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Warum heißen Schmetterlinge eigentlich "Schmetterlinge"?



Im englischen Sprachraum werden „Schmetterlinge“ bekanntlich als „Butterflies“ bezeichnet, was wörtlich übersetzt „Butterfliegen“ oder auch „Buttervögel“ bedeutet. Ein auf dem ersten Blick eigenartiger Name, dessen etymologische Nähe zum deutschen Wort „Schmetterling“ nicht auf dem ersten Blick erkennbar ist. Die bunten Tagfalter, die es bei uns in den vergangenen Jahrhunderten noch in viel größerer Individuenzahl gegeben hat als heute, haben sicherlich die Menschen veranlasst, ihnen in dem jeweiligen Dialekt ihrer bilderreichen und kernigen Sprache Namen zu geben, deren Sinn im Laufe der Zeiten vielfach wieder in Vergessenheit geraten ist. So findet man in den Romanen des Theodor Fontane ab und an den Begriff „Kalitten“ für Schmetterlinge – ein noch im 19. Jahrhundert im Havelland weitverbreiteter Name, der sich z. B. in dem Kinderreim

Kalitte, Kalitte setze dir, ich gebe dir auch Wein und Bier ...

erhalten hat (damit wollte man die Schmetterlinge beschwören, sich auf einer Blume niederzulassen). Er stellt wahrscheinlich eine Verballhornung und Verallgemeinerung des Namens „Kohlweißling“ („Kolwite“) auf „weiße“, „gelbe“ und „braune“ Tagschmetterlinge dar. Das ist aber nicht ganz sicher, denn bereits in der niederdeutschen Sprache („Plattdeutsch“) gibt es das Wort „Kielitt“ für Schmetterling.

Aber zurück zu „Schmetterling“. Im Mittelalter war der Aberglaube weit verbreitet, dass gewisse Nachtschmetterlinge in der Dunkelheit die Euter der Kühe aufsuchen, um daraus Milch zu saugen. „Molkadiebe“ ist dann ein durchaus passender Name, der sich in einigen Gegenden Deutschlands bis heute erhalten hat. Dazu kommt noch, dass damals die Vorstellung weit verbreitet war, dass sich Hexen des Nachts in graue Schmetterlinge verwandeln können, um bei den Bauern Butter, Rahm und Schmant zu stehlen. In der böhmischen Sprache bezeichnet „smetana“ Sahne und Rahm, im ostmitteldeutschen war dafür früher das Wort „Schmette“ oder „Schmetten“ üblich. Daraus hat sich durch Dissimilation die Bezeichnung „Schmetterling“ für die „Molkendiebe“ entwickelt, den wir noch heute für diese Insektenordnung verwenden. Nach einer anderen Lesart soll „Schmette“ außer Rahm auch noch „Seym“, d. h. „Honig“, bedeuten. Schmetterlinge wären demnach „Honiglinge“, welche von Blüte zu Blüte wandern, um daraus Honigseim (Nektar) zu saugen. Im Glatzer Bergland (Schlesien) sprach man im Volksmund von „Molkadiebschnopper“, wenn es sich um einen Tagschmetterling handelt und von „Mottakeenich“ bzw. „Tuud“ bei einem großen Nachtfalter.

Auch der Ursprung des Wortes „Falter“ lässt sich aus dem Nebel der Vergangenheit kaum noch rekonstruieren. Es stammt wahrscheinlich von dem urtümlichen Wort „Byfaltera“ ab, woraus sich Zwyfalter und schließlich der Begriff „Falter“ entwickelt hat. Heute ist jedenfalls nicht mehr eruierbar, ob sich dieser Begriff auf die zwei Flügelpaare bezieht, die Tagfalter in ihrer Ruhestellung zusammenfalten können (so wie betende Hände). In einem deutschen Schmetterlingsbuch von 1660 wird der Distelfalter (Pyrameis cardui) z.B. „Brauner Weyfalter“ genannt.

In alten Schriften findet man neben der Bezeichnung „Sommervogelin“ (zur Zeit Walthers von der Vogelweide) ab und an auch den Namen „Pfeifholter“ (in der Glossaria Augiensia des Klosters Reichenau im Bodensee (13. Jahrhundert) als „Phiffholtir“ enthalten) für Schmetterling. Vielleicht lässt er sich auf das lateinische Wort für Schmetterling „Papilio“, zurückführen?

Auch individuelle Schmetterlingsnamen beweisen, dass unsere Vorfahren gute Beobachter waren. Bei manchen waren die Farben ausschlaggebend (Dukatenfalter, Trauermantel, Bläuling), bei anderen wiederum ihr auffälliges Verhalten (z. B. „Bachantin“ oder „Tänzer“ für Lopinga achine). Die „Blutströpfchen“ heißen so wegen ihrer blutroten Flecken auf dunklen Untergrund. Manche Schmetterlingsnamen nehmen auf auffällige Körpermerkmale Bezug, so z. B. der „Erpelschwanz“ (Clostera pigra) oder das „Taubenschwänzchen“ (Macroglossum stellatarum).

Nachtfalter werden umgangssprachlich oft als „Motten“ disqualifiziert. Über den Ursprung dieses Wortes kann ich jedoch nicht viel berichten bis auf das, dass sich daraus das Wort „Made“ abgeleitet hat. In Schriften aus dem 13. Jahrhundert wird aber bereits auf die bücherzerstörende Wirkung von „Motten“ hingewiesen.

Solipsismus, Propaganda sowie Dr. Mabuse und andere tollkühne Männer...


Die philosophische Idee, dass die „Welt“ nur eine vorgegaukelte Simulation ist und nur das „ich“ das einzig existierende Subjekt, nennt man Solipsismus. In einem weitergehendem Sinne bedeutet dieser Begriff (von lat. solus allein, ipse selbst), dass alles, d. h. die gesamte Welt, also das ganze "Sein", sich nur in den subjektiven Bewusstseinsinhalten eines Individuums (und zwar Ihres, lieber Blogleser) erschöpft. Man spricht in diesem Fall von einem „metaphysischen Solipsismus“ - und nur um ihn soll es hier gehen. Ein metaphysischer Solipsist behauptet die Nichtexistenz einer Außenwelt (genauer einer Welt außerhalb seines eigenen Bewusstseins) in dem Bewusstsein, dass sich diese These nie beweisen lassen wird. Es ist nämlich durchaus die Annahme möglich, dass alle Sinneseindrücke nur Produkte dieser Sinne selbst sind, ohne dass zwingend etwas Objektives außerhalb des Bewusstseins existieren muss. Oder um ein Zitat von Edgar Allan Poe zu bemühen 

„All that we see or seem is but a dream within a dream…“. 

Das dazugehörige und relativ unbekannte Poem „A dream within a dream“ aus dem Jahre 1849 erlangte 1984 wieder eine gewisse Aufmerksamkeit, als es rezitativ von Claudia Brücken vorgetragen und mit einer eingehenden Musik hinterlegt, auf dem Debütalbum der aus Düsseldorf stammenden Pop-Band „Propaganda“ erschien. Dieses Debütalbum hat den Titel „A Secret Wish“ erhalten und ist auch heute noch unter Kennern durchaus beliebt. Das liegt u. a. auch an den Songs „Duell“ und natürlich „Dr. Mabuse“. Hinter diesem Namen verbirgt sich ein Superverbrecher, der 1919 von dem Luxemburger Schriftsteller Norbert Jaques (1880-1954) erdacht wurde und der in einer Vielzahl von Verfilmungen Anfang der 1960er Jahre des vergangenen Jahrhunderts in Konkurrenz zu den gleichzeitig entstandenen Edgar-Wallace-Krimis eine gewisse Popularität erreichten. Die Titel sprechen für sich: „Im Stahlnetz des Dr. Mabuse“, „Das Testament des Dr. Mabuse“, „Die unsichtbaren Krallen des Dr. Mabuse“, „Scotland Yard jagt Dr. Mabuse“ und auf keinem Fall zu vergessen „Die Todesstrahlen des Dr. Mabuse“. 

Genaugenommen handelt es sich bei dieser noch in Schwarz-Weiß gedrehten Filmreihe um eine Fortsetzung bzw. Neuverfilmung zweier Filme von Fritz Lang (1890-1976) aus dem Jahre 1922 („Dr. Mabuse, der Spieler“ – ein zweiteiliger Stummfilm) sowie 1933 („Das Testament des Dr. Mabuse“, diesmal mit Ton und unter den Nazis verboten). Das Faszinosum an der Gestalt des Dr. Mabuse liegt darin begründet, dass er seinen genialen Verstand, seine Profession als Psychoanalytiker (Freud!) und seine außergewöhnlichen hypnotischen Fähigkeiten einsetzt, um eine Verbrecherorganisation zu leiten und selbst Verbrechen zu begehen, gekoppelt mit einer Vision einer besseren und gerechteren Welt. In den genannten Verfilmungen kann man das „Who is who“ der deutschen Schauspielergarde jener Zeit bewundern, von denen einer, nämlich Gert Fröbe (1913-1988), der in zwei Mabuse-Verfilmungen den Kommissar Lohmann mimen durfte, weltberühmt geworden ist. Und das mit Recht, wie ich meine. Die jüngere Generation wird ihn wahrscheinlich nur aus James Bond „Goldfinger“ (1964) kennen, der ab und an im Fernsehen noch gezeigt wird. Aber das war nur einer von mehr als 40 Filmen, in denen er – meist als Charakterdarsteller – mitgewirkt hat. So in dem englischen Film von 1965 „Those Magnificent Men in Their Flying Machines or How I Flew from London to Paris in 25 Hours 11 Minutes”, den man für die deutschen Filmplakate auf den etwas kürzeren und einprägsameren Titel „Die Tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten” eingedeutscht hat. Für jemanden, der sich für die Geschichte der Luftfahrt interessiert, war das ein ähnlich amüsanter Film wie der Film „Schussfahrt nach San Remo“ (mit André Robert Raimbourg (1917-1970), besser bekannt als „Bourvil“) für diejenigen, die sich mehr für die Geschichte des Straßenradsports interessieren. 

Die „tollkühnen Männer“ sind Piloten („Richt'ge Männer wie wir…“), die mit ihren aus Sperrholz und Klaviersaitendraht zusammengeschusterten Fluggeräten im Jahre 1910 ein von einer Gazette ausgerichtetes Wettfliegen über den Ärmelkanal bestreiten möchten. Und da darf natürlich eine Abordnung aus dem deutschen Kaiserreich (schließlich war unser Kaiser Wilhelm II. ein Enkel der britischen Königin Victoria!) nicht fehlen, übrigens überaus stilsicher repräsentiert durch Oberst Manfred von Holstein und seinem Adjutanten Hauptmann Rumpelstoß. Ersterer unvergleichlich preußisch gespielt von Gert Fröbe. Hauptmann Rumpelstoß dagegen (gespielt von Karl-Michael Vogler), der eigentlich als Pilot der kaiserlichen Luftmaschine vorgesehen war, fiel leider krankheitsbedingt aufgrund einer akuten Diarrhoe aus, weshalb Oberst Holstein mit den markigen und unvergessenen Worten „Es gibt nichts, was ein deutscher Offizier nicht kann!“ dessen Part übernehmen musste. Wie sich denken lässt, gelang es ihm trotz intensiven Studiums der Gebrauchsanleitung des Fluggeräts (genauer der „Heeresdienstanweisung zur Bedienung eines Flugzeugs“) nicht, dieses über den Ärmelkanal zu lenken… 

1910 war ein Jahr, wo das motorgetriebene Flugzeug durchaus schon ein brauchbares Fluggerät war. Ein Jahr zuvor gelang nämlich dem Flugpionier Louis Blériot (1872-1936) die erstmalige Überquerung des Ärmelkanals.

Marsmenschen und der Krieg der Welten


In der Mitte des 19. Jahrhunderts stellte man sich den Mars noch als ein wahres Paradies für dessen Bewohner, den „Marsmenschen“ (die man sich damals noch nicht als „klein und grün“ vorgestellt hat), vor. Unter der konsequenten Anwendung des Ähnlichkeitsprinzips (Homologie-Relationen nennt man das in der Fachsprache) konnte so ein Redakteur einer Gazette aus dem Jahre 1859 („Die Fackel – Literaturblatt zur Förderung geistiger Freiheit“) wie selbstverständlich folgende Beschreibung über die „Marsbewohner“ seinen staunenden Lesern abliefern: 

„Wie schon erinnert, mag es auf Mars im Durchschnitt ebenso warm sein, als auf der Erde. Da aber das Sommerhalbjahr beinahe so lange währt, als auf der Erde ein ganzes Jahr, so muss im Sommer die Hitze, im Winter die Kälte weit höher steigen als bei uns. Man wird von manchen Fruchtarten in jedem Sommer zwei oder drei Ernten halten. Edle Weine und Südfrüchte kommen in dem langen Sommer zu einer Reife, ihre Weine bekommen ein Feuer, einen würzigen Geruch und Wohlgeschmack, von dem wir uns keinen Begriff machen können. (…) 

Da jeder Körper zehnmal leichter ist als auf der Erde, so muss es den Marsbewohnern sehr leicht werden, sich selbst und große Körpermassen von einem Orte zum anderen zu bewegen. Vielleicht bedürfen sie dazu nicht einmal der Chausseen, ihre Hauptheerstraße ist die Luft. Ihre Luftballone tragen 10mal mehr als die unsrigen, sie bedürfen, um sie zu füllen, nicht eine so feine, kostspielige Luftart wie wir. Wie wir in der ersten Sekunde durch 15, so fallen sie nur durch 6 Fuß; ein Sturz aus beträchtlicher Höhe bringt daher Wenigen Gefahr. Die Kunst in der Luft zu schiffen, lag ihnen näher, ward, früher erfunden, eifriger und mit lohnenderem Erfolg ausgebildet. Handel und Wandel sind in der schönsten Blüthe; man ist lebhaft beschäftigt, die Produkte der verschiedenen warmen und kalten Länder gegeneinander auszutauschen. Fahrten in fremde Marstheile, Reise um den ganzen Mars, welche 5mal kleiner ist als die unsrige, sind etwas sehr Gewöhnliches. Es kennt jeder Marsbewohner alle Städte und Merkwürdigkeiten seines Planeten aus eigener Anschauung. Dagegen besitzt man vielleicht auf dem Mars, weil die mündliche Mitteilung so leicht ist, weil alle Geschäfte durch persönliche Zusammenkünfte abgemacht werden können, weder der Schreibe- noch der Buchmacherkunst. (…) 

Da Mars 5mal kleiner ist als die Erde, so sind muthmaßlich auch seine Menschen 5mal kleiner, Zwerge nach unsern Begriffen, aber wohlgebildete, wohl gar mit Flügeln versehene, um sich ohne weiteres in die Luft erheben zu können“. 

Ein knappes halbes Jahrhundert später glaubten einige Astronomen große Bewässerungsanlagen auf diesem schon von der Farbe her als überwiegend trocken erscheinenden Planeten entdeckt zu haben, die ominösen „Marskanäle“. So ist es sicherlich nicht verwunderlich, dass sich zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts ein Großteil des Bildungsbürgertums Europas und Nordamerikas weitgehend darüber einig war, dass es auf dem Mars eine hochentwickelte Zivilisation gibt, die mit akuter Wasserknappheit zu kämpfen hat und deshalb riesige Kanäle bauen mussten, um das Schmelzwasser der Pole in die warmen Äquatorregionen zu leiten. In manchen Kreisen debattierte man ernsthaft die Frage, wie man mit ihnen Verbindung aufnehmen und mit ihnen kommunizieren könnte. Die Vorschläge – oftmals von durchaus seriösen Wissenschaftlern vorgetragen – erscheinen uns heute nur noch als mehr oder weniger kurios. So gab es ernsthaft den Vorschlag, dass man in Sibirien große Kahlschläge in Form von Buchstaben und Wörtern anlegen sollte, die von den „Marsastronomen“ mit ihren Fernrohren zu erkennen wären. 

Deshalb ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass ein spezielles Medienereignis (wie man heute sagen würde) am Halloween-Tag des Jahres 1938 einen nicht geplanten Verlauf nahm (auch wenn man die Dramatik in Folge später stark übertrieb). An diesem Tag wurde das Hörspiel „Invasion vom Mars“ nach Herbert George Wells (1866-1946) Roman „Krieg der Welten“ über den amerikanischen Rundfunksender CBS ausgestrahlt. Es wurde von dem berühmten Schauspieler und Regisseur Orson Welles (1915-1985, „Citizen Kane“) derart realistisch arrangiert, dass in den Oststaaten eine Massenpanik unter den Zuhörern ausbrach. Was war geschehen? Alle Leute, die sich gerade die Comedy-Sendung „The Chase and Sanborn Hour“ anhörten, wurden von einer Unterbrechung mit einer wichtigen Durchsage überrascht. Zuerst meldet ein Astronom riesige Gasexplosionen auf dem Mars, dann etwas später ein Radiosprecher, dass bei Grovers Mill bei New Jersey ein riesiges flammendes Objekt niedergegangen sei. Dann folgt wieder Musik bis sich ein Reporter vor Ort meldet: „Großer Gott – etwas kriecht aus dem Schatten wie eine graue Schlange. Das sieht wie Tentakel aus. Der Körper ist groß wie ein Bär und glänzt wie nasses Leder. Aber das Gesicht – es – es ist unbeschreiblich!“ Daraufhin begannen die Telefone in den meisten Polizeistationen der amerikanischen Ostküste zu klingeln und besorgte Mitbürger wollten von den genauso überraschten Beamten wissen, was denn nun Sache sei und wie man sich verhalten soll. Vereinzelt soll es in einigen Orten sogar zu Panikattacken gekommen sein, was aber nur für wenige Fälle verbürgt ist. Denn kaum jemand wusste, dass es sich um gut geplante Einstreuungen in das laufende Programm handelte – nur diejenigen, die ganz am Anfang den kurzen Hinweis darauf bewusst erfasst hatten…

Das eigentlich raffinierte war jedoch, das Orson Welles die fiktiven Nachrichteneinblendungen just dann in das CBS-Programm platzierte, als beim Konkurrenzsender NBC in eine Werbepause geschaltet wurde. Alle die jetzt unter Umgehung dieser Werbepause quasi zu CBS „zappten“ (wie wir heute sagen würden), fanden sich auf einmal in einem gänzlich anderen Film wieder, in dem viele nicht ohne Weiteres Wahrheit von Fiktion unterscheiden konnten. Und das Hörspiel traf auf durchaus fruchtbaren Boden, denn es lag Krieg in der Luft. Presse und Radio bereiteten die Bevölkerung schon seit Monaten mit entsprechend beunruhigenden Meldungen aus Fernost (Japan und China) und Europa (Deutschland) darauf vor. Da hielt es natürlich eine ganze Anzahl von Bürgern durchaus für möglich, dass Aliens vom Mars mit Lichtblitzen und Giftgasangriffen Amerika heimsuchen und man sich und seine Familie irgendwie in Sicherheit bringen muss. 

Was sich Georges Wells in seiner Phantasie ausgemalt hat, kann man sich heute im Kino oder auf dem Fernseher bzw. Computermonitor anschauen, denn Hollywood hat natürlich dieses Stück „Weltliteratur“ gleich mehrfach verfilmt. Dabei soll hier nur die durch die Vielzahl von Spezialeffekten überzeugende Fassung von 2005, die unter der Regie von Steve Spielberg entstand und in der Gegenwart spielt, erwähnt werden. 

Dass es auf dem Mars keine „Marsmenschen“ geben kann, war den Astronomen in den 1930er Jahren durchaus klar, denn man wusste mittlerweile, dass der Mars nur eine dünne, nicht atembare Atmosphäre hat, die hauptsächlich aus Kohlendioxid besteht und es dort auch ziemlich kalt ist. Aber die Existenz von mikrobiellem Leben hält man aber auch heute noch für durchaus möglich.

Als man in den 1970er Jahren endlich technologisch soweit war, Landesonden auf dem roten Planeten abzusetzen (Viking 1 und Viking 2), bestand eine ihrer Aufgaben darin, auf der Marsoberfläche nach etwaigen Lebensspuren zu fahnden. Dazu wurden ein paar äußerst raffinierte Experimente durchgeführt, deren Ergebnisse sich jedoch nur schwer interpretieren ließen. Seitdem sind nun schon wieder 40 Jahre vergangen und unser Wissen über dem Mars ist seitdem quasi explodiert. Aber Hinweise auf „Leben“ konnten immer noch nicht gefunden werden. Dabei gab es im Jahre 1996 kurzzeitig einen Hauch von Hoffnung, diesbezüglich doch fündig geworden zu sein. Der damalige US-Präsident Bill Clinton ließ es sich nicht nehmen, die Welt in einer speziellen Pressekonferenz darüber in Kenntnis zu setzen, dass die NASA bei der Analyse eines in der Antarktis gefundenen Meteoriten, der eindeutig vom Mars stammt, mikroskopische kleine Strukturen gefunden hat, die versteinerten bakterienartigen Lebensformen täuschend ähneln. Kurz gesagt, diese Interpretation konnte in der Folge nicht aufrecht erhalten werden, obwohl die länglichen Gebilde, die man auf einer elektronenmikroskopischen Aufnahme einer Bruchfläche deutlich erkennen kann, wirklich wie zu klein geratene mineralisierte Bakterienzellen aussehen. Mittlerweile glauben die Wissenschaftler jedoch, diese Strukturen rein anorganisch erklären zu können.

Das “Fließen“ der Zeit um den Zauberberg...


Heute möchte ich mich wieder mal der Frage „Was ist Zeit?“ zuwenden, und zwar insbesondere dem Aspekt des „Zeitflusses“. Er beschreibt das fortgesetzte Vergehen des „Jetzt“ in der Vergangenheit und das Hereinbrechen der Zukunft als einen unaufhaltsamen Prozess. Aber wie schon Kant feststellte, macht der Begriff des „Fließens“ in diesem Zusammenhang nur dann Sinn, wenn man es mit der Alternative des „Nichtfließens“ vergleichen könnte. Für gestandene Physiker ist deshalb Zeit in diesem Sinn eine, wenn auch hartnäckige, Illusion. Seine Formeln zeigen explizit kein „Fließen“ der Zeit, sie ist dort lediglich ein Parameter analog den Ortskoordinaten, mit dem man Veränderungen beschreiben kann. Dort, wo es keine wie auch immer geartete Veränderungen gibt, wird der Zeitbegriff sinnlos, da sich unter dieser Bedingung auch keine Messvorschrift für diesen Parameter mehr definieren lässt. 

Das steht auch im Einklang mit dem sogenannten thermodynamischen Zeitpfeil. Er legt von zwei zeitlich getrennten Zuständen eines Systems genau den als mehr in der Vergangenheit liegenden fest, der die geringere Entropie von beiden aufweist. Ein physikalisches System im thermodynamischen Gleichgewicht (d. h. in dem keine Veränderungen mehr stattfinden) kennt deshalb weder Vergangenheit noch Zukunft, es ist gewissermaßen zeitlos. 

Eine andere Art des Zeitpfeils kann man an der Entwicklung des überschaubaren (d. h. für uns sichtbaren) Teils des Universums festmachen. Und zwar lässt sich in diesem Fall die Zeit quasi an der durch die kosmische Expansion erreichten Größe (dem „Weltradius“) ablesen. Man spricht hier speziell vom „kosmologischen Zeitpfeil“. 

Das „Zeitproblem“ hat aber auch jenseits der Physik seine jeweils eigene Bedeutung wie z. B. in der Psychologie (Warum erscheinen uns die Tage im „Alter“ kürzer als die Tage in unseren Kindertagen?), in der Metaphysik (siehe z. B. Heideggers „Sein und Zeit“) oder Biologie (Evolution) und hat auch heute noch nichts von seiner Faszination zumindest für diejenigen, die darüber nachzudenken bereit sind, verloren. 

Es sei hier nur an die Worte Hans Castorp’s in Thomas Manns Roman „Der Zauberberg“ erinnert, dem er folgende Gedanken „in den Kopf schrieb“: 

„Was ist die Zeit? Ein Geheimnis - wesenlos und allmächtig. Eine Bedingung der Erscheinungswelt, eine Bewegung, verkoppelt und vermengt dem Dasein der Körper im Raum und ihrer Bewegung. Wäre aber keine Zeit, wenn keine Bewegung wäre? Keine Bewegung, wenn keine Zeit? Frage nur! Ist die Zeit eine Funktion des Raums? Oder umgekehrt? Oder sind beide identisch? Nur zu gefragt! Die Zeit ist tätig, sie hat verbale Beschaffenheit, sie "zeitigt". Was zeitigt sie denn? Veränderung! Jetzt ist nicht Damals, Hier nicht Dort, denn zwischen beiden liegt Bewegung. Da aber die Bewegung, an der man die Zeit mißt, kreisläufig ist, in sich selber beschlossen, so ist das eine Bewegung und Veränderung, die man fast ebensogut als Ruhe und Stillstand bezeichnen könnte; denn das Damals wiederholt sich beständig im Jetzt, das Dort im Hier.“ 

Dieses Buch, nach den „Buddenbrooks“ (Literaturnobelpreis 1929) und „Königliche Hoheit“ der dritte große Roman von Thomas Mann (1875-1955), war einer „der“ Bestseller in der Zeit der Weimarer Republik und darüber hinaus. In der Tradition des deutschen Bildungsromans (besser, einer Parodie darauf) wird in der Enge eines Lungensanatoriums in der Schweiz ein episches Gemälde, das sich um die Person des jungen Hamburgers Hans Castorp rankt, entwickelt und, fein ziseliert, mit einer Vielzahl von jeweils eigenen Charakteren in Beziehung gesetzt. Ein als „kurz“ (3 Wochen) geplanter Besuch Castorps in Davos entwickelt sich zu einem 7-jährigen Aufenthalt, in dem die Persönlichkeit des Protagonisten geformt wird. Der „rote Faden“ des Romans erscheint zwar simpel, aber die Sprache Thomas Manns, die eingestreuten philosophischen und theologischen Streitgespräche auf zum Teil sehr hohem Niveau (und deshalb nicht immer leicht zu folgen) in Verbindung mit der intensiven Atmosphäre jener durch den 1. Weltkrieg geprägten Zeit lassen einen nicht mehr los. Wenn Sie also dieses Buch noch nicht gelesen haben, dann sollten Sie es schleunigst tun. Sie werden es nicht bereuen…

Mich hat in meiner Studentenzeit, wo ich unendlich viel gelesen habe, noch ein anderes Buch stark beeindruckt, wenn es auch nicht in dieser literarischen Liga mitspielen kann. Es handelt sich um die Autobiografie von Carl Zuckmayer (1896-1977) mit dem Titel „Als wär’s ein Stück von mir“. Nur wenige werden noch diesen Theaterschriftsteller kennen, dem mit der Komödie „Der fröhliche Weinberg“ 1925 der Durchbruch gelang. Zwei Jahre später festigte sich sein Erfolg mit dem Stück „Schinderhannes“ und 1931 gelang ihm dann der ganz große Coup mit „Der Hauptmann von Köpenick“, der ihn innerhalb kürzester Zeit zu einem wohlhabenden Mann machte. Dieses Stück war wegen seiner deutlichen antimilitaristischen Haltung zur Zeit des Nationalsozialismus natürlich nicht mehr opportun, was ihn 1938 zur Flucht aus Österreich veranlasste. Alles das hat er in seiner Autobiografie detailliert beschrieben – die Verhältnisse in Wien nach dem „Anschluss“, seine fast misslungene Flucht über die Schweiz, die ihn erst nach Rotterdam und dann in die Vereinigten Staaten führte, wo er dann eine Zeit lang als Drehbuchautor in Hollywood lebte (um einmal eine bekannte Örtlichkeit zu nennen) und seine Rückkehr nach dem Krieg. 

Zuckmayers Autobiografie lässt die ersten 6 Jahrzehnte des vorigen Jahrhunderts ähnlich lebendig vor Augen treten wie das Leben Hans Castorps in Davos am Vorabend des 1. Weltkrieges in Thomas Manns Roman. Schritt für Schritt trifft man auf berühmte Zeitzeugen wie Max Reinhard, Bertolt Brecht, Stefan Zweig und, und, und… Kein Abschnitt ist langweilig. Deshalb ein Tipp: Falls man nur wenig Zeit zum Lesen erübrigen kann, sollte man die Lektüre aufschieben und in den Urlaub verlagern. Glauben Sie mir, Zuckmayers Autobiografie ist besser als jedes Geschichtsbuch über diese ereignisreiche Zeit. Der Titel „Als wär’s ein Stück von mir“ ist übrigens eine Zeile aus dem Gedicht von Ludwig Uhland „Der gute Kamerad“, welches er im Jahre 1809 unter dem Eindruck des Einsatzes Badischer Truppen gegen die gegen Napoleon Bonaparte revoltierenden Tiroler Freiheitskämpfer geschrieben hat. Dieses Gedicht, auch als „Ich hatt‘ einen Kameraden…“ bekannt, wird in der Vertonung von Friedrich Silcher auch heute noch bei Trauerfeierlichkeiten der Bundeswehr gespielt. Es war „das“ Lied zur Zeit des Ersten Weltkriegs. „Das“ Lied des Zweiten Weltkriegs war ohne Zweifel „Lili Marleen“, ursprünglich von Lale Andersen gesungen („An der Kaserne, vor dem großen Tor…“). Popularisiert durch den Armeesender Belgrad kam nach 1941 eine Vielzahl von Varianten in anderen Sprachen auf, denn das Lied war auch unter den Gegnern Nazideutschlands äußerst beliebt. Eine englischsprachige Fassung ist beispielsweise eng mit dem Namen von Marlene Dietrich (1901-1992) verbunden, die berühmte, in die USA ausgewanderten UFA-Schauspielerin aus der Heinrich-Mann - Verfilmung des Buches „Prof. Unrat“ - dem „Blauen Engel“. Als es schließlich mit dem Hitlerreich langsam zu Ende ging, die Rote Armee die deutsche Wehrmacht immer weiter nach Westen zurückdrängte und schließlich die Alliierten an der Normandie eine zweite Front eröffneten, kurz gesagt, sich durch den Bombenkrieg die Lage auch innerhalb Deutschlands immer unerträglicher gestaltete, wurde ein weiteres Lied zum Gassenhauer und fatalistischen Mutmacher: „Davon geht die Welt nicht unter“ von Bruno Balz (1902-1988) und unvergleichlich gesungen von Zarah Leander (1907-1981) im Film „Die große Liebe“. Und als letztes Beispiel muss unbedingt noch „Brothers in Arms“ von Mark Knopfler („Dire Straits“, ein anderes Wort für „pleite“) erwähnt werden, welches man wiederum als „das“ Lied der Jugoslawienkriege von 1991 bis 2001 bezeichnen kann...

Die “Politische Korrektheit“ in der Euphemismus-Tretmühle...

"Menschenrassen" - Meyers Konversationslexikon 1904

Eng mit der früher oft praktizierten „staatlichen“ Zensur ist bekanntlich die sie heute ablösende „Politische Korrektheit“ verwandt, die – zwar nicht kodifiziert – zur Selbstzensur anregt, in dem sie z. B. versucht, bestimmte, entweder zu Recht oder zu Unrecht disqualifizierte Wörter aus dem Wortschatz zu verbannen. Das ursprüngliche Ziel war es, der verbalen Diskriminierung von Minderheiten durch Einführung einer neutralen Sprache entgegenzuwirken – ein durchaus löbliches Unterfangen, wenn es nicht zu einer ideologischen Waffe „entartet“ (wieder so ein politisch inkorrektes Wort!) wäre. So ist es sicherlich richtig und damit nicht verkehrt, in offiziellen Schriften „Zigeuner“ mit dem korrekten Begriff „Sinti und Roma“ zu bezeichnen. Wenn aber ein „Zigeunerschnitzel“ (hinter dem sich ja eine konkrete Vorstellung verbirgt und sicherlich nicht ein „Schnitzel aus dem Fleisch eines Zigeuners“) ab sofort „politisch korrekt“ nur noch „Balkanschnitzel“ (oder, wie nun seit 2013 hochoffiziell in Hannover, „Paprikaschnitzel“) genannt werden darf, dann wird es nur noch lächerlich. Dabei soll nicht verhehlt werden, dass das Streben nach politischer Korrektheit durchaus Phantasie und Kreativität fördert und sich auf diese Weise – insbesondere für Germanisten – völlig neue Tätigkeitsfelder erschließen lassen. Und da gibt es wahrhaft große Herausforderungen. Nehmen wir z. B. die „Klofrau“ – wir kennen sie alle, die wir ab und an die von ihr überwachten, betreuten und in hygienisch einwandfreien Zustand gehaltenen Örtlichkeiten aus rein biologischen Gründen aufsuchen müssen. Uns würde nie der Gedanke kommen, dass dieser Begriff den Beruf oder die ihn ausübende Person irgendwie diskriminiert. Andererseits ist es aber durchaus wahr, dass unter einigen Mitmenschen (meist beruflich „höhergestellten“, die meinen, dass ihre „Tätigkeit“ irgendwie „wertvoller“ sei, da besser bezahlt) dieser Begriff zur Abqualifizierung von Tätigkeiten geringeren sozialen Prestiges verwendet wird. Und um dieser Minderheitenmeinung Paroli zu bieten, haben Leute, die sonst nichts Vernünftiges den Tag über zu tun haben, einmal den Begriff der „Toilettenpflegerin“ und, natürlich, des „Toilettenpflegers“ (zusammengefasst mit „Gender Gap“ „Toilettenpfleger_innen“ - man schreibe mal "Hebamme" mit "Gender Gap") erdacht, um zumindest erst einmal eine Geschlechtergleichberechtigung zu erreichen - das hehre Ziel des Wissenschaftszweiges „feministischer Sprachforschung“. Aber hier steckt leider immer noch das üble Wort „Toilette“ drin. Doch auch hier wussten die Fachleute der deutschen Sprache schnell Abhilfe: „Toilettenpfleger_innen“ sind nämlich ganz neutral in Wahrheit facility manager, die im „McClean“ eines städtischen Hauptbahnhofes oder abseits einer Hotel-Lobby ihrer nützlichen Tätigkeit nachgehen. Da ist es kein Wunder, das normale Menschen eine „politisch korrekte“ Sprache immer mehr mit einer lächerlichen Euphemisierung sowie einer dogmatischen, intoleranten Politik assoziieren. 

Das ganze Elend ging übrigens mit dem Wort „Neger“ los, der uns ältere Semester alle noch als Quengelware beim Bäcker in Form des „Negerkusses“ in Erinnerung ist (politisch korrekt ist hier die Bezeichnung „Schokokuss“). In Grimm’s Wörterbuch lesen wir dazu „NEGER, m. der schwarze, der mohr, aus franz. négre (lat. niger)“. Es handelt sich um eine seit Beginn des 18. Jahrhunderts akzeptierte Bezeichnung für Menschen aus Afrika, deren Haut nun mal (aus heute leicht nachvollziehbaren Gründen) „schwarz“ ist. Im Aufkommen diverser Rassentheorien, die angebliche Unterschiede zwischen „minder bemittelten“ niederen Rassen (alle, die keine weiße Hautfarbe hatten) und einer „höher bemittelten“ Herrenrasse thematisierten, um z. B. koloniale Ausbeutung oder die Sklavenhaltung in den amerikanischen Südstaaten zu begründen, entwickelte sich von der Semantik her das Wort „Neger“ (oder, in den USA „Nigger“) immer mehr zu einem rassistisch motivierten Schimpfwort. Dem versuchten progressive Kräfte gegen Ende des 20. Jahrhunderts durch eine neue Begrifflichkeit entgegen zu treten: aus „Neger“ wurden „Schwarze“. Aber irgendwann war auch die Bezeichnung „Schwarze“ negativ konnotiert, so dass man nun das Wort „Farbige“ ins Spiel brachte. Nur halten sich nun mal dunkelhäutige Menschen selbst nicht für „bunt“ wie Aras, weshalb als neuer „Vorschlag“ „Afro-Amerikaner“ in das Wörterbuch der politically correctness Einzug hielt. Aber leider war der typische „Afrikaner“ kein „Afro-Amerikaner“, was den Bedeutungsumfang dieses Begriffes doch zu stark einengte. 

Und hier offenbart sich schon das Dilemma einer politisch korrekten Sprache. Wenn Wörter mit negativer Konnotation durch „neue“ ersetzt werden, dann werden diese „neuen Wörter“ im Laufe der Zeit selbst auch eine negative Konnotation annehmen, solange sich das soziale Umfeld bzw. die sozialen Verhältnisse um den Begriff herum nicht ändern. Sie müssen dann wiederum durch einen noch „neueren Begriff“ ersetzt werden … ad infinitum (könnte man spaßeshalber sagen – „Ausländer“ – „Menschen mit Migrationshintergrund“ – „Menschen mit Zuwanderungsgeschichte“ - …, oder, ein anderes Beispiel: „Rabauken“ – „schwer erziehbare Kinder“ – „verhaltensgestörte Kinder“ – „verhaltensauffällige Kinder“ – „verhaltensoriginelle Kinder“ - … ). Der erfahrene Sprachkundler spricht hier von einer „Euphemismus-Tretmühle“, die, ist sie erst einmal losgetreten, so leicht nicht wieder anzuhalten ist. Niemand, aber auch niemand (auch die Betroffenen nicht) würde sich über Wörter wie „Neger“ oder „Zigeunerschnitzel“ aufregen oder sich diskriminiert fühlen, wenn die gesellschaftliche Wirklichkeit keinen Platz für Rassismus, Sexismus oder anderen Arten von Diskriminierung hätte. Denn mit Euphemismus (also dem „Schönreden“ von Problemen) leistet man keinen echten Beitrag zu deren Lösung. 

Wenn es z. B. in der Gesellschaft unisono wäre, dass es in Wirklichkeit keine „Menschenrassen“ gibt (was unter Biologen sowieso Konsens ist) und insbesondere die Hautfarbe nur eine den ökologischen Gegebenheiten angepasste phänotypsche Ausprägung bestimmter Gene ist (die moderne Genetik kann beweisen, dass genotypisch ein „schwarzes“ und ein „weißes“ Individuum unter Umständen miteinander näher verwandt sein können als zwei x-beliebige „weiße“ oder zwei x-beliebige „schwarze“ Individuen), dann wäre halt „Roter“, „Weißer“, „Gelber“ oder „Schwarzer“ (Neger) nur eine neutrale Begrifflichkeit für diesen Fakt und man könnte sich die andauernde Umdeutung von Begriffen ersparen. Besser wäre es, man würde sich bemühen, die gesellschaftlichen Verhältnisse entsprechend zu ändern (z. B. durch Investitionen in Bildung und Erziehung). Denn political correctness ist bei näherer Betrachtung nichts anderes als eine Verschleierung der Wirklichkeit, um sie besser aussehen zu lassen als sie ist und um Scheinprobleme zu schaffen, über die sich dann unter Ausklammerung der wirklich wichtigen gesellschaftlichen Probleme trefflich streiten lässt. Sie lässt sich aber auf Dauer nicht aufrechterhalten, denn es gilt immer noch der alte Satz von Abraham Lincoln: 

„Man kann alle Leute einige Zeit und einige Leute alle Zeit, aber nicht alle Leute alle Zeit zum Narren halten.“ 

Dabei bedeutet die Redewendung „zum Narren halten“ von der ursprünglichen Bedeutung her eigentlich nur „jemanden als Hofnarren“, d. h. als „Spaßmacher“ zu halten, der sich gegenüber seinem „Halter“ gewisse Freiheiten parodierender Art erlauben darf, die anderen schnell zum Verhängnis werden können. Aber das ist schon wieder ein anderes Thema...

Definition Euphemismus, Beispiele Euphemismus, Neusprech, Orwell 1984

Lolita, Hobby-Insektenkundler und die Taxonomen...


Als Taxonomen bezeichnet man Biologen, die u. a. für die Beschreibung und Benennung neuer Arten verantwortlich sind. Moderne Taxonomen müssen dazu die zu bearbeitenden Organismen sehr gut kennen, auf umfangreiche Vergleichssammlungen zurückgreifen können und auch unbeschränkten Zugang zu alter und neuer Literatur ihres jeweiligen Fachgebietes haben. Kurz gesagt, der Beruf des Taxonomen ist im akademischen Umfeld angesiedelt und konzentriert sich deshalb in naturkundlichen Museen und im Umfeld universitärer Sammlungen. Leider ist es so, dass sich die Biologie im letzten halben Jahrhundert stark gewandelt und im Zuge dessen der Taxonom seine öffentliche Reputation gegenüber den Genetikern und Molekularbiologen stark eingebüßt hat. Das Problem ist nun, dass es heute für viele Tier- und Pflanzengruppen so gut wie keine Spezialisten mehr gibt, die sie eindeutig bestimmen können. Das betrifft besonders Organismen, deren Vielfalt eh kaum wahrgenommen wird (wie z. B. unter den Insekten die Aphidae, die „Blattflöhe“). Schmetterlinge und Käfer machen hier eine Ausnahme, da es hier sehr viele Laienforscher gibt, die in ihrer Expertise einem akademisch ausgebildeten Taxonomen kaum nachstehen. 

Schmetterlinge und Käfer zu sammeln war einst sehr populär. Insbesondere im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert konnte man diesem Schlag von Menschen oft in Wald und Flur begegnen („mit Botanisiertrommel und Schmetterlingsnetz“). Ihre in großer Mühe zusammengetragenen Sammlungen bilden heute die Bestände unserer musealen Schätze. 

Es gab eine ganze Anzahl berühmter Persönlichkeiten, die selbst umfangreiche Käfer- und Schmetterlingssammlungen zusammengetragen und auf diesen Gebieten wissenschaftlich gearbeitet haben. Beginnen wir mit einem begnadeten Schauspieler, der zu seinen Lebzeiten überaus bekannt und berühmt war: Ferdinand Ochsenheimer (1767-1822). Sein mehrbändiges Werk „Die Schmetterlinge Europas“, das er teilweise zusammen mit seinem Schauspielkollegen Georg Friedrich Treitschke verfasste, kann im Internet leicht in digitalisierter Form eingesehen werden und zeugt noch heute von dem außergewöhnlichen Fleiß und den außergewöhnlichen Kenntnissen dieses Lepidopterologen der ersten Stunde, der im Wiener Hoftheater ein gefeierter Charakterdarsteller war. Friedrich Schiller, der ihn 1801 als Talbot (dem Feldherrn der Engländer) in seinem Bühnenstück „Die Jungfrau von Orleans“ erleben durfte, war jedenfalls von ihm begeistert. 

Ein Kolepterologe (also ein Käferforscher) war der Schriftsteller und Philosoph Ernst Jünger (1895-1998). Den Literaturfreunden ist er vor allem durch seine Kriegstagebücher aus dem 1. Weltkrieg bekannt, die unter dem Titel „In Stahlgewittern“ im Jahre 1920 erschienen sind und großes Interesse hervorgerufen haben. Die Entomologen dagegen schätzen besonders seine Arbeiten auf dem Gebiet der Käferkunde (Kolepterologie). Ihm zu Ehren wurde z. B. ein Schwarzkäfer, der im arabischen Raum beheimatet ist, mit dem Namen Leptonychoides juengeri versehen. Über sein aufregendes Leben kann man sich am besten im Ernst-Jünger-Haus in Wilflingen informieren. Dort befindet sich auch seine umfangreiche Käfer- und Zikadensammlung, die er im Laufe seines langen Lebens zusammengetragen hat. Seit 1986 wird in Baden-Württemberg in einem Turnus von 3 Jahren der renommierte Ernst-Jünger-Preis für Entomologie verliehen, der auf seine Weise an den berühmten, aber auch umstrittenen Schriftsteller, Philosophen und Liebhaber-Entomologen erinnert. 

Ein anderer, zumindest unter den deutschen Schmetterlingssammlern bekannter Entomologe war Arno Bergmann (1882-1960), dessen Sammelgebiet den Thüringer Wald und den Kyffhäuser umfasste. Ihn interessierten besonders die Lebensgemeinschaften, das Wechselspiel zwischen der Pflanzenwelt und den dort lebenden Schmetterlingen, also das, was später im Begriff der Ökologie subsumiert wurde. Auch er hat ein großes Werk, „Die Großschmetterlinge Mitteldeutschlands“ hinterlassen. Fortleben wird er jedoch in einem anderen Begriff, in der „Bergmann-Serie“. Darunter versteht man eine fundamentale Serie von Spektrallinien von Alkalimetallen, die im infraroten Spektralbereich liegen und beispielsweise für die Astrophysik von Bedeutung sind. Arno Bergmann war nämlich abseits von seinem Hobby als Schmetterlingssammler promovierter Physiker und später Gymnasiallehrer. 

Ansonsten fallen mir noch folgende Insektenkundler ein, die meist ihr Hobby neben ihrem Beruf professionell ausgeübt haben: Arnold Spuler (1869-1937), Universitätsprofessor (Medizin) und Politiker der „Deutschnationalen Volkspartei; Lionel Walter Rothschild, 2. Baron Rothschild (1868-1937), Banker aus der Rothschild-Dynastie; der Autor des Kinsey-Reports, Alfred Charles Kinsey (1894-1956), Spezialist für Gallwespen. 

Und dann ist natürlich noch der berühmte Autor des seinerzeit äußerst skandalträchtigen Romans „Lolita“ (1955) zu nennen: Vladimir Nabokov (1899-1977). Der in Sankt Petersburg geborene und später in die USA ausgewanderte Schriftsteller gilt unter den Literaten als einer der einflussreichsten Erzähler des 20. Jahrhunderts und unter den Entomologen als einer der besten Kenner der amerikanischen Bläulinge, einer besonders artenreichen Familie von Tagschmetterlingen. Scherzhaft streiten sich noch heute einige Leute darüber, ob es in seinem Fall nicht besser gewesen wäre, er hätte ein paar Romane weniger geschrieben und dafür mehr über Bläulinge publiziert. Oder aber, ob er nicht lieber doch ein paar Romane mehr auf dem Niveau von „Lolita“ oder „Ada“ hätte verfassen sollen, als viel Zeit beim Untersuchen von Bläulingen und ihrer männlichen Geschlechtsorganen zu verbringen. Aber eins kann man auf jedem Fall konstatieren: wohlhabend ist Nabokow nur durch seine Schriftstellerei, und das auch erst in seinen späteren Jahren, geworden. Und dass er ein Schmetterlingsspezialist par excellence war, dürfte kaum einem Leser seiner Romane oder dem Publikum seiner Romanverfilmungen bekannt sein. 

Der erste, von dem berühmten Regisseur Stanley Kubrick (1928-1999) nach seiner Übersiedlung nach England gedrehte Film war übrigens „Lolita“, an dessen Drehbuch Vladimir Nabokov selbst noch mitgearbeitet hat. Die Aufgabe erwies sich dabei schwieriger, als man dachte, denn das literarische Werk war damals als „Pornographie“ verschrien (ein nicht unwesentlicher Faktor für dessen Popularität!) und man musste verdammt aufpassen, dass der Film am Ende nicht auf dem Index landet und mit einem Aufführverbot belegt wird. Aber diese Aufgabe wurde mit Bravour gelöst, was man u. a. daran erkennen kann, dass das Drehbuch im Jahre 1963 immerhin für den Oskar nominiert war. Was die Verfilmung betrifft (es geht darin wie im Roman um eine parthenophile Liebesbeziehung zwischen einem minderjährigen Mädchen und einem ca. 40-jährigen Mann), so ergab sich bei der Uraufführung ein gewisses Kuriosum, welches zu erwähnen sich durchaus lohnt. An der Seite von James Mason (1909-1984) als Humbert spielte die damals 15-jährige Sue Lyon die nymphomanische „Lolita“. Aufgrund der sehr restriktiv gehandhabten Altersfreigabe von Filmen durfte sie jedoch nicht bei der Uraufführung in den USA dabei sein - sie war einfach zu jung für einen derartigen „obszönen“ Streifen, deren eine Hauptrolle sie verkörperte...

Eine hinreichend fortgeschrittene Technologie... - für Freunde des sowjetischen Films


Das Internet im Allgemeinen und das World Wide Web im Besonderen kann man im Sinn von Arthur C. Clarke (1917-2008) sicherlich als eine „hinreichend fortgeschrittene Technologie“ betrachten, die von Magie nicht mehr zu unterscheiden ist. Arthur C. Clarke war im „Westen“ derjenige, der der Science-Fiction – Literatur zum Durchbruch verholfen hat. Man denke nur an den großen Roman „Odyssey im Weltraum“ von 1968, der auch verfilmt wurde. 

Im „Osten“ war sein Pendant ohne Zweifel Stanislaw Lem (1921-2006), der ein genauso genialer Utopist war wie auch Clarke. Sein berühmtestes Werk ist „Solaris“ aus dem Jahre 1961, das vielen Kennern in der Verfilmung von Andrei Arsenjewitsch Tarkowski (1932-1986) ein Begriff ist. Dass es sich hier um ein außergewöhnliches Werk handeln muss, erkennt man an den mittlerweile drei Verfilmungen und einem halben Dutzend Bühnenstücken, die Teile des Werkes adaptieren. Und natürlich daran, dass es in der DDR 1962 keine Druckerlaubnis erhalten hat. Erst 1983 erschien es dann doch noch im Verlag „Volk und Welt“, nachdem bis dahin schon zwei sowjetische Filmfassungen vorlagen. Dabei gilt die Fassung, die unter Widerständen der große sowjetische Regisseur Andrei Arsenjewitsch Tarkowski 1972 abgeliefert hat, als ein Highlight der Filmgeschichte. Es ist nicht unbedingt ein Film, der es nur auf Unterhaltung abgesehen hat. Seine Bedeutung liegt darin, dass er die Parabel über Tod, Liebe und Auferstehung (die in Lem’s Roman nur ein Nebenzweig darstellt) in stiller, aber überaus beeindruckender Weise umgesetzt hat. Aber auch die US-Verfilmung von Steven Soderbergh mit George Clooney in der Hauptrolle ist eine durchaus gelungene Umsetzung des komplexen Stoffes. Stanislaw Lem war übrigens mit beiden Verfilmungen nicht zufrieden, da sie doch zu sehr von der Romanvorlage abwichen.

Zu "sowjetischen Zeiten" ist in der damaligen Sowjetunion eine große Zahl von Filmen entstanden, die durchaus das Prädikat „Meisterwerk“ verdienen. Ich meine damit nicht nur die vielen Märchenfilme, die die Kindheit vieler DDR-Bürger geprägt und die auch heute noch nicht ihren ganz eigenen Charme verloren haben. Hier soll nur „Abenteuer im Zauberwald“ von 1964 als Beispiel unter Vielen erwähnt werden. Und wer russische Befindlichkeiten verstehen will, der sollte sich unter anderem wieder einmal den Märchenfilm von Alexander Ptuschko (1900-1973) von 1956 „Ilja Muromez“ anschauen. Ich meine in diesem Zusammenhang Filme, die auf eine subtile Art und Weise Gesellschaftskritik üben und es schwer hatten, durch die damalige Zensur zu kommen. Sie wurden meist nur auf diversen Festivals gezeigt und waren so gut wie nicht im DDR-Fernsehen zu sehen. 

Aber auch die russische Geschichte barg immer wieder Themen, denen sich sowjetische Regisseure wie Sergei Fjodorowitsch Bondartschuk (1920-1994, „Krieg und Frieden“, „Waterloo“), Sergei Michailowitsch Eisenstein (1898-1948, „Iwan der Schreckliche“, „Alexander Newski“), Andrei Arsenjewitsch Tarkowski („Andrej Rubljow“, „The Mirror“, „Nostalghia“, „Stalker“) und Elem Germanowitsch Klimow (1933-2003, „Agonia“) widmeten. Dabei will ich die heroischen Kriegsfilme, die mit massivem materiellem Aufwand den „Großen Vaterländischen Krieg“ glorifizierten, gar nicht im Einzelnen nennen. Ich meine eher stille Filme, wie „Abschied von Matjora“ (Elem Germanowitsch Klimow, Larissa Schepitko (1938-1979) aus dem Jahre 1983, „Dersu Usala“ (Akira Kurosawa (1910-1998)) aus dem Jahre 1975 und „Briefe eines Toten Mannes“ von Konstantin Lopuschanski aus dem Jahre 1986. Er ist quasi die sowjetische Antwort auf den Hollywood-Film „The Day After – der Tag danach“ (1983) mit Jason Roberts (1922-2000) in der Hauptrolle. 

Der Film „Briefe eines Toten Mannes“ ist dabei noch weitaus verstörender als „The Day After“. Ich habe den Film 1986 anlässlich des „Festivals des sowjetischen Films“ in Leipzig gesehen, wo ich einen Freund besuchte, der auch die durchaus begehrten Karten besorgt hatte. Was sich dabei eingebrannt hat, war weniger der Inhalt des Filmes, sondern dessen Schluss. Normalerweise beginnen schon mit dem Abspann die ersten Gäste den Kinosaal zu verlassen. Hier mitnichten. Erst als das Licht anging, standen die ersten Gäste auf – und zwar ohne auch nur ein Wort zu sagen. Stumm leerte sich der Kinosaal… Es war der reinste Wahnsinn. Ob der Film auch heute noch derartige Emotionen hervorrufen würde, wage ich indes zu bezweifeln. Ein versehentlicher Atomkrieg (oder ein von der Journaille herbei geschriebener) ist heute offensichtlich kein Thema mehr in der Bevölkerung. Themen sind hier eher „Castor-Transporte“ sowie „genmanipulierte Lebensmittel“, um nur die beiden echten „Highlights“ neben dem noch viel schrecklicheren CO2 zu nennen. Dabei gilt genauso auch heute noch der Satz „Wir sind noch nicht davongekommen“. Die Doomsday Clock steht im Jahre 2017 bei 2 1/2 Minuten vor Zwölf. Diesen Stand hatte sie das letzte Mal im Jahre 1984 zur Zeit des Höhepunktes des atomaren Wettrüstens. Aber niemand scheint das irgendwie zu interessieren. Man denkt, dass der Fortschritt in den Informationstechnologien das zufällige Auslösen eines Atomkrieges irgendwie unwahrscheinlicher machen wird. Aber das ist ein Irrtum. Indem Entscheidungsketten immer mehr automatisiert werden, nehmen im gleichen Maße auch die menschlichen Einflussmöglichkeiten ab.

Das Lehrbuchbeispiel ist mit dem Namen Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow verbunden, von dem die Welt erst im Jahre 1998 etwas erfahren hat. Es könnte sein, dass wir ihn unser aller Leben verdanken. 

1983 war das Jahr, als ein sowjetischer Abfangjäger die koreanische Passagiermaschine abschoss, die aus immer noch nicht vollständig geklärten Gründen in den sowjetischen Luftraum eingedrungen war. Alle 269 Insassen der Boeing 747 kamen dabei ums Leben. Damals hatte in den USA Ronald Reagan (1911-2004) und in der Sowjetunion der bereits schwer kranke Juri Wladimirowitsch Andropow (1914-1984) das Sagen. Die politische Stimmung zwischen den Supermächten war aufgeheizt wie schon lange nicht mehr. Zu genau dieser Zeit, am 26. September 1983 (also 26 Tage nach dem Abschuss der Korean Air 007 über Sachalin) schrillten im Kommandostand von Serpuchow-15, der Computerzentrale des satellitengestützten Raketenwarnsystems „Oko“, die Sirenen. An diesem Tag war Oberst Petrow der diensthabende Offizier. Der riesige Bildschirm zeigte den Start einer Interkontinentalrakete auf einer amerikanischen Militärbasis an, registriert vom militärischen Spionagesatelliten Kosmos 1382. In rund 25 Minuten wird sie irgendeine Stadt in der Sowjetunion erreichen. Was jetzt streng nach Vorschrift zu tun ist, war jeden der im Komplex diensthabenden Militärs bekannt. Der Countdown zur Apokalypse begann zu ticken. Aber Oberst Petrow war ein Quereinsteiger, von der Ausbildung her Ingenieur, und er fragte sich, wie wahrscheinlich denn ein Erstschlag mit nur einer Rakete ist, wenn dem ein massiver Gegenschlag entgegensteht. Und er kam zu dem Schluss, dass es sich um einen Fehlalarm handeln muss. Davon ließ er sich auch nicht abbringen, als der Satellit kurz hintereinander noch eine zweite, dritte, vierte und fünfte abgefeuerte Rakete meldete. Nach Meinung amerikanischer Militäranalysten war die Welt niemals wieder so nahe an ihrer atomaren Selbstauslöschung wie in jener Nacht vom 25. zum 26. September 1983. Zwar hätte der diensthabende Oberst nicht die letzte Entscheidungsgewalt gehabt (die oblag dem schwerkranken Andropow), aber er konnte immerhin an entscheidender Stelle eine fatale Ereigniskette, die u. U. unbeabsichtigt zu einem nuklearen Schlagabtausch hätte führen können, noch rechtzeitig unterbrechen. Dass er damit entgegen den Dienstvorschriften recht getan hat, zeigte der folgende Morgen. Denn „Oko“ hatte Reflexionen der aufgehenden Sonne an Wolken in der Nähe der Malmstrom Air Force Base in Montana, wo auch US-amerikanische Interkontinentalraketen stationiert waren, als Raketenstarts fehlinterpretiert. Die Frage, die uns alle angeht, die aber von der Mehrheit der Bevölkerung ignoriert wird, ist die Frage, ob solch eine Situation, die unbeabsichtigt in einen Nuklearkrieg ausarten kann, heute auch möglich wäre. Und diese Frage ist ganz eindeutig und ohne Abstriche mit „ja“ zu beantworten. Solange Kernwaffen mit einer Overkill-Kapazität auf der Welt existieren, bleibt die Gefahr, dass sie auch einmal eingesetzt werden – ob beabsichtigt oder unbeabsichtigt – latent bestehen. Darüber sollte man sich keiner Illusion hingeben. 

Mit dem 21. Jahrhundert kündigen sich unruhige Zeiten an. Globale Finanzkrisen erschüttern den sozialen Zusammenhalt ganzer Staaten, das Bevölkerungswachstum geht mit einer zunehmenden Ressourcenverknappung einher, die Kräfteverhältnisse zwischen den wirtschaftlich entscheidenden Staaten verschieben sich, Feindbilder, die man überwunden glaubte, werden neu gepflegt und auch anachronistische religiöse Konflikte, bei denen tiefstes geistiges Mittelalter auf Moderne trifft, sind kaum mehr beherrschbar. Dazu kommt noch die ständig fortschreitende Vernetzung aller Lebensbereiche mit den Mitteln der Informationstechnologien, die nicht nur offensichtliche Vorteile bringen, sondern auch neue Eingangstore für Terror und Zerstörung mit kaum vorhersagbaren Folgen öffnen. 

Genauso beunruhigend ist, dass sich durch bloße technische Missgeschicke Katastrophen anbahnen können, die eine Eigendynamik entwickeln und sich letztendlich kaum mehr beherrschen lassen. Man denke nur an die versehentliche Freisetzung eines als biologische Waffe konzipierten letalen Krankheitserregers oder an einen Softwarefehler, der vielleicht eine chemische Fabrik a la Bhopal in die Luft fliegen lässt. Und hier lassen sich noch viele Beispiele finden. 

Ein Begriff, der in diesem Zusammenhang immer wieder zu hören ist, ist der Begriff der „Sicherheitslücke“. Manche Softwarefirmen kommen gar nicht mehr hinterher, derartige „Sicherheitslücken“ zu schließen, wie sie von ambitionierten Hackern gefunden und gnadenlos ausgenutzt werden. Solange sie nur den heimischen PC betreffen, sind sie vielleicht noch verschmerzbar. Wenn sie aber Einfallstore in wichtige, lebenserhaltene Systeme wie die der Energiewirtschaft oder in militärische Systeme ermöglichen, dann reicht ein einziger Irrer mit der Einstellung von Leuten aus, die heute mit Computerviren die Welt verseuchen, um Katastrophenszenarien wahr werden zu lassen, von denen man eigentlich nichts Näheres wissen möchte. Von allen globalen Katastrophen, die uns heimsuchen können (Meteoriteneinschläge, Supervulkanausbrüche), sind die selbstfabrizierten die bei weitem Wahrscheinlichsten. 

Und hier zeigt sich ein interessantes Phänomen, welches die Risikowahrnehmung betrifft. Risiken werden nämlich immer inhärent subjektiv empfunden. Objektiv lässt sich dagegen ein Risiko beispielsweise durch eine Eintrittswahrscheinlichkeit und Schadensbilanz quantifizieren. So kann es sein, dass man als Individuum ein objektiv unwahrscheinliches Ereignis (Flugzeugabsturz) als ein größeres Risiko wahrnimmt als der bedeutend wahrscheinlichere Fall, Opfer eines Verkehrsunfalls zu werden. Diese Diskrepanz zwischen Risikowahrnehmung und objektivem, genau quantifizierbaren Risiko ist mittlerweile auch ein probates Mittel politischer Einflussnahme geworden. Ein schönes neues neudeutsches Wort, an dem auch die Brüder Grimm sicherlich ihre Freude gehabt hätten und dass diesen Sachverhalt wie die Faust aufs Auge beschreibt, ist „German Angst“. Der größte Feind des Deutschen scheint nähmlich z. Z. neben dem „Gen“ und dem Kohlendioxidmolekül das „Atom“ zu sein. Grüne Indoktrinationen haben hier fern jeder Objektivität ganze Arbeit geleistet. Das ist immer dann verhängnisvoll, wenn reine Ideologie auf Defizite im Bildungssystem stößt. 

Alles über den Teufel - Höllentopografie, Dämonologie und Folterkunde


Über diese offenbar fiktive Person mit großem Einfluss auf die Menschheit ist im Laufe der Jahrhunderte durch die Arbeit sehr vieler, heute meist vergessener Gelehrter, sehr viel bekannt geworden. Nehmen wir nur den christlichen Kulturkreis. Hier hat man durch intensive Forschungsarbeit herausgefunden, dass er

a) ein gefallener Engel ist, der einst gegen Gott rebellierte; 
b) der gestürzte Sohn der Morgenröte („Luzifer“ – der Lichtbringer) ist; 
c) als „Zeuger“ der Nephilim in Erscheinung trat (Henochbuch); 
d) abgrundtief böse ist und die Menschen zur Sünde verleitet; 
e) seine Gestalt beliebig ändern kann, im Original aber nicht sonderlich attraktiv sein soll; 
f) von einem intensiven Körpergeruch geplagt wird, der irgendwie stark an den Geruch von brennendem Schwefel erinnern soll; 
g) über „Fliegen“ herrscht („Mephistopheles“) und Chef der Hölle ist; 
h) eine Gehbehinderung aufweist (spezieller Klumpfuß); 
i) zwar mächtig, aber nicht so allmächtig ist wie der „Allmächtige“ selbst; 
j) im Himmel ab und an nicht ungern gesehen wird (Prolog zu Faust I); 
k) sich gerne mit Hexen paart (als Incubus); 
l) drei goldene Haare und eine Großmutter hat (Gebrüder Grimm) 

und manchmal als zwar verschlagener, aber durchaus nicht unangenehmer Zeitgenosse mit hoher Bildung auftritt (Goethes „Faust“) und dabei selbst die Stasi in Erklärungsnot bringen kann (beispielsweise, als er noch kurz vor der Wende anlässlich eines Besuchs von Ostberlin (und dabei getarnt als Prof. Jochanaan Leuchtentrager von der Hebräischen Universität Jerusalem) dem dortigen Prof. Siegfried Beifuß vom „Institut für wissenschaftlichen Atheismus“ den Hals umdrehte, um ihn danach schnurstracks in die Hölle zu verfrachteten (die es ja nach Meinung des Herrn Professors Beifuß ja gar nicht geben dürfte) – ein sehr lebendig gehaltener Augenzeugenbericht über die erste Flugphase dorthin (über die „Mauer“) kann übrigens Stefan Heyms Roman „Ahasver“, der ansonsten vom „ewigen Juden“ handelt, entnommen werden). 

Noch einiges mehr hat die „Höllenforschung“ (deren Kritik nach Meinung eines bekannten evangelischen Bischofs ja gerade eine Stärke der modernen Theologie ist) herausgefunden, deren Ernsthaftigkeit aber seit Beginn der Aufklärung (Kant) leider immer mehr in Zweifel gezogen wird. 

Immerhin hat sich im Laufe der Geschichte eine ganze Anzahl von Koryphäen äußerst akribisch mit diesem heute nur noch wenig beackerten Wissenschaftszweig auseinandergesetzt, wobei sich völlig neue Forschungsgebiete auftaten wie z. B. die Höllentopografie (beschäftigt sich mit dem physischen Ort der Hölle und dessen vielfältiger Innenausstattung), die Dämonologie (ihr Gegenstand ist die Katalogisierung, die Beschreibung des Aussehens sowie die Beschreibung der einzelnen Aufgabengebiete des unendlich reichhaltigen Fachpersonals der Hölle) sowie die Folterkunde (beschäftigt sich äußerst phantasievoll mit den Körper- und Seelenstrafen (Poena positiva und Poena privativa), welche die Sünder in der Hölle zu erwarten haben). Aber auch wichtige philosophische Fragen sind in diesem Zusammenhang auf vielen Foliantenseiten entsprechend umfangreicher wissenschaftlicher Werke mit großer Spitzfindigkeit abgehandelt worden, so wie z. B. die eng mit der „ewigen Höllenstrafe“ im Zusammenhang stehende wichtige Frage, wie lange denn eigentlich solch eine „Ewigkeit“ dauert. 

Einer der bedeutendsten Höllentopographen war ohne Zweifel der Mailänder Universitätsprofessor Antonio Rusca, dessen 1621 erschienenes Werk „De inferno et datu daemonum ante mundi exitum…“ welches der geneigte, Latein verstehende Leser, bei Google Books in einer studieren kann. Er widerlegt darin im Sinne einer wissenschaftlichen Quellenkritik eine große Anzahl unrichtiger Behauptungen seiner Fachgenossen, um dann mit bestechender Logik den Nachweis zu führen, dass die Hölle weder am Nord- noch am Südpol, weder auf dem Mond noch auf der Sonne und auch auf keinem Kometen zu suchen sei, sondern dort, wo man sie eh schon immer vermutet hat – im Schoß der Erde. Der Beweis dafür ist offenkundig – die Lüftungskamine der Hölle sind nämlich nichts anderes als die Vulkane! 

Mehr mit der Inneneinrichtung der Hölle befasst sich dagegen das Werk „Grausame Beschreibung und Vorstellung der Hölle und der höllischen Qual – oder des andern und ewigen Todes – in teutscher Sprache nachdenklich und also vor die Augen gelegt – daß einem gottlosen Menschen gleichsam die höllischen Funken an noch in dieser Welt ins Gewissen stieben – und Rükk-Gedanken zur Ewigkeit erwekken können“ von Justus Georg Schottelius (1612-1676), der es immerhin bis zum Braunschweig-Lüneburgischen Hof- und Kammerrat und „Prinzenerzieher“ am Wolfenbütteler Hof gebracht hat. Sein literarisches Erbe ist enorm und das genannte Werk darin thematisch eher ein Ausreißer. Aber es hat es in sich. Schon das Eingangs-Kupfer lässt einen das Blut in den Adern gefrieren (man google das digitale Faksimile im Internet!). Damit diese furchterregende Illustration keinesfalls falsch gedeutet wird, beginnt der Autor dieser gelehrten Abhandlung mit deren genauen Erläuterung, deren Inhalt hier ausnahmsweise als „Kostprobe“ wiedergegeben werden soll: 

„Als der Prophet Esajas V.v.14. sagt: Die Hölle hat die Seele weit aufgesperret / und den Rachen aufgethan ohn alle masse / daß hinunter fahren beide die Herzlichen und Pöbel / beide die Reichen und Frölichen: Solches deutet der KupfferTitul an: Auch der in der Hölle ewig herrschender Anderer Tod sitzet oben auff / und hält die Höllen-Schlange / den nicht-sterbenden Gewissens-Wurm / unzertrennlich bey sich. Was in dem Grunde und Boden / in denen grossen brennenden Schwefel-Pfulen der Hölle für ewigwehrende Marter / Angst / und Betrübniß verhanden / solches steht geschrieben auff denen unten heraußstehenden drei grossen BakkenZähnen / als die brennende Marterqual / die drukkende Angstqwal / und die beissende Reuquaal: welche die drei andere oben heraußragende grosse HöllenZähne gleichfals zustimmen / und durch den grausamen Zusammenbiß und Zuschluß des erschrecklichen HöllenRachen andeuten / wie es unaußsprechliche Qwaalwesen sein und bleiben müsse / unendlich / unvergleichlich / unabwendlich: O weh / und ewig weh! wegen dieser Unendlichkeit / Unvergleichlichkeit / Unabwendlichkeit: Darin zugleich die allergrausamste bitterste Verzweiffelung mit eingeschlossen bleibet. In den HöllenRachen kann man zwar hinnein schauen / und die in feuriger Angst und Qwaal winselnde Menschen erblikken / aber wie man nicht kann das Ende / also kann man auch keine Enderung ersehen / und wird alles mit der allergrausamsten Ewigkeit um und eingeschlossen.“ 

Nach dieser doch Mut machenden Einleitung geht es dann ins Eingemachte. Man erfährt, welche Strafen den Verdammten dort erwarten: Hunger und Durst sowie Gestank und Dunkelheit, nur erleuchtet durch Pechflammen 1000 Jahre lang (quasi zum Eingewöhnen). Danach erfolgt ein Rösten in Schwefelflammen für bis zu 20.000 Jahre. Wenn man dann noch nicht gar ist, wird man die nächsten 100.000 Jahre mit glühenden Eisen gezwickt usw. usf. Und wenn man schließlich das ganze Programm hinter sich gebracht hat, geht es wieder von vorne los – denn die Höllenstrafen dauern ewiglich. 

Eine bei weitem noch detailliertere Beschreibung der Höllenqualen findet man bei dem Dominikanermönch Battista Manni. In seinem 1677 in Italienisch erschienenen Werk „La Prigione Eterna Dell‘ Inferno“ (bei Google Books einsehbar) untermalt er seine detaillierten Beschreibungen der Höllenqualen auch noch mit entsprechenden Illustrationen, die selbst heute noch zartbesaitete Seelen (soweit sie keine hartgesottene Fans entsprechender Comics sind) zum Erschauern bringen können. Von ihm stammt übrigens die Erkenntnis, dass selbst der reine und unverfälschte Anblick des Teufels bereits eine unerträgliche Strafe sei. Er bestätigt damit den Wahrheitsgehalt der Höllenvisionen der Katharina von Siena (1347-1380), einer außergewöhnlichen Frau, die in einer ihrer vielen Visionen auch mal einen Blick in die Hölle werfen durfte und dabei ganz grässliche Dämonen zu Gesicht bekam. Sie meinte danach „dass sie lieber bis zum jüngsten Gericht barfuß auf mit glühenden Kohlen bedeckten Straßen spazieren gehen würde, als sich nochmals deren Anblick aussetzen zu müssen“. Da sie heiliggesprochen wurde, dürfte ihr der Wunsch, diese Dämonen nicht noch einmal begegnen zu müssen, in Erfüllung gegangen sein. 

Was die detaillierten Höllenbeschreibungen der beginnenden Neuzeit betrifft, fällt auf, dass in ihnen der Teufel selbst meist nur eine untergeordnete Rolle spielt, obwohl er dort Seelenfänger, Verwaltungschef und Aufsichtsperson in Personalunion ist. Aber des Rätsels Lösung findet sich in Faust I, wo er freimütig bekennt 

„Da dank ich Euch; denn mit den Toten - Hab ich mich niemals gern befangen. - Am meisten lieb ich mir die vollen, frischen Wangen. - Für einen Leichnam bin ich nicht zu Haus; - Mir geht es wie der Katze mit der Maus.“ 

Ich denke, man könnte sich gut und stilvoll mit ihm bei einem Gläschen Wein über Gott und die Welt unterhalten. Denn an seiner hohen Bildung und Gelehrsamkeit zweifelte selbst noch zu Beginn des 18. Jahrhunderts niemand. So konnte man im Jahr 1715 an der altehrwürdigen Rostocker Universität immerhin mit der Beantwortung der Frage, ob der Teufel wohl die notwendigen Fähigkeiten für ein erfolgreiches Theologiestudium mitbringe, zum Doktor der Theologie promovieren (die Antwort war übrigens „ja“).

"Fake news" und das Berufsbild des "Zensors"


„Lieder“, aber auch Gedichte, Flugschriften und natürlich Bücher waren in der Geschichte oftmals durchaus probate Mittel der Auseinandersetzung zwischen Herrschern und Beherrschten, was im 16. Jahrhundert zu dem neuen und nun wieder auferstandenen Berufsbild des „Zensors“ geführt hat und der oftmals bei der Polizeibehörde angesiedelt war (heute wird er zeitgemäß "outgesourct, z. B. an die "Amadeo Antonio-Stiftung", die entsprechende Expertise vorhält). Die Aufgabe des Zensors bestand (und besteht neuerdings wieder) darin, für die Öffentlichkeit bestimmte Druckschriften (heute in der Regel Webinhalte) ihrem Inhalt nach zu überprüfen, ob die darin enthaltenen Informationen oder Meinungsäußerungen den jeweils herrschenden Gesetzen konform gehen oder nicht, ob sie ethisch vertretbar sind oder nicht oder ob sie einfach „höhergestellten Personen“ auf den Senkel gehen würden oder nicht. Damit sind natürlich noch lange nicht alle Gründe aufgeführt, die zu einer „Zensur“ führen können. Und auch heute ist, wie bereits erwähnt, dieses Thema Dank H.  M. durchaus wieder ein Thema, obwohl diese Berufsbezeichnung (und offiziell die damit verbundene Tätigkeit) zumindest in Deutschland bis dato offiziell nicht mehr geführt bzw. ausgeführt wird. 

Zwar steht im entscheidenden Titel unseres Grundgesetzes „Zensur findet nicht statt“, aber dafür hat politische Korrektheit und „Selbstzensur“ Einzug in die Medienpraxis gehalten. Und damit kein Missverständnis entsteht, die „Zensur“ ist nicht unbedingt an den Beruf des „Zensors“ gebunden. Das Verbot missliebiger Schriften ist so alt, wie es „missliebige“ Schriften gibt. Besonders hervorgetan hat sich hier die katholische Kirche mit ihrem „Index Librorum Prohibitorum“, dem „Index der verbotenen Bücher“, welches 1559 zum ersten Mal öffentlich gemacht und erst 1966 wieder abgeschafft wurde. Aber darum soll es hier nicht gehen.

Es soll eher um die „Kleingeister“ gehen, die das Geschäft des „Zensierens“ quasi amtlich durchführten und dabei zwangsläufig auf „große Geister“ stießen, denen sie geistig nicht im Geringsten gewachsen waren. Die Beweise dafür haben sie in den Texten hinterlassen, die von ihnen mit viel Akribie und durchaus auch Phantasie verunstaltet wurden. 

Fangen wir mit einem zweifellos „großen Geist“ an, mit Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) und seiner Tragödie „Faust I“. Hier hatten es dem Zensor insbesondere die „jugendgefährdenden“ Verse angetan. Dabei schwelgte er manchmal selbst in Dichtkunst, wie folgende Beispiele beweisen: So heißt es bei Goethe „Ach, kann ich nie – Ein Stündchen ruhig dir am Busen hängen, - und Brust an Brust und Seel an Seele drängen?“. Was, eine ganze Stunde am „Busen“ hängen? Nein, das geht beileibe nicht – also wurde der Vers gestrichen und flugs vom Zensor umgedichtet: „Ach, kann ich nie – Ein Stündchen ruhig bei dir sein, - Doch ungestört wir beide nun allein, - Man hat sich doch so manches Wort zu sagen, - das keine Zeugen will!“. 

Wenn es dann auch noch um kirchliche Dinge ging, da lief der Zensor in Höchstform auf: So liest man in der bekannten Schülerszene Mephistos Ratschlag „Doch Euch des Schreibens ja befleißt, - Als diktiert‘ Euch der Heilig‘ Geist!“, was so natürlich keinesfalls stehenbleiben durfte: „Doch Euch des Schreibens ja befleißt, - Weil dies allein studieren heißt.“ 

Das „Zensieren“ durchaus auch eine intellektuelle Leistung darstellt, bewies ein Zensor bei der Entschärfung des Spottlieds „Es saß ein Ratt im Kellernest“, dessen erste Strophe vollständig lautet „Es saß ein Ratt im Kellernest, - Lebte nur von Fett und Butter, - Hat‘ sich ein Ränzlein angemäst’t – Als wie der Doktor Luther“. „Dr. Luther! – nein, das geht gar nicht“, muss es wie ein Blitz durch das Kleinhirn des Zensors gezuckt sein. Aber nach einigen Stunden Kopfzerbrechen hatte er die Lösung: „Es saß ein Ratt im Kellernest, - Lebte nur von Fett und Butter, - Hat‘ sich ein Ränzlein angemäst’t – Wie der gelehrteste Chinese.“ Heute würde in manchen Weltgegenden auch die Zeile „Uns ist ganz kannibalisch wohl – Als wie fünfhundert Säuen!“ (aus dem „Flohlied“) mit hoher Wahrscheinlichkeit als bedenklich eingestuft und das dazugehörige literarische Werk zumindest als „harām“ qualifiziert, unter Umständen vielleicht sogar gleich in Gänze verboten werden, obwohl bereits eine vor ~200 Jahren zensierte Version existiert, an der man an der kompromittierten Stelle „Tralleral-la, - Tralleralla!“ lesen kann. Aber da das ja auch irgendwie von einer Art Lebensfreude kündigt, dürfte selbst das noch einer Fatwa wert sein… Übrigens, da fällt mir gerade ein, Herr Erdogan hat in seinem Sultanat erst vor wenigen Tagen das Lehren der "Darwinschen Evolutionsbiologie" verboten. Jetzt müssen dort offenbar die Biologielehrbücher teilweise geschwärzt werden...

Ein Zensor war normalerweise so etwas wie eine "achtungsgebietende Amtsperson", und die hatte sich, wie jede andere Amtsperson auch, an Anweisungen zu halten. Meist waren sie aber so allgemein formuliert, dass der Zensor einen großen Spielraum in deren Auslegung hatte. Der deutsche Literaturwissenschaftler Heinrich Hubert Houben (1875-1935) zitiert z. B. einen Erlass der österreichischen und erzkatholischen Kaiserin Maria Theresia (1717-1780), welcher detaillierte Direktiven über die Behandlung protestantischer und antikatholischer Schriften sowie deren Verfasser enthält. Er schreibt dazu: 

„Die Verfasser protestantischer und antikatholischer Schriften erwartet Verbannung und Kerker. Schon der Besitz lutherischer, ketzerischer, überhaupt unkatholischer Schriften war aufs strengste verpönt; sie standen außerhalb allen Eigentumrechtes, jeder Geistliche durfte sie konfiszieren, wo er sie fand, jeder Privatmann war bei Strafe verpflichtet, anzugeben, wo immer er sie gesehen hatte. Wer ein Buch kaufte, musste es innerhalb von vier Wochen seinem Pfarrer zur Prüfung vorlegen, sonst erhielt er 3 Gulden Strafe, die sich im Wiederholungsfall empfindlich steigerte. Ein Drittel der Strafgelder fiel dem Denunzianten zu; daher stand die niederträchtigste Spionage in voller Blüte. Hausdurchsuchungen waren an der Tagesordnung. Die Koffer der Reisenden wurden auf den Zollämtern durchsucht, alle bedenklichen Bücher weggenommen, verbotene verbrannt. Verkleidete Beamte der geistlichen Bücherpolizei besuchten als harmlose Kunden die Buchläden, schlichen sich in das Vertrauen der Händler und drangen in sie, ihnen verbotene Bücher zu verschaffen; ließen die Buchhändler sich überreden, so entdeckten sich die Spitzel als Polizisten, beschlagnahmten die Werke und nahmen die Verkäufer in Strafe.“ 

Wie man sieht, hatte man sowohl als Autor, als Buchhändler und selbst als Leser schlechte Karten, wenn man gegen die Zensurbehörde opponierte. Die „Zensur“ ist deshalb bis heute ein probates Mittel der Ausübung von Herrschaft. Andererseits war dasjenige, was gerade in früheren Zeiten „zensiert“ wurde, aus heutiger Sicht eher peinlich. Die schönsten Beispiele stammen dabei aus der „Theaterzensur“. So machte ein Zensor in dem bekannten Stück „Kabale und Liebe“ (von Friedrich Schiller) den Hofmarschall von Kalb zum „Oberkleiderwart“, da ja in der Auffassung der Zeit ein „Marschall“ niemals ein Intrigant sein kann. Schiller hatte eh Zeit seines Lebens mit Zensoren zu kämpfen, denen sein Werk nicht „politisch korrekt“ genug war, um es unverhunzt der Allgemeinheit vorlegen zu können. Nehmen wir nur „Die Jungfrau von Orleans“. Hier hatte es die Heldin des Stücks, Agnes Sorel, den Zensoren angetan, denn Schiller führte sie als Mätresse des französischen Königs Karl VII. ein (was sie natürlich auch war). Aber das dürfte nach Meinung der Zensurbehörde nicht sein, so dass sie in der zensierten Version dieses Dramas als rechtmäßige Gemahlin des Königs zu erscheinen hatte. Und so ließen sich noch viele Beispiele finden.

Aber die Praxis der Zensur, die zu einem nicht unwesentlichen Teil auf die Zuarbeit von Spitzeln und Denunzianten angewiesen war, mussten sich selbst mit „Gasthäusern“ herumschlagen, wenn deren Reklametafeln nicht den Zensurrichtlinien zu entsprechen vermochten. So erging es beispielsweise dem 1816 in Paris eröffneten Gasthaus „Boeuf à la mode“, von dem berichtet wird, dass es am Tag seiner Eröffnung mit einem Schild versehen war, auf dem man werbewirksam einen mit einem Schal und einem Strohhut aufgeputzten Ochsen sehen konnte. Was folgte, war eine Anzeige eines Polizeispitzels, der einen ganzen Rattenschwanz an Folgetätigkeiten, Untersuchungen, Rücksprachen (bis hin zum Polizeiminister!) und sogar eine geheime Inaugenscheinnahme des betreffenden Schildes zur Folge hatte. Denn die Anzeige des Spitzels hatte es in sich: 

„Der auf dem Schild dargestellte Ochse ist bekanntlich das Symbol des Gemästetseins. Der Schal, der ihn ziert, ist von roter Farbe, der Schmuck auf dem Hut besteht aus weißen Federn und blauen Bändern. Von seinem Hals hängt ein Band samt einer Verzierung ähnlich dem Orden vom „Goldenen Vlies“, der von Fürsten getragen wird. Der Hut soll offensichtlich die Krone darstellen und ist im Begriff, herunterzurutschen. Diese Anspielungen dienen zweifellos als Beweis dafür, dass jenes Aushängeschild nichts anderes ist als eine niederträchtige Karikatur von der Person Ihrer Majestät.“ 

– hier Ludwig XVIII. Für die Zensurbehörde spricht in diesem Fall, dass sie nach der geheimen Inspektion (man vermutet in Verbindung mit einem Besuch des Gasthofs) von einer weiteren Verfolgung der Angelegenheit Abstand genommen hat. Das Restaurant, in Versailles gelegen (an der Rue de la Paroisse), existiert übrigens heute noch und besitzt einen ausgezeichneten Ruf. 

Eng mit der „staatlichen“ Zensur ist die sie heute ablösende „Politische Korrektheit“ verwandt, die – zwar nicht kodifiziert – zur Selbstzensur anregt, in dem sie z. B. versucht, bestimmte, entweder zu Recht oder zu Unrecht disqualifizierte Wörter aus dem Wortschatz zu verbannen. Das ursprüngliche Ziel war es, der verbalen Diskriminierung von Minderheiten durch Einführung einer neutralen Sprache entgegenzuwirken – ein durchaus löbliches Unterfangen, wenn es nicht zu einer ideologischen Waffe „entartet“ (wieder so ein politisch inkorrektes Wort!) wäre. So ist es sicherlich richtig und damit nicht verkehrt, in offiziellen Schriften „Zigeuner“ mit dem korrekten Begriff „Sinti und Roma“ zu bezeichnen. Wenn aber ein „Zigeunerschnitzel“ (hinter dem sich ja eine konkrete Vorstellung verbirgt und sicherlich nicht ein „Schnitzel aus dem Fleisch eines Zigeuners“) ab sofort „politisch korrekt“ nur noch „Balkanschnitzel“ (oder, wie nun seit 2013 hochoffiziell in Hannover, „Paprikaschnitzel“) genannt werden darf, dann wird es nur noch lächerlich. Dabei soll nicht verhehlt werden, dass das Streben nach politischer Korrektheit durchaus Phantasie und Kreativität fördert und sich auf diese Weise – insbesondere für Germanisten – völlig neue Tätigkeitsfelder erschließen lassen. Und da gibt es wahrhaft große Herausforderungen. Nehmen wir z. B. die „Klofrau“ – wir kennen sie alle, die wir ab und an die von ihr überwachten, betreuten und in hygienisch einwandfreien Zustand gehaltenen Örtlichkeiten aus rein biologischen Gründen besuchen müssen. Uns würde nie der Gedanke kommen, dass dieser Begriff den Beruf oder die ihn ausübende Person irgendwie diskriminiert. Andererseits ist es aber durchaus wahr, dass unter einigen Mitmenschen (meist beruflich „höhergestellten“, die meinen, dass ihre „Tätigkeit“ irgendwie „wertvoller“ sei, da besser bezahlt) dieser Begriff zur Abqualifizierung von Tätigkeiten geringeren sozialen Prestiges verwendet wird. Und um dieser Minderheitenmeinung Paroli zu bieten, haben Leute, die sonst nichts Vernünftiges den Tag über zu tun haben, einmal den Begriff der „Toilettenpflegerin“ und, natürlich, des „Toilettenpflegers“ (zusammengefasst mit „Gender Gap“ „Toilettenpfleger_innen“) erdacht, um zumindest erst einmal eine Geschlechtergleichberechtigung herzustellen - das wahrhaft hehre Ziel des Wissenschaftszweiges „feministischer Sprachforschung“. Aber hier steckt leider immer noch das üble Wort „Toilette“ drin. Doch auch hier wussten die Fachleute der deutschen Sprache schnell Abhilfe: „Toilettenpfleger_innen“ sind nämlich ganz neutral in Wahrheit "facility manager", die im „McClean“ eines städtischen Hauptbahnhofes oder abseits einer Hotel-Lobby ihrer nützlichen Tätigkeit nachgehen. Da ist es kein Wunder, das normale Menschen eine „politisch korrekte“ Sprache immer mehr mit einer lächerlichen Euphemisierung sowie einer dogmatischen, intoleranten Politik assoziieren.

Und hier offenbart sich schon das Dilemma einer politisch korrekten Sprache. Wenn Wörter mit negativer Konnotation durch „neue“ ersetzt werden, dann werden diese „neuen Wörter“ im Laufe der Zeit selbst auch eine negative Konnotation annehmen, solange sich das soziale Umfeld bzw. die sozialen Verhältnisse um den Begriff herum nicht ändern. Sie müssen dann wiederum durch einen noch „neueren Begriff“ ersetzt werden … ad infinitum (könnte man spaßeshalber sagen – „Ausländer“ – „Menschen mit Migrationshintergrund“ – „Menschen mit Zuwanderungsgeschichte“ - …, oder, ein anderes Beispiel: „Rabauken“ – „schwer erziehbare Kinder“ – „verhaltensgestörte Kinder“ – „verhaltensauffällige Kinder“ – „verhaltensoriginelle Kinder“ - … ). Der erfahrene Sprachkundler spricht hier von einer „Euphemismus-Tretmühle“, die, ist sie erst einmal losgetreten, so leicht nicht wieder anzuhalten ist. Niemand, aber auch niemand (auch die Betroffenen nicht) würde sich über Wörter wie „Neger“ oder „Zigeunerschnitzel“ aufregen oder sich diskriminiert fühlen, wenn die gesellschaftliche Wirklichkeit keinen Platz für Rassismus, Sexismus oder anderen Arten von Diskriminierung hätte. Denn mit Euphemismus (also dem „Schönreden“ von Problemen) leistet man keinen echten Beitrag zu deren Lösung. 


Codex Manesse - der Beginn der deutschen Nationalliteratur.


Deutschland besitzt neben der bekannten Liederhandschrift aus Benediktbeuern ("Carmina Burana") eine noch berühmtere Liederhandschrift, die unter dem Namen „Codex Manesse“ bekannt und im Original nur selten einmal (wie die Turiner Sindone) zu sehen ist. Ihr Versicherungswert beträgt 50 Millionen Euro. Sie wird in der Universitätsbibliothek Heidelberg aufbewahrt, kann aber jederzeit als Faksimile im Internet eingesehen werden und führt uns in die Zeit der Minnesänger zurück. 

Ihre herausragende Bedeutung liegt in ihrem Umfang, der großen Zahl der vorgestellten „Sänger“ (beginnend mit Kaiser Heinrich VI.), den wunderbaren, den einzelnen „Sängern“ jeweils vorangestellten Miniaturen und ihrem hervorragenden Erhaltungszustand, denn immerhin ist die Handschrift, die in Mittelhochdeutsch verfasst ist, mittlerweile fast schon 700 Jahre alt. Ihr wahrscheinlichster Entstehungszeitraum liegt zwischen 1300 und 1340, also in einer Zeit, wo sich die Hohezeit des Minnesangs bereits ihrem Ende zuneigte. Die Schrift ist streng nach der gesellschaftlichen Stellung der Personen, deren Texte die Liederhandschrift bilden, geordnet. Sie beginnt mit dem Staufer-Kaiser Heinrich VI. (1165-1197), gefolgt von Königen (beginnend mit dem „letzten“ Staufer Konradin (1252-1268)), Herzogen, Markgrafen, Grafen, Freiherrn, Vertretern des Dienstadels bis zu den „Meistern“ – für den Kenner quasi ein "Who is Who" des 13. Jahrhunderts der deutschen Lande. Darunter auch durchaus bekannte Namen wie König Wenzel von Böhmen (1271-1305), Heinrich von Mohrungen (gestorben um 1220), Walther von der Vogelweide (1170-1230), Wolfram von Eschenbach („Parzival“, um 1160-1220), Hartmann von der Aue („Der arme Heinrich“, gestorben um 1220), Gottfried von Straßburg (gestorben1250) und natürlich der „Tannhäuser“ (gestorben um 1265), um nur ein paar wenige zu nennen. Ihre Dichtungen bilden die literarische Basis, die sich einmal zur deutschen Nationalliteratur entwickeln sollte. 

Was den Inbegriff des Minnesangs betrifft (Liebeslyrik zwischen Ritter und einer hochgestellten und oftmals auch verheirateten Dame), so ist Walther von der Vogelweide deren Inbegriff geworden. Obwohl wir über ihn selbst kaum etwas wissen, haben doch seine lyrischen Liebeslieder und Sangsprüche (darunter durchaus politische) auch Dank des „Codex Manesse“ die Zeiten überdauert. Zwei von ihnen haben einen größeren Bekanntheitsgrad erreicht und werden auch heute oft auf Mittelaltermärkten dargeboten. Ich meine „Unter der Linde“ und das „Palästinalied“, welches die Rezeption eines Kreuzzugs zum Inhalt hat und besonders durch die deutsche Band „In Extremo“ (die sich dem „Mittelalter-Rock“ verschrieben hat) bekanntgeworden ist. 


Walther schrieb seine Lyrik der Zeit gemäß in Mittelhochdeutsch, der Sprache der Menschen (genauer die Literatursprache) in Deutschland zur Zeit der Staufer-Kaiser. Aus ihr hat sich über das Frühneuhochdeutsche und Neuhochdeutsche schließlich nach der Zusammenführung der Nord- und Süddeutschen Dialekte durch Martin Luther unser heutiges modernes Hochdeutsch entwickelt. Trotz eines Zeitunterschieds von rund 700 Jahren sind die Verse immer noch gut verständlich, was zeigt, dass Sprachen und Dialekte doch recht konservative Systeme sind. Also lassen Sie den Originaltext von „Under der linden“ einfach auf sich wirken, wenn auch manche Worte nicht gleich ihren Sinn preisgeben:


Under der linden an der heide,
dâ unser zweier bette was,
dâ mugt ir vinden
schône beide gebrochen bluomen unde gras.
vor dem walde in einem tal -
tandaradei!
schöne sanc die nachtigal.

Ich kam gegangen zuo der ouwe,
dô was mîn friedel komen ê.
da wart ich enpfangen hêre frouwe,
daz ich bin sælic iemer mê.
kuster mich? wol tûsenstunt!
tandaradei!
seht, wie rôt mir ist der munt.

Dô het er gemachet also riche
von bluomen eine bettestat.
des wird noch gelachet innecliche,
kumt iemen an daz selbe pfat.
bî den rôsen er wol mac -
tandaradei!
merken, wâ mirz houbet lac.

Daz er bî mir læge, wessez iemen,
- nu enwelle got - sô schamt ich mich.
wes er mit mir pflæge, niemer niemen
bevinde daz wan er unt ich
und ein kleinez vogellîn!
tandaradei!
daz mag wol getriuwe sîn.


Das Original findet man in der digitalisierten Ausgabe des „Codex Manesse“ (Internet) auf Blatt 130 in der zweiten Spalte und eine Vielzahl gesungener Fassungen (auch in Hochdeutsch) auf Youtube. 

Was den eigentlichen Minnedienst betraf, gibt es eine bessere Quelle als Walther, und zwar das fast vollständig erhaltene Werk „Vrowen dienst“ des Herrn Ulrich von Lichtenstein (um 1200 bis 1275), welches starke autobiografische Züge aufweist und uns einen Ritter nahebringt, der in nichts dem bekannten Helden der Mancha in der Sierra Morena, den Miguel de Cervantes Saavedra so trefflich beschrieben hat, nachsteht. Auch von ihm Erdichtetes kann man im „Codex Manesse“ nachlesen. 

Die Rezeption der dichterischen Werke des deutschen Hochmittelalters erfolgte im Detail erst im Zeitalter der Romantik. Es wurde nach Quellen gesucht (wie es z. B. die Brüder Grimm taten, die Entdecker des „Codex Manesse“ 1815 in der Königlichen Bibliothek zu Paris), Übersetzungen und Nacherzählungen angefertigt und veröffentlicht (z. B. Ludwig Tieck(1773-1853)) sowie die Zeit ihrer Entstehung und die Personen beleuchtet (z. B. Ludwig Uhland (1787-1862)).