, betroffen waren - also genaugenommen keine Klientel, um Pharmariesen zu animieren, viel Geld in die Entwicklung eines wirksamen Ebola-Impfstoffs zu stecken. Das änderte sich aber schnell mit dem explosionsartigen Ausbruch der Seuche im Jahre 2014 in einigen Staaten Westafrikas und damit der Gefahr, dass sie auch in Europa oder Nordamerika eingeschleppt werden könnte. Zwar haben mittlerweile eine Vielzahl anderer Ereignisse Ebola aus den Schlagzeilen verdrängt, aber dafür ging es dann doch ziemlich schnell, einen zumindest experimentellen Impfstoff dagegen zu entwickeln. Und das war im Fall von Filoviren nicht ganz einfach und die Forscher mussten dabei tief in ihre molekularbiologische und biochemische Trickkiste greifen. Ziel eines Impfstoffes gegen Filoviren ist es, im menschlichen Körper die Produktion von sogenannten Antikörpern dagegen zu veranlassen. Das Grundprinzip ist von den Pocken her bekannt, einer Krankheit, die durch Impfung mittlerweile ausgerottet werden konnte. Es lautet „Täuschung“: Man täusche dem Immunsystem eine spezifische Virusinfektion vor und veranlasse es, entsprechende Antikörper zu bilden. Im Fall des Ebola-Virus spritzt man Menschen Viren, deren Erbgut man so verändert hat, dass sie lediglich aussehen wie ein echtes Ebola-Virus, aber nicht dessen Wirkung entfalten. Als Vehikel hat sich hier der Erreger des Schimpansen-Schnupfens als geeignet erwiesen (er wird von menschlichen Immunzellen nicht bekämpft), dessen Virushülle mit den Methoden der modernen Molekulargenetik mit speziellen Proteinen ausgestattet sind, die auch die Ebola-Viren in ihren Hüllen tragen. Die Antikörper, die sich in Reaktion auf dieses Virus im Menschen bilden, sind dann genauso wirksam bezüglich echter Ebola-Viren. Erste klinische Versuche sind, wie man lesen konnte, äußerst zufriedenstellend verlaufen und so hofft man, noch im Jahre 2017 einen wirksamen Ebola-Impfstoff herausgeben zu können. Trotzdem darf man nicht aus dem Augen verlieren, dass Ebola mit seinen ungefähr 22.000 Toten (2014 bis April 2015) im Vergleich mit den armutsassoziierten Krankheiten Malaria, Tuberkulose und Aids mit ihren weltweit mehr als 6 Millionen Toten doch relativ geringe Fallzahlen aufweist. Nur über Letztere, wahrscheinlich da sie in den hochentwickelten Industrienationen kaum mehr ein Problem darstellen, wird nicht oder nur selten berichtet. Dabei sind sie die eigentlichen „Killer“ (neben Bürgerkriegen etc.) der afrikanischen Bevölkerung.

Infektionskrankheiten können übrigens immense politische Auswirkungen haben. Das konnte man in den vor kurzem von Ebola heimgesuchten Ländern Guinea, Liberia und Sierra Leone in jeweils unterschiedlicher Art und Weise beobachten, je nachdem, wie leistungsfähig das jeweilige Gesundheitswesen war. 

In der Vergangenheit hat im Abendland insbesondere eine Krankheit die politische Landschaft entscheidend verändert, die Pest. Im Gegensatz zu den Pocken gibt es sie heute noch, ist aber in Ländern mit einem ausgebauten Gesundheitssystem und höheren hygienischen Standards eigentlich kein großes Problem mehr. 

Das war insbesondere im Mittelalter und frühen Neuzeit in Europa ganz anders, als wahre „Pestwellen“ durch die Länder schwappten und besonders in den Städten große Teile der Bevölkerung ausrotteten. Noch heute findet man in den Katakomben vieler Städte (z. B. Wien, Paris) Ossarien mit den Überresten zehntausender Pestopfer. Da man damals den Zusammenhang mit Rattenplagen (besonders in den Städten - Konstantinopel galt z. B. lange Zeit als Königreich der Ratten) nicht erkannte, wurde der „Schwarze Tod“ zumeist als Strafe Gottes angesehen und hingenommen. Das änderte sich erst im 15. und 16. Jahrhundert, als immer mehr Ärzte erkannten, dass es sich hier um eine von Ratten übertragene „ansteckende“ Krankheit handelt, vor der man sich nicht nur durch Flucht aufs Land schützen kann. Jedem, der sich für diese Materie interessiert, sind die „Pestmasken“ mit ihren vogelschnabelähnlichen Verlängerungen ein Begriff, die mit duftenden Kräutern gefüllt waren, um den Geruch der Pestilenz zumindest etwas abzuschwächen. Auch wurde das durchaus erfolgreiche Verfahren der Quarantäne entwickelt, um zumindest lokale Pestausbrüche einzudämmen. So beschloss im Jahre 1377 der Rat der Stadt Ragusa (das heutige Dubrovnik), dass alle Personen und Waren, die aus Orten kommen, in der die Pest wütet, einen Monat lang auf einer kleinen Insel vor der Stadt zu internieren sind. Ähnliches wird auch von Venedig und seiner „Pestinsel“ berichtet. 

Schmetterlinge im Mai

Der Mai ist nicht ohne Grund der Lieblingsmonat vieler Naturfreunde. Die Baumblüte verwandelt innerhalb weniger Tage die Landschaft in ein wahres Wunderland. Überall blüht es. An feuchten Wiesen kann man die Männchen des Aurorafalters (Anthocharis cardamines) mit seinen leuchtend orangenen Flügelspitzen beobachten. Man findet ihn allenthalben überall dort, wo es noch in größerer Mengen Wiesenschaumkraut gibt. Leider geht jedes Jahr ein beachtlicher Teil der Population beim Abmähen der Wiesen zugrunde. Auch den zierliche Senfweißling (Leptidea spec. – ein Artkomplex aus - wie man erst seit kurzem weiß – drei unterschiedlichen, jedoch am Habitus kaum unterscheidbarer Arten) – lässt sich in erster Generation den Mai über bei seinen Blütenbesuchen beobachten. Ein aufmerksamer Beobachter kann ihn schon an seinem Flugbild von den anderen Weißlingen, die ebenfalls im Mai unterwegs sind (Kleiner Kohlweißling (Pieris rapae) und Rapsweißling (Pieris napi)), unterscheiden. 

An warmen Lehnen und auf freien Bergkuppen segeln sattgelbe Schwalbenschwänze (Papilio machaon) und manchmal die etwas blasseren Segelfalter (Iphiclides podalirius) in der Sonne. Da sie sich gerne auf dem Boden oder auf Blattwerk niederlassen, sind sie sehr dankbare Fotomotive. Mit etwas Glück kann man hier aber auch erste und meist stark abgeflogene Distelfalter und Admirale beobachten. Sie haben die erste Schönwetterperiode genutzt, um von jenseits der Alpen, z. B. aus Italien, über die nun schon schneefreien Alpenpässe nach Mitteleuropa zu wandern um hier eine neue Generation zu begründen, die uns dann im Hochsommer und Herbst erfreut. Denn Distelfalter und Admiral gehören zu der illustren Gruppe der Wanderfalter, über die ich irgendwann demnächst noch Näheres erzählen werde. 

Auch die ersten Dickkopffalter sind seit den letzten sonnigen Apriltagen unterwegs: so der Gelbwürfelige Dickkopffalter (Carterocephalus palaemon), der sich gern auf Blattwerk sonnt, und der Dunkle Dickkopffalter (Erynnis tages), der sich genauso gern auf vegetationslose Wegstücke setzt. Man findet ihn an sonnigen trockenen Hängen mit möglichst spärlicher Vegetation, aber manchmal auch entlang von Feldwegen, die durch abwechslungsreiches Terrain führen. Das ist auch der Biotop des Malven-Dickkopffalters (Pyrgus malvae), der früher einmal sehr häufig war, aber heute schon vielfach verschwunden ist.

Gegen Ende des Monats bis in den Juni hinein blühen an sonnigen Lehnen häufig ganze „Polster“ von Pechnelken. Diese Stellen sollte man sich für einen Abendspaziergang vormerken. Denn Pechnelken werden ab beginnender Abenddämmerung von einer ganzen Anzahl von Nachtfaltern angeflogen. Hier sind besonders der Kleine und der Mittlere Weinschwärmer (Deilephila porcellus, Deilephila elpenor) (und mit viel Glück der Nachtkerzenschwärmer (Proserpinus proserpina)) neben einer ganzen Anzahl von Eulenfaltern (beispielsweise Nelkeneulen der Gattung Hadena) zu nennen. 

Eine gute Methode ist es sich so auf den Hang zu legen, dass man die Pechnelkenblüten noch gut gegen den noch nicht völlig dunklen Himmel erkennen kann. Und dann wird es zumeist auch nicht lange dauern, und die ersten pfeilschnellen Schwärmer erscheinen mit ihren langen Rüsseln zum Nektar-Tanken im kolibriartigen Schwirrflug an den roten Blüten, deren langer Kelch wie für diese Schmetterlinge gemacht ist. Unter diesen Bedingungen zu guten Fotos zu gelangen, ist ohne Frage eine Herausforderung. Es gibt aber auch Eulenfalter und Spanner, die sich direkt auf den Blüten niederlassen. Sie kann man dann vergleichsweise einfach mittels Blitzlicht mit der Kamera einfangen.

Wenn Ende April bzw. im Mai die Apfelbäume in voller Blüte stehen, sollte man auch eine Exkursion in einen Buchenwald in Erwägung ziehen. Denn das ist die Zeit des Nagelflecks (Aglia tau), dessen grüne Raupen sich im Sommer von Buchenblättern ernähren. 

Die Männchen dieses relativ großen, zimtbraunen Spinners mit seinen markanten Augenflecken sind tagaktive rasante Flieger, die insbesondere in den Vormittagsstunden den Wald nach Weibchen absuchen, die im Gegensatz zu ihnen sehr flugträge sind und nur wenige Zentimeter an den Buchenstämmen heraufklettern. Die beste Zeit, nach ihnen zu suchen, sind die Nachmittagsstunden. Mit etwas Glück findet man dann an einem Baumstamm eine Kopula, die sich natürlich viel einfacher fotografieren lässt als ein Falter im wilden Flug…

Realität und Vorstellung oder warum es manchmal zur Massenvermehrung von Schmetterlingsraupen kommt


Die Mathematik ist nicht nur die Sprache, in der man die Grundgesetze der Physik formuliert sowie andere Gesetze daraus ableitet. Sie ist auch die Sprache, in der man zu neuen Hypothesen und Einsichten über die Natur gelangt, die zumindest prinzipiell der experimentellen Überprüfung zugänglich sind. 

Auf einen weiteren Aspekt der mathematischen Naturbeschreibung möchte ich nun hinweisen. Gewöhnlich beschreiben wir die Welt mit Begriffen, die in uns so etwas wie „Bilder“ assoziieren. Diese „Bilder“ entstammen unserer Erfahrung aus einer „mittleren“ Welt, deren typische Skalen sich in Millimeter bis Kilometer messen lassen. Diese „Bilder“ verwenden wir aber auch, wenn wir z. B. gedanklich in die Mikrowelt vorstoßen, in dem wir uns Atome, aber auch Elementarteilchen, als kleine Kugeln vorstellen. Gewöhnlich hält ein Nichtphysiker dieses „Bild“ sogar als reale, adäquate Vorstellung von Mikroobjekten. Das ist aber nicht der Fall, wie uns die Quantenmechanik lehrt. Mit Vorstellungen aus der Welt der mittleren Skalen kommt man hier nicht weit, wenn es um Superposition, Verschränkung oder Welle-Teilchen-Dualismus geht. Hier benötigt man völlig neue Strukturen und Begrifflichkeiten, die weitab unseres normalen Vorstellungsvermögens liegen. Sie entstammen wiederum der abstrakten Mathematik (man denke an die Abstraktion des Hilbert-Raumes oder der Wellenfunktion) und sie helfen uns, dass wir uns auch in der Welt der Quanten in völliger logischer Klarheit bewegen können. Die Mathematik erweist sich in diesem Zusammenhang als die tauglichste Sprache im Bereich des für den Menschen Unvorstellbaren. 

Doch nun noch ein paar Worte zu den „Axiomen“, die als Grundlage für eine mathematische Theorie (hier der Geometrie der Ebene) vor etwa 2300 Jahren der berühmte griechische Mathematiker Euklid eingeführt hat. Seine „Elemente“ gelten auch heute noch als eine mustergültige mathematische Theorie, an der besonders erstaunt, wie sich mit wenigen Grundannahmen ein hervorragend funktionierendes mathematisches Modell entwickeln lässt, welches mit großer Exaktheit die Geometrie unsere Welt beschreibt. Das Wesen der axiomatischen Methode lässt sich vielleicht am besten erkennen, wenn man „Axiome“ mit „Spielregeln“ übersetzt. Das Schachspiel ist dann ein Spiel, welches auf ein für alle Mal festgelegten Spielregeln beruht, die weder in Frage gestellt werden, noch deren Ursprung weiter hinterfragt wird. Vielmehr werden von den Spielern gewaltige Anstrengungen unternommen um zu ergründen, ob man unter exakter Einhaltung dieser Regeln in einer speziellen Spielsituation das Spiel gewinnen kann. Also im Prinzip die gleiche Methode, die ein Mathematiker oder theoretische Physiker anwendet, der am Ende wissen möchte, ob sich mit dem verwendeten Axiomensystem (oder der physikalischen Theorie) ein gerade interessierendes Problem lösen lässt oder nicht. 

Die Idee übrigens, dass jede mathematische Theorie auf Axiomen beruhen sollte, geht auf David Hilbert (1862-1943) zurück. Er war der Meinung, dass sich jeder mathematischen Aussage, die innerhalb eines widerspruchsfreien Axiomensystems formuliert werden kann, das Prädikat „wahr“ oder „falsch“ zuordnen lässt. Aber so ist es interessanterweise nicht, wie der geniale Logiker Kurt Gödel (1906-1978) im Jahre 1931 bewiesen hat (Sie kennen vielleicht „Gödels Theorem, Sumpf, Pferd und Schopf…“). Er wies nämlich in seinen berühmten Unvollständigkeitssätzen nach, dass man in einer axiomatisch aufgebauten Theorie immer Aussagen finden kann, deren Wahrheitswert innerhalb des Systems nicht feststellbar ist. Auch gibt es - beispielsweise in der Arithmetik - mathematische Sätze, die zwar wahr sind, deren Wahrheitswert sich aber innerhalb des Axiomensystems prinzipiell nicht beweisen lässt. Mittlerweile konnten übrigens Mathematiker schon einige Aussagen finden, die sich in den entsprechenden Axiomensystemen nicht beweisen lassen. 

Wer sich die Mühe machen möchte, die Gödelschen Sätze und ihre Implikationen zu verstehen, dem sei das Kultbuch von Douglas R. Hofstädter „Gödel, Escher, Bach - ein Endloses Geflochtenes Band“ ans Herz gelegt. Darin lernt man u. a., dass die geniale Entdeckung Kurt Gödels nicht nur in der Mathematik von Bedeutung, sondern von allgemeiner Natur ist. Kernpunkte sind dabei Aussagen, die so etwas wie eine Selbstbezüglichkeit aufweisen und deshalb zu semantischen Paradoxien der Art „Alles, was ich sage, ist Lüge“, führen.

Der nicht immer einfache, aber wahrlich durchkomponierte Text wird dabei durch die Grafiken des niederländischen Grafikers Maurits Cornelis Escher (1898-1972) aufgelockert, auf die auch im Text immer wieder eingegangen wird. Auch sie sind hochgradig paradox, denn sie stellen entweder Unmöglichkeiten (man denke an die Grafiken „Treppauf, Treppab“ und „Wasserfall“) oder erstaunliche Flächenparkettierungen (z. B. „Metamorphosis I“ oder „Day and Night“, sogenannte Escherkacheln) dar. Bemerkenswert ist auch Eschers Versuch, die "Unendlichkeit" bildhaft darzustellen. Er fand, ausgehend von seinen Parkettierungen, zwei Lösungen dafür. Die eine besteht darin, von der Ebene zu einer randlosen Fläche überzugehen und die andere in der Verwendung nichteuklidischer Geometrien, wie sie z. B. von dem russischen Mathematiker Nikolai Iwanowitsch Lobatschewski (1792-1856) entwickelt wurden. Auf diese Weise sind übrigens seine berühmten Schlangen- und Fischmotive entstanden. Escher ist weiterhin auch ein gutes Beispiel dafür, wie sich Mathematik und Kunst gegenseitig befruchten können. Denn selbst Formeln, die einem normalen Betrachter trocken und nichtssagend vorkommen, können bei einem Kenner der Materie durchaus einen eigenen ästhetischen Reiz entwickeln. 

Das Paradebeispiel dafür ist die von Leonhard Euler 1748 entdeckte Beziehung 


Sie verknüpft zwei transzendente Zahlen, nämlich die Eulersche Zahl e (die Basis der natürlichen Logarithmen) mit der Zahl Pi, dem Verhältnis von Kreisumfang zu dessen Durchmesser mit der Wurzel aus (-1) (= der imaginären Einheit i) zu einem Wert -1. Und das ist wirklich so, wie sich leicht beweisen lässt. Trotzdem ist es irgendwie erstaunlich und geheimnisvoll, wie zwei Zahlen, die sich nicht mal als Brüche darstellen lassen und bei der die eine für „exponentielles Wachstum“ und die andere mit allem, was mit Kreisen zu tun hat, zuständig ist, zusammen mit der „unmöglichen Zahl“ (Wurzel aus (-1)) genau -1 ergibt (der Mathematiker nennt das „Eulersche Identität“).

Über Epigenetik und eine große Bienen- und eine kleine, aber berühmte französische Königin mit Namen "Mathilde von Flandern" (und was das "Singende klingende Bäumchen" damit zu tun hat...)


Interessanterweise gibt es rund 40 Jahre nach Trofim Denissowitsch Lyssenkos Tod doch Hinweise darauf, dass bestimmte erworbene Eigenschaften (z. B. Krankheitsbilder) unter gewissen Umständen an die Nachkommen weitergegeben werden, obwohl das nach den Gesetzen der Genetik nicht möglich sein sollte. Die Funktionsweise dieser sogenannten epigenetischen Prozesse ist dabei durchaus an die Gene und deren Vererbungsmechanismen gebunden, aber nicht an die eigentliche genetische Information, die im DNA-Molekül hinterlegt ist. Ausschlaggebend sind hier spezielle epigenetische Faktoren, welche in der Lage sind, die Aktivität von Genen zu regulieren, indem sie diese oder Gruppen von ihnen in Bezug auf die Genexpression in der Zelle ein- oder ausschließen. Sie sind selbst nicht in der DNA lokalisiert, sondern in bestimmten Proteinen in den Chromosomen, genauer den Histonen. Diese Histone stellen quasi die „Spulen“ dar, um die sich ein DNA-Molekül bei Eukaryonten im kondensierten Zustand windet. Werden diese „Spulen“ chemisch verändert, hat das entsprechende Auswirkungen auf die Genexpression. Gerät ein Lebewesen z. B. unter Stress, d. h. durch veränderte Umweltbedingungen, Nahrungsmangel oder der Einwirkung von Giftstoffen, dann können bestimmte Histone dauerhaft chemisch markiert werden und auf diese Weise Einfluss auf das Verhalten von Körperzellen nehmen, in dem sie gewisse Gene permanent ein- oder ausschalten. Es scheint so - und entsprechende Experimente belegen es mittlerweile - dass derartige epigenetische Marker durchaus an die Nachkommen weitergegeben werden können. Es gibt sogar begründete Vermutungen darüber, dass bestimmte Krankheiten wie Diabetes oder Fettleibigkeit zu einem gewissen Teil epigenetisch bedingt sind. Deshalb ist die Erforschung der entsprechenden Mechanismen auch von großer gesundheitspolitischer Bedeutung. Für die Erb- und Evolutionsbiologie ist die Epigenetik ein neuer Ansatzpunkt zur Erklärung erbbiologischer Auffälligkeiten. 

Nehmen wir z. B. die Honigbiene, um mal ein Beispiel aus der Tierwelt zu bemühen. Bekanntlich sieht dieses Insekt im frühen Larvenstadium immer gleich aus. Diejenigen Larven, die von den Ammenbienen mit einem Gemisch aus Honig und Pollen gefüttert werden, entwickeln sich zu sterilen Arbeitsbienen. Die Larve hingegen, die mit Gelée royale (Weiselfuttersaft) gefüttert wird, ändert ihre Gestalt und entwickelt sich zu einer eierlegenden Bienenkönigin. Dabei sind die Gene der Arbeitsbienen und der Bienenkönigin völlig identisch. Es scheint so, dass die Nahrung - hier die Honig-Pollen-Mischung - zur expliziten Abschaltung bestimmter Entwicklungsgene führt. Der chemische Mechanismus, der insbesondere auf die Histone wirkt, nennt man Methylierung. Darunter versteht man das „Anhängen“ bzw. „Entfernen“ von Methylgruppen an bestimmten Histon-Proteine mit dem Effekt, dass sich damit die Genexpression steuern lässt. Und das Bemerkenswerte dabei ist, dass sich mit speziellen Pharmaka gezielt Einfluss auf diesen Vorgang nehmen lässt, was neue therapeutische Ansätze bei gewissen Krankheiten verspricht. Erste Erfolge gibt es beispielsweise bei der Erkennung von Krebszellen, bei denen die Gene abgeschaltet sind, welche das krankhafte Zellwachstum normalerweise verhindern. Weiterhin sind, wie man erst seit wenigen Jahren weiß, epigenetische Fehlsteuerungen für die Entstehung bestimmter immunologischer und neuronaler Erkrankungen sowie diverser Wachstumsstörungen von Bedeutung. Darunter fallen beispielsweise auch seltene Erkrankungen wie das Silver-Russel-Syndrom (eine spezielle Form der Kleinwüchsigkeit), die man unter dem Begriff Genomic Imprinting (genomische Prägung) zusammenfasst. 

Kleinwüchsige Menschen (d. h. Menschen, die im Erwachsenenalter unter 1,5 Meter Körperlänge bleiben und keine Pygmäen sind) hat es schon immer gegeben. In der Bundesrepublik sind nach Angaben des „Bundesverbandes Kleinwüchsige Menschen und ihre Familien“ ca. 100.000 Personen davon betroffen. Heute stehen ihnen fast alle Berufe offen (eine Ausnahme sind beispielsweise Profi-Basketballspieler). In der Vergangenheit wurden Kleinwüchsige zumeist toleriert und, wie im alten Ägypten, sogar verehrt. Besonders im Mittelalter und in der frühen Neuzeit galt es bei Hofe als schicklich, den einen oder anderen „Zwerg“ als Spaßmacher anzustellen. Auch waren kleine Menschen als „Spezialisten“ gern gesehen - so z. B. im Bergbau (man denke nur an die „Sieben Zwerge“) oder als Kaminreiniger („Schornsteinfeger“). Der Ire Jonathan Swift (1667-1745) machte „Kleinwüchsige” 1726 sogar zum Thema eines vielbeachteten Romans mit dem etwas sperrigen Titel: „Travels into Several Remote Nations of the World in Four Parts By Lemuel Gulliver, first a Surgeon, and then a Captain of Several Ships” - heute kurz als „Gullivers Reisen“ bekannt. Seitdem werden Kleinwüchsige auch gern als „Liliputaner“ bezeichnet, was manchmal als abwertend empfunden wird, es aber sicherlich nicht ist. 

Interessant ist, dass ab dem 19. Jahrhundert viele Kleinwüchsige Karrieren auf dem Gebiet der Schauspielerei gemacht haben. Nehmen wir z. B. Kenny Baker, den viele von uns aus der Star-Wars-Saga kennen. Oder Tamara De Treaux (1959-1990), die in Steven Spielbergs berühmten Film „E.T.“ („Nach hause telefonieren...“) den „Außerirdischen“ (leider nur als Kern der „Puppe“) mimte, weshalb sie trotz ihrer herausragenden schauspielerischen Leistung leider ziemlich unbekannt blieb. Fast jeder in der DDR geborene kennt dagegen - wenn auch kaum vom Namen her - Richard Krüger (1953-1995). Er spielte u. a. den bösen Zwerg in dem hübschen Märchenfilm „Das singende klingende Bäumchen“ aus dem Jahre 1957. Heute vermutet man, dass Richard Krüger nur der Künstlername des Artisten Hermann Emmrich war, der in Prenzlau lebte. Interessanterweise gibt es darüber immer noch eine Kontroverse unter den Cineasten, die sich m. W. bis heute nicht abschließend klären ließ. Aber es stimmt durchaus. Kleinwüchsige arbeiten gern im Zirkus - wenigstens als Clown, aber oft als begnadete Zirkusartisten. Die Ungarin Susanna Bokoyni (sie wurde im Jahre 1879 geboren, war gerade einmal einen Meter groß und wurde 105 Jahre alt) trat z. B. europaweit und zuletzt auch in den Vereinigten Staaten als „Prinzessin Susanna“ auf und begeisterte ihr Publikum. Berühmt wurde auch der schwarze Entertainer Thomas Dilward (1840-1902), der als „Japanese Tommy“ in Varietéshows auftrat. Und auch die berühmten Worte über Isaak Newton: Nature and nature's laws lay hid in night - God said "Let Newton be!" and all was light. („Natur und der Natur Gesetze lagen in dunkler Nacht - Gott sprach: Newton sei! Und sie strahlten voller Pracht“ – in Deutsch gereimt.) stammen von einem heute noch bekannten kleinwüchsigen Dichter (1,37 Meter) - nämlich Alexander Pope (1688-1744). 

Unter den gekrönten Häuptern der Weltgeschichte findet man dagegen so gut wie keine Kleinwüchsige. Der Grund dafür dürfte dabei eher in ihrer Seltenheit liegen, denn in Dynastien, die sich durch Erbfolge erhalten, dürfte die Körpergröße kein maßgeblicher Parameter gewesen sein. So mag es zwar überraschen, dass die Gemahlin König Wilhelm I. (um 1027-1087) und spätere Königin von England, Mathilde von Flandern (um 1030-1083), nur 1,27 Meter groß war, während ihr Ehemann eine außergewöhnlich stattliche Gestalt gehabt haben soll. Man kennt ihre Körpergröße nur deshalb so genau, weil man 1961 ihr Grab in der Abtei des Klosters Sainte Trinité in Caen geöffnet und ihre Gebeine vermessen hat. Zu Lebzeiten wurde ihre Kleinwüchsigkeit, jedenfalls was die schriftlichen Überlieferungen betrifft, nie thematisiert. Warum sollte auch eine große Königin nicht mal klein sein dürfen. Leider wissen die Historiker nur erstaunlich wenig über die Französin, die am 11. Mai des Jahres 1068 als Mathilde I. (wahrscheinlich in Winchester, der ersten Hauptstadt Englands) zur Königin von England gekrönt wurde.

Die Tulpenblase...


Nicht mit „Blüten“, wie man vielleicht meinen könnte, sondern mit echten „Tulpen“ hatte eine ganz spezielle Bankenkrise zu tun, die als Platzen einer ersten wirklich großen Finanz- und Spekulationsblase in die Bankengeschichte eingegangen ist. Sie betraf auch nicht Portugal (wo einst ein gewisser Artur Virgílio Alves dos Reis (1898-1955) sich hat "echte" (und keine falschen) Blüten mit dem Antlitz Vasco da Gamas hat drucken lassen), sondern die Niederlande, und zwar in den Jahren 1637 / 1638. Und so kam es dazu: Die Niederlande gelten noch heute als das Land der Tulpen. Wenn man im Frühling durch das flache Land reist (insbesondere die Gegend um Keukenhof ist hier zu nennen), fallen einen überall die  farbenprächtigen Tulpenfelder auf. Sie zeugen von einer besonderen Vorliebe der Holländer für diese ursprünglich aus der Türkei (Osmanisches Reich) und Iran (Persien) stammenden Zierblume, die es mittlerweile – durch den Fleiß holländischer Gärtner – in unüberschaubar vielen Farb- und Mustervarianten ihrer Blüten gibt. 

Nachdem sie Mitte des 16. Jahrhunderts nach Mitteleuropa gelangte, dort die ersten Schlossgärten (z. B. in Wien) zierten und man deren Zwiebeln leicht an Interessierte verteilen bzw. verkaufen konnte, wurde sie schnell zu einer begehrten Handelsware. Viele Gärtner, besonders in den Niederlanden, begannen verschiedene Tulpen-Varianten untereinander zu kreuzen um auf diese Weise neue, zuvor noch nie gesehene Farb- und Mustervarianten zu züchten. Irgendwann begannen Blumenliebhaber immer mehr Geld für Tulpenzwiebeln auszugeben. Es entstand eine Schwärmerei, die sich darin äußerte, dass wohlhabende Bürger eigene Tulpengärten anlegten, sich zu Vereinen und Tauschgemeinschaften zusammenschlossen und sich daraus ein reger Handel mit Tulpenzwiebeln entwickelte, die umso höhere Preise erzielten, je raffinierter die Form der Blüten, ihre Farbe und ihre Farbmuster waren. Tulpenzwiebeln mauserten sich in manchen Kreisen zuerst zu Sammelobjekten, dann immer mehr zu einer neuen Art von Wertanlage, die sich durch Züchtung weiter leicht vergrößern ließ. Der Tulpenhandel wurde Anfang des 17. Jahrhunderts in den Niederlanden zu einem schnell wachsenden Wirtschaftsfaktor. Die ersten farbigen Versteigerungskataloge wurden gedruckt (die sogenannten „Tulpenbücher“), manche Kriminelle finanzierten sich durch den Diebstahl von Tulpenzwiebeln (was wiederum dem Sicherheitsgewerbe Auftrieb gab), und – etwa ab 1634 – entdeckten schließlich Spekulanten die Tulpenzwiebel als ideales Spekulationsobjekt. Nun begannen auf einmal Finanzjongleure Tulpenzwiebeln aufzukaufen – nicht etwa, um ihre eigenen Gärten im Frühjahr mit farbenprächtigen Tulpen zu schmücken, sondern um sie bei Versteigerungen mit Gewinn weiterverkaufen zu können. Bereits 1623 erzielten einzelne Zwiebeln besonders seltener Tulpen bis zu 1000 Gulden. Das entsprach etwa dem sechsfachen Jahresverdienst eines einfachen Handwerkers zu jener Zeit. 

Mit den Preisen entwickelte sich die Tulpe vom Liebhaberobjekt zum Statussymbol. mit dem sich in gewissen Kreisen wunderbar angeben ließ (so wie heute mit einem Porsche). Eine Zwiebel der gleichen Sorte Tulpen, die 1623 noch 1000 Gulden kostete („Semper Aurora“), kostete im Jahr 1629 bereits 5000 Gulden. Und die Preise stiegen weiter. Immer mehr wohlhabende Leute steckten ihr Geld in Tulpenzwiebeln, die sie bei den damals häufigen Auktionen ersteigerten. Bald gab es Tulpen-Derivate, es wurden Anteilscheine auf Tulpenzwiebeln ausgegeben, kreative "Wertpapiere" auf Tulpenbasis wurden erfunden und wenn man genügend Gulden hatte (für drei Tulpenzwiebeln einer besonders seltenen Farbvariante konnte man in Amsterdam ein ganzes Haus kaufen), konnte man auch handelbare Bezugsrechte erwerben. Man erfreute sich nicht mehr an einer aufgeblühten Tulpe, sondern presste sie (natürlich ohne Zwiebel), um dem Käufer zu zeigen, was er im Folgejahr von seinem Kauf zu erwarten hatte. Das war wiederum die Basis für Termingeschäfte, bei denen man bereits mit Zwiebeln handeln konnte, die noch in der Erde steckten. Neben den Sortenbezeichnern steckten Schilder mit den Schuldscheinen der zukünftigen Eigner der Zwiebeln im Boden der Tulpenbeete. Das konnte natürlich nicht lange gut gehen. Irgendwann fanden sie nämlich keine Käufer mehr, die entsprechend viel Geld aufbringen konnten – die „Tulpenblase“ platzte. Und genau das geschah im Jahr 1637. Die Auktionserlöse blieben immer mehr unter dem festgelegten Einstiegswert bis dann schließlich keine der angebotenen Tulpenzwiebeln mehr den Betrag erzielte, zu der sie einst erworben wurden. Der Preisverfall erfolgte so rasant, dass viele davon Betroffene von einem Tag zum anderen ihr ganzes Vermögen verloren – und wenn sie zuvor die Tulpenzwiebel auf Pump gekauft hatten, waren sie auf einmal in der Schuldenfalle gefangen. Dieser Crash begann die ganze Wirtschaft der Niederlande zu gefährden, so dass sich die Regierung zu der Verfügung veranlasst sah zu sagen, dass Tulpen nicht mehr als Spekulationsobjekte, sondern nur noch als normale Waren zu betrachten sind, die in bar bezahlt werden müssen. 

Die Entstehung der Preisblase, die mit dieser „Tulpomania“ verbunden war, wurde wahrscheinlich durch eine inflationäre Geldpolitik begünstigt. Denn in Holland trafen sich die Geldströme von Gold und Silber aus ihrem ausgedehnten Kolonialreich, um hier umgemünzt zu werden. Diese wachsende Geldmenge, die sich besonders in den Händen reicher Kaufleute ("Pfeffersäcke") konzentrierte, suchte einfach nach Anlegemöglichkeiten. Und hier traf es zufällig die Tulpe, die sich in Form, Farbe und Zeichnung von allen anderen damals zu Zierzwecken gezogenen Blumen unterschied. Der unvermeidliche Crash hatte durchaus einschneidende Auswirkungen auf die Volkswirtschaft der damaligen Niederlande (es wird von vielen Konkursen in den Jahren 1637/38 berichtet). Es kam auch vermehrt zu Selbstmorden. Jemand, der zuvor noch „stinkreich“ war, sah sich in der Gosse wieder, wie es ein bekannter Börsenspekulant einmal formuliert hat. Aber der Crash hielt sich wahrscheinlich trotzdem in Grenzen, da er durch die Wirtschaftskraft in den Kolonien weitgehend aufgefangen werden konnte. Aber als Lehrbuchbeispiel für einen Börsencrash, bei dem eine Spekulationsblase platzt, kann er heute immer noch dienen. Man braucht nur die "Tulpe" durch "Immobilie" oder "Dotcom" zu ersetzen, und man ist in der Gegenwart angekommen. 

Holland ist auch heute noch das „Tulpenland“ schlechthin, obwohl es mittlerweile von ausländischen Tulpenproduzenten, die insbesondere aus Afrika stammen, stark unter Druck gesetzt wird. So kam es im Jahre 2002 zu einem empfindlichen Preisverfall, bei der in den Niederlanden einige Tulpenproduzenten Pleite gegangen sind. Ohne Zweifel sind die holländischen Gärtner bis heute „die“ Tulpenzüchter an sich geblieben. Jedes Jahr kommen zu den rund 1200 Sorten, die regelmäßig angebaut werden, neue hinzu.

Schmetterlinge im April


Der April ist der Monat, wo es im Laubwald überall sprießt und blüht. Teppiche von weißen und manchmal auch gelben Buschwindröschen sowie von Scharbockskraut überziehen den Waldboden und hie und da kann man neben verschiedenen Veilchenarten und dem Hohlen Lerchensporn die blauen Blüten der noch blätterlosen Leberblümchen bewundern. In den Gärten beginnt ab Mitte des Monats die Zeit der Tulpen und überall sieht man die leuchtendgelben Büsche der Forsythie. Die ersten Weißlinge sind unterwegs und gegen Ende des Monats sollten auch schon die ersten Schwalbenschwänze (Papilio machaon) aus ihren Puppen geschlüpft sein. 

Die Falter der Frühjahrsgeneration diesen jedermann bekannten Ritterfalters sind zwar etwas kleiner als die Falter des Hochsommers. Dafür haben sie aber eine kräftigere gelbe Grundfärbung, was sie um Einiges fotogener macht.  Hier lohnt es sich, einen nahegelegenen Hügel zu erklimmen, denn Schwalbenschwänze segeln gern um Bergkuppen. Und mit viel Glück bekommt man vielleicht sogar noch einen Segelfalter (Iphiclides podalirius) zu Gesicht. 

An Waldrändern ist nun auch schön öfters das Waldbrettspiel (Pararge aegeria) anzutreffen, welches sich gern mit ausgebreiteten Flügeln auf von der Sonne beschienene Blätter oder auf Waldwege setzt. Er kommt fast immer auf seinen Sitzplatz zurück, so dass es ausreicht, ein paar Augenblicke zu warten, wenn man ihn aus den Augen verloren hat. Während dieser Zeitspanne kann man ja die Kamera in Position bringen. Die Raupe des Waldbrettspiels lebt ziemlich verborgen an einer Vielzahl weicher Waldgräser. Sie überwintert erwachsen und verpuppt sich Ende März bis Anfang April. Die Falter der häufigeren zweiten Generation sind dann ab Ende Juli bis in den September hinein unterwegs.

Und natürlich gibt es noch viel mehr zu sehen: den zierlichen Senfweißling, Aurorafalter (Antocharis cardamines), deren Männchen durch ihre orangenen Flügelspitzen auffallen, "Füchse" und Tagpfauenaugen, verblasste Trauermäntel, C-Falter, Zitronenfalter und mit etwas Glück auch schon - zumindest gegen Ende des Monats - die ersten Dickkopffalter wie der dunkle Kronwicken-Dickkopfalter (Erynnis tages) und der im Vergleich dazu farbenfreudige Gelbwürfelige Dickkopf (Carterocephalus palaemon).

Ein schöner Apriltag ist auch ein Tag, wo man am Rande von Birkenwäldchen nach dem rasant fliegenden Männchen des Scheckflügels (oder Birkenspinner, Endromis versicoloria) Ausschau halten kann. Nur leider ist er selten geworden, was seine Beobachtung zu einem besonderen Erlebnis werden lässt. Das bedeutend größere Weibchen ist dagegen nachtaktiv. Tagsüber sitzt es meist an den unteren Partien von Birkenstämmen, von wo aus es einen Cocktail spezieller Pheromone aus ihren Fühlern abgibt, um Männchen anzulocken. Auch die Männchen des hübschen Kleinen Nachtpfauenauges (Saturnia pavonia) sind entgegen ihrem Namen tagaktiv und dabei auch noch ähnlich rasante Fliege wie die Birkenspinnermännchen. Man findet sie in lichten Heidemooren oder an Kahlschlägen inmitten von Kiefern- und Fichtenwäldern, wo deren Raupenfutterpflanzen (u. a. Heidelbeerkraut, Himbeer- und Brombeersträucher) in Mengen gedeihen. Auch hier sind die Weibchen nur schwer zu finden, da sie in guter Deckung auf Männchen warten, um sich von ihnen begatten zu lassen. 

Was Nachtfalter betrifft, ist der April schon ein durchaus ergiebiger Monat. Wer aufmerksam durch die Natur streift, wird jetzt schon den einen oder anderen Spanner aufscheuchen. Wenn man sich aber einen profunden Überblick über die Nachtfalterwelt verschaffen möchte, dann kommt man nicht umhin, sie des Nachts mit UV-Licht anzulocken. Dass viele Nachtschmetterlinge von Licht magisch angezogen werden, ist schon lange kein Geheimnis mehr. An lauen Sommerabenden kann man oft Schmetterlinge und andere Insekten in großer Zahl Straßenlampen umschwirren sehen – wenn es nicht gerade gelb leuchtende Natriumdampflampen sind. Denn wie Versuche gezeigt haben, „sehen“ Schmetterlinge hauptsächlich das kurzwellige, für menschliche Augen unsichtbare ultraviolette Licht. Es ist das Licht, was sogenannte Schwarzlichtlampen (gern bei Diskos genutzt, da damit bestimmte Farbstoffe in Kleidungsstücken fluoreszieren) aussenden. Wer also „Jagd“ auf Nachtschmetterlinge machen möchte, sollte sich im entomologischen Fachhandel (oder bei  Conrad Elektronik) eine Schwarzlichtröhre von 10 bis 12 Watt Leistung und einen entsprechenden 12V-Akku (es geht auch über die Autobatterie – der Anschluss erfolgt in diesem Fall gewöhnlich über den Zigarettenanzünder) beschaffen. Soweit sie nicht „superaktinisch“ ist, leuchtet sie zwar nicht besonders hell, aber es kommt ja nicht auf die Helligkeit, sondern auf den Anteil an UV-Strahlung an, den die Leuchtröhre produziert. Neuerdings gibt es auch Taschenlampen mit UV-LED's, die natürlich noch bequemer zu transportieren sind. Was noch gebraucht wird, ist ein „Leuchttuch“, welches am besten wie eine Leinwand aufgespannt (wobei auch der Boden etwas überdeckt sein sollte) und vor der die Schwarzlichtröhre aufgehängt wird. Die vom für sie grellen UV-Licht angelockten Nachtfalter beginnen schnell in der Umgebung der Lichtquelle umherzufliegen und lassen sich nieder bzw. beginnen wie wild und schwirrend auf dem Tuch umherzulaufen. Geht es nur darum, die auf dem Tuch sitzenden Nachtfalter zu fotografieren, um sie später zu bestimmen und als „Fotobeleg“ zu führen (und weniger um „fotoästhetische“ Aufgabenstellungen),  dann reicht ein Abknipsen mit Blitzlicht. Man hat dann natürlich das Tuch als Hintergrund. Andernfalls gibt es natürlich die Möglichkeit, sie einzufangen und in einem geeigneten Gefäß bis zum Morgen aufzubewahren, um sie dann schließlich im „Heimstudio“ oder Tags in einem geeigneten Ambiente in der freien Natur zu fotografieren – natürlich immer mit der Gefahr, dass sie sich davonmachen noch bevor der Auslöser gedrückt wird… 

"Lichtfang" lohnt sich richtig von April bis August. Man sollte dabei aber auf die Witterung achten. Mondlose, schwülwarme und windstille Abende sind ideal und können in geeigneten Biotopen durchaus einmal zu eindrucksvollen Massenanflügen einzelner Arten führen. Kühle Abende oder klare Abende mit Vollmond am Himmel lohnen sich dagegen meistens kaum. 
Ab Ende April darf man z. B. hoffen, dass erste eindrucksvolle Schwärmer wie der Lindenschwärmer, der Kiefernschwärmer  und – jedoch meistens erst ab Mitternacht – das Abendpfauenauge am Licht erscheinen. Sie sind mit zunehmender Häufigkeit aber auch noch den ganzen Mai bis in den Juni hinein unterwegs. Aber auch eine Anzahl von Eulenfaltern (darunter mehrere Arten von Kätzcheneulen) und eine Anzahl von Spannern (wie der eindrucksvolle Pappel-Dickleibspanner (Biston strataria) oder der Braunbindige Spinnerspanner (Biston hirtaria) sowie unter den Spinnern der lokal nicht seltene Frühlings-Wollafter (Eriogastis lanestris) lassen sich mittels UV-Licht anlocken. 

Die Erdhummel als Nagetier und der wollige Schweber im Frühling


-Die ersten Erdhummeln (Bombus terrestris) lassen sich ungefähr ab Ende März beobachten, wenn sie aus ihrem Winterschlaf erwacht sind und z. B. am Rande eines Laubwaldes die Blüten des Lerchensporns besuchen. Nur leider ist ihr Rüssel nicht gerade lang, um aus deren langen Kelch den süßen Nektar zu saugen. Aber eine Hummel mag zwar klein sein, aber dumm ist sie deswegen noch lange nicht. Sie nagt einfach ein Loch in das Ende des Blütenkelchs und kommt auf diese Weise problemlos an den süßen Saft. Schauen Sie sich einfach bei einer kleinen Frühlingswanderung einmal Lerchenspornblüten (oder auch die Blüten der Frühlings-Platterbse) etwas genauer an. Sie werden garantiert fündig werden und Blüten mit einem kleinen Loch im Kelch finden. 

Der Frühling ist eh eine gute Zeit, um einen lehrreichen Waldspaziergang zu unternehmen. Den Laubbäumen fehlen noch die Blätter und das Sonnenlicht kann problemlos den Waldboden erreichen. Es ist die Zeit der Frühlingsblüher gekommen. Für ein paar Wochen verwandelt sich der Waldboden in ein Blumenmeer und der Kenner kann Gelbe und Weiße Buschwindröschen, Leberblümchen, Bingelkraut, Haselwurz, Scharbockskraut, Goldsterne, eine Anzahl von Veilchenarten, Frühlings-Platterbsen, Schlüsselblumen, an feuchten Stellen Milzkraut und Sumpfdotterblumen sowie die eigenartige Schuppenwurz unterscheiden. 

Etwas später kommen noch große weiße Flecken mit Sternmieren hinzu, über die man oft Wollschweber wie winzige Kolibris in der Luft stehend sehen kann. Diese Insekten lohnt es sich einmal näher anzuschauen. Schon in der Luft erkennt man ihren extrem langen graden Rüssel, der fast die Länge des braunen, stark behaarten Rumpfes (ca. 8 – 12 mm) erreicht (sie können damit nicht stechen, also keine Angst). Weiterhin sind auch ihre ziemlich langen Beine (6 Stück, denn es sind ja keine Spinnen) auffällig, von denen sie vier im Flug nach hinten und zwei nach vorn strecken. Bei uns in Deutschland gibt es 34 unterschiedliche Arten, von denen der Kleine Wollschweber und der Große Wollschweber die am weitaus häufigsten sind. Sie sind in ihrem Flugverhalten so außergewöhnlich (in der Luft stehend, dann, wie im Sommer die Schwebfliegen, rasant ihren Standort wechseln…), dass man sie eigentlich kaum übersehen kann. Bevor sie diese Flugkünste ausführen können, haben diese Fliegen bereits eine interessante Entwicklung hinter sich gebracht. 

Nehmen wir z. B. den Großen Wollschweber, den man ab Anfang April auch gern an blühenden Salweiden (Weidenkätzchen!) antreffen kann. Er ist auf Vorkommen bestimmter Solitärbienen und Grabwespen angewiesen, in deren Larven wiederum „seine“ Larve eine Zeitlang parasitär lebt. Dazu legen die Wollschweberweibchen ihre Eier in der unmittelbaren Nähe von deren unterirdischen Bauten ab. Sobald die Wollschweberlarve schlüpft, wandert sie instinktiv in das nächste Brutnest einer solchen Wespe und beginnt dort, völlig ungefragt, erst einmal einen Teil von deren Nahrungsvorräten aufzufressen. Ab einer gewissen Größe macht sie sich dann auch noch, nun als reine Carnivore, über die Wespenlarven her. Nach mehreren Häutungen verpuppt sie sich schließlich in einer für Fliegen typischen tönnchenförmigen Puppe, überwintert und schlüpft im folgenden Frühjahr als reiner Veganer, der es nur noch auf den Nektar der Frühlingsblumen abgesehen hat. 

Sie sehen also, bei einem Frühlingsspaziergang durch die Natur gibt es viel Interessantes zu entdecken. Dazu gehören auch einige farbenprächtige Schmetterlinge, die in Art einer Kältestarre die Winterzeit überstanden haben und die nun das Blütenmeer durch bunte Farbtupfer ergänzen. Zu nennen ist hier das prächtige Tagpfauenauge, der Kleine und der selten gewordene Große Fuchs, der Trauermantel sowie der C-Falter, die sich gerne mit weit aufgeklappten Flügeln in der Sonne wärmen. Im April kommt dann noch der Aurorafalter, der Schwalbenschwanz und an warmen Stellen manchmal sogar noch der Segelfalter hinzu, die allesamt im Puppenstadium den Winter überdauerten. Ach so, den Zitronenfalter sollte ich natürlich auch noch erwähnen...

Aufnahme Werner Schorisch, Zittau

Schmetterlinge im März


Im März, wenn die Frühlingssonne langsam an Kraft gewinnt, wird auch die Insektenwelt aktiv. Man sieht die ersten Hummeln die ersten Frühlingsblüher anfliegen und auch die ersten Zitronenfalter, Kleine Füchse, Tagpfauenaugen und Trauermäntel sind mit etwas Glück an ihren angestammten Standorten zu beobachten. Noch vor kurzem haben sie noch mit zusammengefalteten Flügeln und starr in Holzhaufen, in Schuppen oder unter locker liegendem Herbstlaub den Winter überdauert. Jetzt hat sie die warme Frühlingssonne geweckt und man kann sich an ihren bunten Farben in der farblich ansonsten noch kargen Landschaft erfreuen. Achten Sie darauf. Der im Herbst noch leuchtendgelbe Flügelrand des Trauermantels ist über dem Winter ausgebleicht und erscheint nun fast weiß. 

Wenn man etwas Geduld hat, kann man an einem sonnigen Tag auch gerne einmal den fast weißen Weibchen der Zitronenfalter bei der Eiablage zusehen, die an die Zweige des Faulbaums (Frangula alnus) erfolgt. Es sucht dabei meistens recht mickrige Sträucher aus, auf denen man dann ab Anfang Juni auch nach den grünen, mit schwarzen Randpunkten versehenen Raupen suchen kann. 

Ein weiterer und durch seinen Flug in der Frühlingssonne durchaus auffallender Schmetterling ist das Große Jungfernkind (Archiearis parthenias). Man findet es mit etwas Glück dort, wo es viele Birken gibt. Es besucht gern blühende Weidenkätzchen, saugt aber auch hin und wieder an auslaufenden Baumsäften oder an frischem Kot. Während die Vorderflügel recht unscheinbar sind, erscheinen die Hinterflügel dieses Zwischendings zwischen Eulenfalter und Spanner (lässt sich an der Raupe festmachen, die noch rudimentäre Bauchfüße besitzt) in einem kräftigen Orange, die auch bei ihrem durchaus rasanten, zickzackartigen Flug auffallen. Hat man wiederum etwas Geduld und neben der obligaten Kamera einen Feldstecher zur Hand, dann kann man den Weibchen bei der Eiablage beobachten. Und das ist nicht uninteressant.  Es flattert – meist in etwas größerer Höhe – die äußeren Zweigspitzen der Birken entlang, bis es sich schließlich darauf niederlässt und dann rückwärts bis an eine Blattknospe heranrutscht, um dort ein Ei abzulegen.


Gegen Ende des Monats sollten dann auch die Weidenkätzchen in voller Blüte stehen. Es handelt sich dabei um die männlichen Blüten der Salweide, die zu dieser Jahreszeit die wichtigste Nektarquelle für alle möglichen Insekten, insbesondere aber für die Bienen, darstellen. Tagsüber werden sie auch gern von Tagpfauenaugen und Kleinen Füchsen, aber auch von den mit ihren langen Rüssel etwas grotesk aussehenden Wollschwebern besucht. Es lohnt sich aber auch, ihnen einen Abendspaziergang mit der Taschenlampe in der Hand (und eventuell einem größeren Tuch, z. B. einem alten Bettlaken) zu widmen. Dann werden sie nämlich von sogenannten Kätzcheneulen (Gattung Orthosia) in Beschlag genommen. Am einfachsten ist es, man legt das Tuch unter den Weidenbusch und schüttelt ihn danach kräftig. Die Eulenfalter lassen sich dann zu Boden fallen und können auf dem Tuch leicht gefunden und betrachtet werden. Da sie sehr flugträge sind, kann man sie schließlich mit den Fingern oder einem Stöckchen leicht in eine ästhetisch vorteilhaftere Position bringen, um sie mit Blitzlicht zu fotografieren. Kätzcheneulen findet man zu dieser Jahreszeit aber auch, wenn man an einem lauen Frühlingsabend noch unbelaubtes Gebüsch oder Baumstämme mit der Taschenlampe absucht. 

Spitzflügel-Kätzcheneule (Orthosiia gracilis)

Und auch das sogenannte „Ködern“ – ich komme sicherlich irgendwann darauf zurück – lohnt sich hier allemal, auch weil dann noch eine Anzahl weiterer Eulenfalter, darunter solche Arten, die den Winter als Falter überstanden haben (z. B. die Heidelbeer-Wintereule Conistra vaccinii), anzulocken sind.


Die Gelbfleck-Frühlingsbodeneule (Cerastis leucographa) kann man des Abends oft an blühenden Salweiden, aber auch am Köder finden...

Der absonderliche Lebenszyklus des Violetten Maiwurms...



Bei meiner Umrundung des Berzdorfer Sees am 04.03.2017 südlich von Görlitz in der Oberlausitz sind mir im Bereich des NSG "Rutschung" einige "Maiwürmer" aufgefallen, die am Wegrand ihren Weg suchten. "Im Märzen der Maiwurm...". Es handelt sich dabei aber nicht um einen "Wurm" wie vielleicht der Regenwurm oder der Spulwurm, der innerhalb mancher Zeitgenossen von uns sein meist sorgenfreies Leben lebt, sondern um einen in dieser Jahreszeit auffälligen Käfer, der immerhin fast 3 Zentimeter lang und - als Weibchen - auch ziemlich dick werden kann. Sein richtiger Name ist "Violetter Ölkäfer" oder - wissenschaftlich - Meloe violaceus. 

Zu der Familie der Ölkäfer, von denen in Deutschland rund 30 Arten leben, gehört auch die "Spanische Fliege" (Lytta vesicatoria), die man besonders häufig südlich der Alpen findet und die, getrocknet und zu Pulver zerstoßen, bis vor nicht allzu langer Zeit noch in jeder besseren Apotheke zu haben war, um in geringer Menge die Manneskraft zu stärken oder in größerer Menge den Mann (bei Fehldosierung) oder die Schwiegermutter (mit Vorsatz) umzubringen (soll schon vorgekommen sein). Denn die "Spanische Fliege" enthält in großer Menge das Gift Cantharidin in einer Konzentration, bei der schon 30 mg zerstampfter Käfer oral eingenommen den sicheren Tod bedeuten können... Und auch unser "Maiwurm" enthält dieses Gift, wenn auch in bedeutend geringerer Menge. Es wird als ein Inhaltsstoff eines öligen Sekrets bei Anlass an dessen Kniegelenken ausgeschieden und soll genaugenommen potentiellen Fressfeinden gehörig den Appetit verderben. Wenn Sie also einmal vorsichtig einen solchen Käfer in die Hand nehmen - vorausgesetzt, Sie finden einen (März bis Mai ist die beste Zeit, um danach Ausschau zu halten) - dann achten Sie mal auf die Tröpfchen an seinen Beinen... Aber keinesfalls daran lecken!

Die adulten Käfer selbst sind reine Vegetarier, was für ihre vorangegangenen Entwicklungsstadien, wie ich noch berichten werden, beileibe nicht gilt. Sie können mehrere Wochen bis zu zwei Monate (Weibchen) alt werden. Nach der Paarung besteht die Lebensaufgabe des Weibchens nur noch im Fressen und Eier legen. Und gerade Letztere erzeugt sie in einer selbst für Insekten erstaunlichen Menge, nämlich bis zu 10000 in einem Schub (und die Eiablage erfolgt im Abstand von ca. 2 Wochen in jeweils mehreren Schüben!). Deshalb sind sie auch leicht durch ihren extrem aufgeblähten Hinterleib von den grazileren Männchen zu unterscheiden. Diese riesige Menge an Eiern ist auch dringend notwendig, um die Art zu erhalten. Denn es handelt sich bei den Ölkäfern um extrem spezialisierte Insekten mit einem hochinteressanten parasitären Lebenswandel, der sich über zwei lange Jahre erstreckt...

Bei der Eiablage gibt sich das Ölkäferweibchen keine sonderlich große Mühe. So wie es durch die Bodenvegetation krabbelt, verliert es ihre Eier entlang ihres Weges. Manchmal liegt sie auch eine größere Anzahl in Form eines Clusters ab, was deren Lebenschancen durchaus erhöht. Nicht aber dass daraus gleich kleine niedliche Käferlarven schlüpfen. Nein, sie müssen in Eiform (Größe ~ 1 mm) erst einmal den Sommer und den nächsten Winter überstehen, bevor sie dann im darauf folgenden Frühjahr in Form von sogenannten "Hakenlarven" schlüpfen. Ihre erste Aufgabe ist es, irgendeinen Blumenstängel zu erklimmen und oben, auf der Blüte, auf eine Wildbiene bestimmter Wildbienen- und Kuckkucksbienengattungen (Letztere biologisch auch ziemlich absonderliche Tierchen) zu warten. Sobald sich also eine Biene auf solch einer mit Hakenlarven besetzten Blüte niederlässt, wird sich die Ölkäferlarve an ihnen mit dem Vorsatz, in deren Bruthöhle zu gelangen, festkrallen. Ist die "Bruthöhle" ein "Bienenhaus", dann wars dass für die Larve. Bei Honigbienen hat sie keine Chancen, zu überleben. Im anderen Fall gelangt sie per Luftfracht in den gewünschten Wildbienenbau, wo fette Bienenlarven und eingetragene Pollen in Form einer Art von "Schlaraffenland" auf die Käferlarve warten. Dort angekommen, häutet sie sich und geht in das zweite Larvenstadium über, in dem es sich von den von den Mutterbienen zusammengesammelten Pollen-und Honigbrei ernährt. Nach weiteren Häutungsstadien frisst sie dann auch noch die besonders proteinreichen und nahrhaften Bienenlarven ganz und gar auf, um sich dann nach der 6. Häutung und nachdem sie den Bienenbau verlassen hat, in eine sogenannte Scheinpuppe zu verwandeln. Diese überwintert und im nächsten Frühjahr schlüpft daraus eine sogenannte "Tertiärlarve", die sich nun endgültig verpuppt und aus der dann - manchmal bereits Anfang März - der fertige Käfer schlüpft. Und genau solche Käfer habe ich am 04. März 2017 auf dem Weg durch das NSG "Rutschung" am Berzdorfer See südlich von Görlitz in der Oberlausitz beobachtet und fotografiert....