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Quantenuniversen und Cargo-Kult...

Dass die Idee, dass unser Universum aus einem quasi zeitlosen Quantenuniversum (vielleicht zusammen mit vielen anderen) durch so etwas wie eine Vakuumfluktuation hervorgegangen sein könnte, nicht ganz von der Hand zu weisen ist, konnte 1973 bereits Edward Tryon zeigen. Ihm fiel etwas auf, was bereits zwei Jahrzehnte vorher Pascual Jordan (1902-1980) aufgefallen war: Ein Kosmos mit einer flachen (d. h. euklidischen) Geometrie besitzt die Gesamtenergie Null. In diesem Fall ist nämlich die Summe aller Einzelenergien der Teilchen, die den Kosmos ausmachen, genau so groß wie der Betrag ihrer wechselseitigen Gravitationsenergien (die bekanntlich ein negatives Vorzeichen besitzen). Wenn das aber der Fall ist, dann kann man sich die Heisenbergsche Energieunschärferelation hernehmen (sie lautet, dass das Produkt aus Energie und Zeit immer größer oder gleich einer speziellen Naturkonstante, dem Planck’schen Wirkungsquantum, sein muss) und wie folgt argumentieren: Je mehr sich die Gesamtenergie des Universums dem Wert Null nähert, desto länger erlaubt die Unschärfebeziehung die zeitliche Existenz dieser Fluktuation. Ist der Energiewert sogar exakt Null, dann wird die dazugehörige Quantenfluktuation („Universum“) ewig existieren.

Überlegungen dieser Art nähren die Vermutung, dass es auch jenseits des Urknalls ein Universum gibt, ein Quantenuniversum - vielleicht ohne Zeitlichkeit, mit mehr räumlichen Dimensionen und der Potentialität, aus sich heraus ganze „klassische“ Universen entstehen zu lassen, die dann wiederum so etwas wie ein Multiversum bilden. Wie gesagt, die Physik und Mathematik sprechen nicht dagegen. Aber auch hier steht die Frage nach der Überprüfbarkeit - und die dürfte schwierig werden, denn wir sind kausal in „unserem“ Universum gefangen. Das Einzige, was in dieser Hinsicht vielleicht bleibt, ist die Stringenz einer zukünftigen Theorie, die einen genau definierten, aber prinzipiell nicht überprüfbaren Anfangszustand postuliert. Wenn sie plausibel und auf der Grundlage der Naturgesetze logisch und nachvollziehbar erklärt, was vor 13,7 Milliarden Jahren geschehen sein muss, damit sich ein Universum voller Galaxien, Sterne - und Leben bis hin zur Komplexität des Bewusstseins und der Intelligenz bilden konnte, dann kann man auch den Bedingungen, denen solch eine Theorie zugrunde liegt, vertrauen, ohne sie direkt überprüfen zu können. Aber diesen Status hat noch keine einzige der bis heute vorgeschlagenen Quantengravitationstheorien erreicht. 

Das Problem, welches sich hier durchaus ernsthaft stellt, hat der berühmte Physiker und Nobelpreisträger Richard Feynman (1918-1988) in seinem durchaus lesenswerten Buch „Sie belieben wohl zu scherzen, Mr. Feynman“ in der Art kritisch hinterfragt, dass es sich bei einer Wissenschaft, die sich außerhalb der Möglichkeiten sinnvoller experimenteller oder beobachterischer Überprüfung bewegt, eigentlich um keine „echte“ Wissenschaft, sondern um eine Art „Cargo-Kult-Wissenschaft“ handelt. Das trifft für einige Aspekte der Kosmologie (ich denke da z. B. an das „ekpyrotische Universum“ nach Steinhardt und Turok, das als Grundlage die noch nicht verifizierte Stringtheorie in Form deren Verallgemeinerung auf „Branen“ verwendet) durchaus zu, weshalb man sie auch nicht unbedingt zu ernst nehmen, sondern eher als Hypothese, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes, betrachten sollte. Gerade populärwissenschaftliche Darstellungen des Gegenstandes vermitteln scheinbar eine Gewissheit, die in dieser Weise aber gar nicht besteht. Kosmologie zu betreiben, ist ein schwieriges Geschäft, bei dem es selbst für einen Insider nicht einfach ist, harte Fakten von reinen Spekulationen zu trennen. Schon Lew Dawidowitsch Landau (1908-1968) wusste 1962 über die Kosmologen zu berichten: „Kosmologen sind oft im Irrtum, aber nie im Zweifel“, womit er wohl den Nagel auf den Kopf getroffen hat. 

Doch zurück zum Begriff der „Cargo-Kult-Wissenschaften“, von denen einige Aspekte durchaus auch auf manche Mainstream-Forschungsfelder zutreffen. Aber eben nur manche. Echte Hardcore-Cargo-Kult-Wissenschaften sind nämlich von Blödsinn kaum oder überhaupt nicht zu unterscheiden und werden deshalb von ernsthaften Wissenschaftlern nicht verfolgt. Auf mindestens drei bin ich in diesem Blog, wie der aufmerksame Leser sicherlich festgestellt hat, bereits eingegangen: die Höllentopographie, die Astrologie und die Homöopathie. Alle diese „Fachgebiete“ nehmen in Anspruch, wissenschaftlich zu arbeiten. 

Und doch ist es bei näherer Betrachtung bloß Blödsinn, was sie produzieren. Gut, also was ist überhaupt „Cargo-Kult“, auf den sich Richard Feynman auf seiner Abschlussrede am Caltech (California Institute of Technology) im Jahre 1974 explizit berufen hat? Wer einmal den durchaus eindrucksvollen Film „Erinnerungen an die Zukunft“ auf der Grundlage des gleichnamigen Buches Erich von Dänikens gesehen hat (hier handelt es sich um verfilmte Cargo-Kult-Wissenschaft), wird sich vielleicht an die Eingangsszene erinnern. Da werden Südseeinsulaner gezeigt, die neben aus Holz und Stroh gebauten Flugzeugattrappen sitzen und sehnsüchtig auf die Militärflieger warten, die ihnen während des zweiten Weltkrieges die eine oder andere Errungenschaft der westlichen Zivilisation gebracht haben. Damals landeten und starteten regelmäßig Flugzeuge von schnell angelegten Feldflugplätzen und sie sahen, wie Schiffe an- und ablegten und Dinge mitbrachten wie Schokolade, nützliche Werkzeuge, Radios und Funkgeräte, die sie so zuvor noch nie gesehen hatten. Doch dann war der Krieg vorbei und das Militär zog ab. Die Flugzeuge landeten nicht mehr, und es legten auch keine Schiffe mehr an. Die Lieferungen blieben aus, und die Insulaner vermissten all diese für sie erstaunlichen und nützlichen Dinge. Also bauten sie sich Kopfhörer und Mikrophone aus Holz, setzten sich in Bambushütten und taten so, als würden sie über Funk mit den Flugzeugen Kontakt aufnehmen. Sie stellten sich auf verwaiste Landebahnen und gestikulierten mit hölzernen Paddeln, um die Flugzeuge, die nicht kamen, einzuweisen. Sie machten alles genauso, wie sie es bei den Soldaten gesehen haben – zwar mit Erwartung, aber ohne Erfolg. Denn die Flugzeuge landeten nicht mehr und auch Schiffe ließen sich nicht mehr blicken. Diese Art von „Kult“ wird seitdem von den Ethnologen „Cargo-Kult“ genannt. Erich von Däniken wollte damit zeigen, wie primitive Völker auf die Ankunft von „Außerirdischen“ reagieren, die er für eine Vielzahl von „Götterkulten“ rund um den Erdball verantwortlich machte. Richard Feynman nutzte diesen Begriff, um damit pseudowissenschaftliche Konzepte zu bezeichnen, die sich bemühen, nach außen seriös wissenschaftlich zu wirken, aber sich bei genauerem Hinsehen als Blendwerk erweisen. Ihre Repräsentanten mögen zwar in weißen Laborkitteln daherkommen, was sie aber machen, ist das Gleiche wie die Südseeinsulaner: sie warten auf Flugzeuge, die nie ankommen. 

Nicht nur in den Naturwissenschaften ist es wichtig zu vermeiden, sich selbst und andere zu täuschen, in dem man seine Ergebnisse frisiert oder dem Zeitgeist anpasst; in dem man vergisst, auf die Dinge hinzuweisen, die gegen die veröffentlichten Forschungsergebnisse sprechen oder in dem man Hypothesen zu Theorien stilisiert, die sie nicht sind. Und man muss immer bereit sein, seine Forschungsergebnisse in die Tonne zu kloppen, wenn sie sich – so schön sie auch sein mögen – letztendlich als falsch erweisen. 

Nichtdestotrotz ist der gegenwärtige Wissenschaftsbetrieb nicht gegen Cargo-Kult gefeit, wie einige Wissenschaftsskandale der jüngeren Vergangenheit deutlich gemacht haben. Und ob man manche Themen der „Gender Studies“ nicht auch dazu zählen sollte, soll an dieser Stelle offen bleiben. Wenn Richard Feynman noch leben würde, hätte er sicherlich auch einige Ansichten der gegenwärtigen „Klimawissenschaften“ als „Cargo-Kult-Wissenschaft“ entlarvt, denn gerade bei ihnen zeigt sich die enge Verflechtung zwischen Wissenschaft und Politik, die hier, vermittelt durch staatliche Forschungsgelder, so etwas wie eine Symbiose eingegangen sind. Man erkennt das z. B. daran, dass Studien, die nicht die Erwartungshaltung befriedigen (menschengemachter Klimawandel), schnell von anderen Wissenschaftlern (oder Politikern) verworfen oder ignoriert werden, anstatt sie nach den Methoden der Wissenschaft ergebnisoffen zu falsifizieren oder, wenn das nicht gelingt, sie als augenscheinlich richtig anzuerkennen.

Exegese, Hermeneutik und die Physik der Unsterblichkeit...


Mit Hilfe des Wissenschaftsgebietes der Exegese, die wie die Hermeneutik der Philosophie zugeordnet wird, versucht man beispielsweise herauszubekommen, was uns ein Text in seinem Kontext eigentlich „sagen will“. Die Hermeneutik dagegen beschäftigt sich im philosophischen Sinn mit dem Akt des „Verstehens“ eines Textes und im methodischen Sinn mit dem Erklären und Auslegen von Texten. Beide „Methoden“ wurden ursprünglich dazu entwickelt, die in heiligen Texten enthaltenen Aussagen verständlich, z. B. im allegorischen Sinn, zu machen. 

Nehmen wir z. B. die Bibel und darin das letzte Buch des Neuen Testaments, die Apokalypse (besser bekannt als die „Offenbarung des Johannes“). Macht man sich die Mühe und liest als nicht sonderlich kirchlich Angehauchter den Text, dann fragt man sich unweigerlich, was will uns der Autor (augenscheinlich ein christlicher Prophet) damit eigentlich sagen? Offensichtlich ist der Text hochgradig erklärungsbedürftig. Seine mystische Sprache, sein Kontext, der nur im Kontext der Zeit, wo er geschrieben wurde, überhaupt verständlich zu sein scheint, widerstrebt einer sofort einleuchtenden Interpretation. Und hier beginnt die Arbeit der Exegeten, der Bibelausleger. Je nach ihrer Herangehensweise deuten sie die Apokalypse als „Gegenwartskritik“ im Sinne der „Gegenwart“ zur Zeit des römischen Kaisers Domitian (51-96), der ein grausamer Christenverfolger war. Andere wiederum sehen darin eine Zukunftsvision, die in der Endzeit, im „Jüngsten Gericht“, enden wird. Die vom Propheten „gesehenen“ Katastrophen kündigen sie an und steigern sich bis zum Endgericht, dem dann das Reich Gottes folgt. Diese Interpretation ist sehr beliebt bei den Zeugen Jehovas und wird auch gern einmal künstlerisch verarbeitet, wie z. B. in dem US-amerikanischen Endzeitfilm „Das Siebte Zeichen“ von 1988 (wobei man sich über den künstlerischen Wert des Streifens durchaus streiten kann). Eine weitere Interpretation liest die „Offenbarung“ mehr als Heilsdrama, als den Kampf gegen die Unheilsmacht des absolut Bösen, welches im Sieg Gottes und der Errichtung seines ewigen Reiches gipfelt. Historisch gesehen lässt sich diese Interpretation als Gesellschaftskritik an den Zuständen des römischen Kaiserreichs auffassen, vor dessen zerstörerischem Einfluss Johannes die kleinasiatischen Gemeinden, die noch stark hellenistisch geprägt waren, warnen bzw. bewahren wollte. 

Aus der „Offenbarung des Johannes“ haben es auch aufgrund der Bibelübersetzung Luthers ein paar Redewendungen bis in die Alltagssprache geschafft. So das „Buch mit sieben Siegeln“, und „Das Alpha und das Omega“ (bzw. „das A und O“) aus dem Zitat 

„Ich bin das Alpha und Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende“. 

Dieses „Omega“ hat sogar - als Endpunkt der Geschichte - Einzug in die wissenschaftliche Terminologie gehalten, als „Omegapunkt“. 

Als erstes als Zielpunkt aller evolutionären Entwicklungen an sich (z. B. im Sinne des Theologen und Philosophen Pierre Teilhard de Chardin (1881-1955)) und zum anderen als möglicher Endpunkt einer kosmologischen Entwicklung des gesamten Universums. 

Die „Omegapunkttheorie“ gibt sich als physikalische Theorie aus, die auf der Allgemeinen Relativitätstheorie Einsteins beruht und einen sogenannten „Big Crunch“ am Ende der Entwicklung unseres Universums vorhersagt. Dessen Eintreten hängt entscheidend von der mittleren Dichte der gravitativ wirksamen Energie (=Masse) des Kosmos ab. Übersteigt sie einen kritischen Wert, dann kommt die kosmische Expansion irgendwann zum Stehen und der „Kosmos“ geht in eine Kollapsphase über, die wiederum nach einer endlichen Zeit in einem „Big Crunch“ endet. Und genau hier wird von dem amerikanischen Physiker Frank J. Tipler der „Omegapunkt“ angesiedelt. Nur leider zeigen alle Beobachtungen, dass es (wahrscheinlich) nie zu einem „Big Crunch“ kommen wird, denn das Expansionsverhalten unseres Kosmos zielt auf eine „ewige“ Expansion hin - die Expansionsrate nimmt nämlich nicht ab, sie ist auch nicht konstant, sondern nimmt stetig zu. Für diese Entdeckung haben die Astronomen Saul Perlmutter, Brain P. Schmidt und Adam Riess 2011 den Nobelpreis für Physik erhalten. 

Was enthält nun die „Omegapunkt-Theorie“, welche Frank J. Tipler 1994 in seinem vielbeachteten und durch seinen Titel „Die Physik der Unsterblichkeit – Moderne Kosmologie, Gott und die Auferstehung der Toten“ auch schnell zu einem Bestseller gewordenen semipopulären Buch entwickelt hat? Tipler konstruiert darin ein Szenario, mit dem er letztendlich, quasi mit dem Anspruch einer naturwissenschaftlichen Grundlage, die „Wiederauferstehung“ eines jeden von uns – und zwar als „Simulation“ in einem kosmischen Computer – vorhersagt mit der Aussicht auf ein „ewiges Leben“, so wie es die christliche Religion ja auch verheißt. Viele Teile des Buches, soweit sie nicht mit theologischem Vokabular durchmischt sind und sich auf rein wissenschaftliche Teilaspekte wie z. B. Poincarès Theorem der Wiederkehr oder den „Wärmetod“ des Weltalls beziehen, sind durchaus auch für einen Physiker aufschlussreich und regen zum Nachdenken über den Gegenstand an (Hinweis: es ist keine leichte Kost!). Das Gesamtgebäude jedoch, welches der Autor darauf aufbaut, erscheint dann doch ziemlich krude und kann vom wissenschaftlichen Standpunkt aus nicht einmal ansatzweise ernst genommen werden. Die Ausgangsintention scheint eher so gewesen zu sein, dass eine Art „Glaubensinhalt“ vorgegeben wurde (das „Reich Gottes“ nach dem „Jüngsten Gericht“ gemäß der Apokalypse) und der Autor sich scheinbar ernsthaft gefragt hat (obwohl man das bei so einer fachlichen Koryphäe wie Frank J. Tipler eigentlich kaum glauben mag), wie die Natur (Kosmos) beschaffen sein muss und was der Mensch tun muss, damit dieser „Glaubensinhalt“ „am Ende der Zeit“ erfahrbar „wahr“ wird. Die Vermengung zwischen naturwissenschaftlicher Argumentation und eschatologischer Vorgaben, wie sie sich beispielsweise in monotheistischen Religionen wiederfinden, machen jedenfalls die Lektüre nicht einfacher. 

2008 hat er übrigens nachgelegt: „Die Physik des Christentums: Ein naturwissenschaftliches Experiment“. Darin will er zeigen, dass alle „Wunder“ des Christentums naturwissenschaftlich erklärbar sind – von der „Jungfrauengeburt“ über den Spaziergang Jesus über das Wasser des Sees Genezareth bis hin zur Entmaterialisierung des Körpers von Jesus. Die „Lösungen“, die er dabei anbietet, sind aber derart grotesk (er erklärt z. B. das Wandeln Jesus über das Wasser mit einem Neutrinostrahl, der sich unter den Füßen Jesus bildet und nach „unten“ gerichtet ist – einfacher ging es wohl nicht? Wie wär’s mit einem Flyboard?), dass man irgendwann aufhört zu lesen. Von einigen Christen, besonders aus der Kreationistenszene, euphorisch begrüßt, wurde es von seinen Fachgenossen (z. B. Lawrence Krauss, der ansonsten auch gern „spekuliert“) als barer Unsinn bezeichnet, welches der hohen fachlichen Reputation des Verfassers überhaupt nicht gerecht wird (er ist immerhin Professor für mathematische Physik an der Tulane University in New Orleans, der anerkannte und wichtige Beiträge beispielsweise zur Kosmologie geliefert hat).

Mit diesem Buch jedenfalls outet sich Tipler als Anhänger des Christlichen Fundamentalismus, die sich auf die Bibel als wörtlich inspiriertes Wort Gottes (des christlichen wohlgemerkt) berufen. Dieser Fundamentalismus, der insbesondere im sogenannten „Bibel-Gürtel“ der USA weit verbreitet, ja sogar dominant ist (in Form der Evangelikalen), versucht das moderne wissenschaftliche Weltbild wieder zu verdrängen, in dem es auf der Grundlage von Bibelworten eine Gegenposition aufbaut, die gläubige und schlichte Gemüter überzeugen soll. 

Aus dem Problem heraus, dass ihnen nach einem Rechtsstreit ihre Einflussnahme auf das säkularisierte Bildungssystem der USA erschwert ist, entwickelten sie unter dem Deckmantel der Wissenschaftlichkeit eine Gegenposition, die als „Intelligent Design“ bezeichnet wird, um über eine Hintertür doch noch ihre Anschauungen in das staatliche Bildungssystem einschmuggeln zu können. Dabei ist die Methode äußerst raffiniert. In dem man z. B. verlangt, dass sowohl die Darwin’sche Evolutionstheorie als auch die „Theorie des Intelligent Design“ – wobei offen gelassen wird, wer der „Designer“ eigentlich ist (das kann sich ja schließlich jeder selber denken) – gleichberechtigt gelehrt werden, versuchen die Evangelikalen doch noch einen Fuß in die Schulen und Hochschulen zu bekommen. 

„Intelligentes Design“ ist erst einmal eine teleologische Position, die behauptet, das bestimmte Dinge in der Natur (die Evolutionstheorie ist dabei nur ein besonders gern genutztes Feld) besser erklärbar wären, wenn man den steuernden Einfluss eines außerhalb der Natur stehenden, allmächtigen Wesens postuliert. Dazu suchen sich die Anhänger des „Intelligenten Designs“ Phänomene oder Problemstellungen, die von der Wissenschaft noch nicht verstanden oder noch nicht geklärt sind und bieten eine scheinbare Lösung in dem Wirken eines „intelligenten Designers“ an. Und wenn dann die Wissenschaft doch eine einleuchtende und stringente Erklärung gefunden hat, dann wenden sie sich schnell einem neuen, noch nicht gelösten Problem zu. Dabei nutzen sie durchaus wissenschaftliche Methoden, publizieren in der entsprechenden Fachsprache und lassen meist nur im Hintergrund anklingen, dass zur Lösung des Problems nur ein übernatürlicher Einfluss übrig bleibt. Dabei wird das Wort „Gott“ oder anderweitiges religiöses Vokabular möglichst vermieden, damit nicht der Eindruck eines „Lückenbüßergottes“ aufkommt, der immer nur dann bemüht wird, wenn es darum geht, Lücken in einer wissenschaftlichen Argumentationskette zu schließen. 

Das sich die Ideologie des „Intelligent Designs“ gerade die Evolutionstheorie als wichtigstes Betätigungsfeld ausgesucht hat, scheint mehrere Gründe zu haben. In der extremen, quasi wortwörtlichen Auslegung der Bibel, wo es eine Schöpfung in 6 Tagen, einen Noah mit seiner Arche und eine die ganze Welt heimsuchende Sintflut gibt, ist es natürlich durchaus eine Herausforderung, diese Ansichten mit dem, was die Wissenschaft herausgefunden hat, in Einklang zu bringen. Wenn man die Schöpfungsgeschichte, wie sie in der Genesis niedergelegt ist, Wort für Wort für eine nicht zu hinterfragende Wahrheit hält, dann ist natürlich die Darwin’sche Evolutionstheorie mit stetigen Wandel über große Zeiträume hinweg ein natürlicher Feind dieser Auffassungen. In dieser Hinsicht ist die (katholische sowie evangelische mit Ausschluss der „Evangelikalen“) „Amtskirche“ pragmatischer und lässt Glaube Glaube und Wissenschaft Wissenschaft sein, ja, sie erkennt die Evolutionstheorie mittlerweile problemlos an, da sie eine Domäne der Naturwissenschaften ist und die von Glaubensinhalten, die sie in einer anderen Ebene ansiedeln, nicht berührt wird (Johannes Paul II., 1996). Evangelikale Strömungen können und wollen das nicht akzeptieren, weil das auch ihrem ausgeprägten Sendungsbewusstsein und ihrem Alleinvertretungsanspruch für die „göttliche Wahrheit“ widersprechen würde. Mittels der „Theorie“ des „Intelligenten Designs“ versuchen sie quasi eine Gegenposition zur Evolutionstheorie aufzubauen, die den Eindruck erwecken soll, dass sie auch eine „wissenschaftliche“ Position widerspiegelt, die der kanonischen Evolutionstheorie in ihrer Wertigkeit zumindest gleichzusetzen ist. Und gerade das ist sie nicht, denn sie bemüht zur Erklärung gewisser Phänomene etwas, was außerhalb der Naturwissenschaften steht und damit einer Falsifizierung gemäß Karl Popper prinzipiell nicht zugänglich ist. Ziel scheint es zu sein, die wissenschaftliche Evolutionstheorie im Gebäude der Biologie insgesamt zu diskreditieren, in dem man den Eindruck vermittelt, dass sie in deren Rahmen selbst umstritten sei (was sie natürlich nicht ist, denn „Nichts in der Biologie ergibt einen Sinn außer im Licht der Evolution.“ - Theodosius Dobzhansky (1900-1975)). 

Pseudowissenschaften a la Sowjetunion - der Lyssenkoismus


In der Sowjetunion der Stalinzeit wurden auch Pseudowissenschaften gepflegt, soweit sie der herrschenden Ideologie – hier des Kommunismus in Stalinscher Ausprägung – diente. Ein herausragender Repräsentant war dabei der Agronom und Biologe Trofim Denissowitsch Lyssenko (1898-1976), dessen Lehren man heute als „Lyssenkoismus“ bezeichnet. Er war ohne Zweifel einer der höchstdekorierten Wissenschaftler der Sowjetunion: dreimaliger Stalinpreisträger, siebenmal mit dem Leninorden dekoriert, Held a) der „Sowjetunion“ und b) der „Sozialistischen Arbeit“, mehrfacher Deputierter des Obersten Sowjets und - man könnte schon fast sagen „natürlich“ - Präsidiumsmitglied der Akademie der Wissenschaften der UdSSR. Und trotzdem war ein gewichtiger Teil seiner Arbeiten und Erkenntnisse „Cargo-Kult“ im besten Sinne des Wortes. Sein Fachgebiet war die Landwirtschaft, sein theoretischer Unterbau eine modifizierte Form des Lamarckismus - einer Evolutionslehre, die außerhalb der damaligen Sowjetunion so gut wie keine Anhänger mehr hatte - und seine Reputation erwuchs im Wesentlichen aus seiner Beziehung zu Josef Stalin, dessen Repressionsregime er sich nutzbar machte, um nicht nur Konkurrenten im Wissenschaftsbetrieb mundtot zu machen. 

Lyssenko war der Auffassung (ähnlich wie Lamarck), das erworbene Eigenschaften vererbbar sind. Das passte sehr gut zur Irrlehre des „Wissenschaftlichen Kommunismus“, die u. a. davon ausgeht, dass sich durch Erziehung und Indoktrination ein neuer Menschenschlag, die „sozialistische Persönlichkeit“ - oder, genauer, der „Sowjetmensch“, erschaffen lässt, deren damals propagierte Eigenschaften sich von Generation zu Generation weiter vererben. Die „klassische Genetik“ mit den Genen war in dieser Hinsicht natürlich zutiefst „unsozialistisch“ und „bourgeois“, was deren Anhänger in der Sowjetunion der Stalinzeit natürlich in den kommunistischen Kreisen schnell verdächtig machte. Und einmal in den Fängen eines Lawrenti Beria (1899-1953) und seiner Häscher geraten, bedeutete das schnell Verlust der Karrieremöglichkeiten bis hin zu „Sibirien“ und Tod. Und Lyssenko war einer derjenigen, die diesen unvergleichlichen Repressionsapparat für sich nutzte, um Widersacher zu verdrängen, denen er weder charakterlich noch intellektuell gewachsen war und sich selbst in deren Positionen zu schieben. So ist auch leicht verständlich, dass nach Stalins Tod im Jahre 1953 mit Beginn der Aufarbeitung seiner Verbrechen auch der Stern Lyssenkos zu sinken begann. Unter Nikita Chruschtschow (1894-1971) wurde er schließlich als Präsident der Lenin-Landwirtschaftsakademie abgesetzt und seine nunmehr auch von der Staats- und Parteiführung als skurril erkannte Lehre nach und nach aus den Lehrplänen der Schulen und Hochschulen verbannt. Der Lyssenkoismus, der sich einst wie ein Mehltau über die Landwirtschaft der Sowjetunion legte, hatte ausgedient. Dabei war Lyssenko ein durchaus fleißiger Wissenschaftler mit Ideen, der pragmatisch, aber letztendlich auf der Grundlage falscher Überlegungen an die Züchtung neuer Pflanzen heranging. Dabei hatten es ihm insbesondere neue Getreidesorten angetan. So führte er Versuche durch, um aus „Winter-Weizen“ (der bekanntlich einmal überwintern muss) „Sommer-Weizen“ herzustellen, dessen Lebenszyklus auf einen Sommer begrenzt ist und der höhere Erträge erwarten ließ - und das in klimatischen Zonen, wo dessen Anbau gewöhnlich ein Risiko darstellt. Da er davon ausging, dass sich erworbene Eigenschaften vererben, feuchtete er Wintergerstenkörner an, ließ sie keimen und anschließend in Kühlhäusern lagern. Anschließend säte er sie wie Sommergerste aus und stellte fest, dass er aus „Wintergerste“ „Sommergerste“ gezüchtet hat, deren Ertrag den der normalen Sommergerste um mehr als 30% überstieg. Er glaubte, auf diese Weise „Wintergerste“ in „Sommergerste“ umgewandelt zu haben. Diese Züchtungsmethode nannte er „Jarowisation“. Sie erklärt sich durch einen den Botanikern als Vernalisation bekannten Prozess und hat nichts mit der Vererbung erworbener Eigenschaften zu tun. Nach sowjetischen Angaben betrug die Fläche, die 1938 mit jarowisiertem Getreide bestellt war, rund 18 Millionen Hektar und die damit erzielten Ertragssteigerungen waren durchaus beachtlich. Diese anfänglichen Erfolge begründeten seinen Ruf und um ihn begann sich auch so etwas wie ein Personenkult zu entwickeln. Er wurde in der Presse als „Genie“ tituliert, was ihn wiederum beflügelte, eine allgemeingültige „Theorie“ zur Erklärung dieser neuen Zuchtmethode zu entwickeln. Und damit verließ er die Pfade der seriösen Wissenschaft. Als großer Vorteil erwies es sich für ihn, dass seine schlichten Ideen bei Stalin auf offene Ohren stießen. Seine Erfolge wurden hochstilisiert, seine genau so vielen Misserfolge dagegen unter den Teppich gekehrt und seine Kritiker mundtot gemacht. In seinen theoretischen Schriften negierte er den Zufall bei evolutionären Prozessen und begründete das mit Zitaten von Lenin und Stalin. 

Nach Lyssenko stellen die Erbanlagen so etwas wie ein „Konzentrat aus den Umwelteinflüssen“ dar, den das Lebewesen über Generationen ausgesetzt war. Auf dieser völlig falschen Prämisse entwickelte er schließlich eine Art „neuer Biologie“, die zwar ganz auf dem Fundament des „Dialektischen Materialismus“ stand, aber ansonsten mit Biologie an sich nur noch wenig zu tun hatte. Sie fand sogar Eingang in die Schullehrbücher der damaligen Sowjetunion. Darin konnte man lesen, dass es Lyssenko und seinen Mitarbeiter beispielsweise gelungen ist, Kiefern in Fichten und Weizen in Roggen zu verwandeln und das es bald Apfelbäume geben wird, welche selbst in den Kältesteppen Sibiriens eine reiche Ernte versprechen. Der Lyssenkoismus ist vielleicht das Paradebeispiel dafür, wie unter dem Einfluss einer politischen Ideologie Wissenschaft quasi durch ein Dogma ersetzt wird.

Die Tollwut als Wurzel der Homöopathie

Desmodus rotundus (Foto Wikipedia)

Der gebildete Mensch weiß natürlich, dass es auf der Welt durchaus "echte" Vampire gibt, die sich gänzlich unvegetarisch lediglich von Blut ernähren – nämlich die amerikanischen Vampirfledermäuse (Desmodontinae). Sie sind bei den dortigen Farmern nicht gern gesehen, da sie sich des Nachts auf Weidetiere niederlassen und ihnen kleine Wunden zufügen, aus denen Blut fließt, welches sie dann wiederum aufschlecken bzw. einsaugen. Ein Antigerinnungsmittel in ihrem Speichel verhindert, dass das Blut schnell gerinnt und ein „Narkosemittel“, dass das Tier (meist ein Rind) davon möglichst nichts bemerkt. 

Von den drei bekannten Vampirfledermausarten fällt nur ab und an der „Gemeine Vampir“ auch mal einen Menschen an. Aber dass er ihn dabei gänzlich aussaugt, wie man es den untoten Vampiren a la Dracula nachsagt, ist natürlich eine Mär. Pro Mahlzeit nimmt eine derartige Fledermaus lediglich um die 20 Milliliter Blut auf (entspricht ungefähr dem Inhalt eines kleinen Hühnereis), welches es dann anschließend erst mal in Ruhe verdauen muss. Der Blutverlust, den Mensch und Nutztier durch Fledermausbesuche erleiden, ist deshalb relativ unbedenklich.

Was nicht unbedenklich ist, ist die unerfreuliche Tatsache, dass Vampirfledermäuse ideale Überträger der fast immer tödlich verlaufenden Tollwut sind. Man schätzt, dass pro Jahr deswegen weit über 50.000 Rinder und um die 20 Menschen allein in Brasilien an dieser äußerst gefährlichen Virusinfektion sterben. In Deutschland scheint diese Krankheit (soweit es nicht um die spezielle Fledermaus-Tollwut handelt) seit 2008 ausgestorben zu sein, was wiederum zu den eher erfreulichen Nachrichten gehört. Denn gegen die Tollwut gibt es bis heute keine Heilmittel die helfen, sobald die Krankheit einmal ausgebrochen ist. Man kann sich aber durch eine vorbeugende Impfung dagegen schützen. 

Oder aber durch homöopathische Mittelchen, wie schon vor über 170 Jahren der berühmte Homöopath Constantin Hering (1800-1880) herausgefunden haben will und wie die Werbung von diversen „Naturheilkundlern“ großmundig verspricht. Auf seine „Heringsche Regel“ berufen sie sich noch heute (neben dem sogenannten „Ähnlichkeitsgesetz“), um ihrer Lehre so etwas wie einen wissenschaftlichen Anstrich zu verleihen. 

Aus der Beobachtung heraus, dass tollwütige Katzen oder Hunde (aber auch Menschen) mit zunehmendem Krankheitsverlauf eine Angst vor Wasser entwickeln, kam C. Hering 1833 auf die geniale (im wirtschaftlichen Sinn!) Idee, Hundespeichel (der ja auch flüssig ist) entsprechend zu verdünnen, um daraus eine „Tollwut-Nosode“ zu machen, die nicht nur in der Tierheilkunde, sondern auch in der „Naturheilkunde“ eingesetzt werden kann. Denn wie jedes homöopathische Arzneimittel wirkt es universell gegen alle möglichen Gebrechen, so gegen Tollwut, Epilepsie, Hydrophobie (!), Kopfschmerzen, Arthritis … Harnwegsinfektionen, allgemeine Phobien, bei Frauen Scheidenkrämpfe sowie, man höre und staune, sogar gegen Zorn- und Wutausbrüche à la Klaus Kinsky etc. pp. Auch hier kommt es natürlich in erster Linie auf die Verdünnung an. Denn je weniger Wirkstoff das Mittelchen enthält (hier Hundespucke), desto größer die Wirkung und desto teurer das Präparat. 

Diese Wirkungssteigerung erzielt der erfahrene Homöopath bekanntlich durch den Akt des „Potenzierens“. Darunter versteht man den Vorgang, eine „Ursubstanz“ auf eine bestimmte Art und Weise entweder mit destilliertem Wasser, Milchzucker oder Ethylalkohol immer weiter zu verdünnen, bis der gewünschte Verdünnungsgrad erreicht ist. Eine gängige Maßeinheit dafür ist die D-Potenz (Dezimalpotenz). Sie sagt aus, dass bei jedem Arbeitsschritt immer auf 1/10 verdünnt wird. Die Potenz D21 entspricht dann (d. h. nach 21 entsprechenden Verdünnungsschritten) bereits einer Verdünnung von 1 zu einer Trilliarde – eine übrigens durchaus übliche Verdünnung „homöopathisch“ wirksamer Substanzen. 

Aber was bedeutet das eigentlich? Um das Herauszufinden, empfehle ich folgenden kleinen unkomplizierten Versuch, vielleicht begleitet mit ein paar elementaren Rechnungen mit einem Taschenrechner. Denn nach der reinen Lehre soll sich ja die Wirkung einer homöopathischen Substanz erhöhen, je mehr man sie verdünnt. Als Einheit verwenden wir hier sogenannte C-Potenzen, wo bei das „C“ für „Centesimalpotenzen“ steht, denn in diesem Fall wird bei einem Schritt genau auf 1/100 verdünnt. Die Zutaten sind etwas Prima Sprit (oder ein hochprozentiger Schnaps wie beispielsweise der berüchtigte 80%ige Stroh-Rum) sowie 1,2 Liter Leitungswasser (wenn Sie das Leitungswasser zuvor noch in gesundes und vitales Bergquellwasser umwandeln möchten, dann empfehle ich Ihnen den VitaJuwel-Edelsteinstab für schlappe 49,90 € zum umrühren und gleichzeitigem „Vitalisieren“ des Wassers à la Grander). Als Equipment benötigen wir außerdem noch 12 normale Trinkgläser (wir wollen uns nur bis zu einer C12-Potenzierung des Alkohols vorwagen), die alle jeweils mit 1/10 Liter Wasser gefüllt werden. Des Weiteren wird noch eine Pipette benötigt, die es erlaubt, jeweils 1 Milliliter (=1/1000 Liter) Flüssigkeit aufzunehmen.

Und nun kann der Versuch beginnen. Man fülle die Pipette als Erstes mit 1 Milliliter Schnaps und übertrage deren Inhalt in das erste Wasserglas, welches man anschließend jedoch nicht schnöde umrühren, sondern auf eine bestimmte Art und Weise schütteln sollte (man erinnere sich, nach Johann Grander hat Wasser ein „Gedächtnis“, das sich durch artgerechtes Schütteln auffrischen lässt). Danach entnimmt man mit der genannten Pipette eine Probe von wiederum 1 Milliliter aus dem ersten Wasserglas und entleere sie in das zweite Wasserglas (schütteln nicht vergessen!). Dann entnimmt man eine Probe aus dem zweiten Wasserglas und entleert es in das Dritte. Diesen Vorgang müssen sie nun solange wiederholen, bis sie im 12. Wasserglas endlich die gewünschte C12-Potenzierung des Schnapses erreicht haben. Und dann zum Wohl! Aber Vorsicht, denn laut der homöopathischen Lehre sollte sich jetzt ein viel stärkeres „beschwipst sein“ einstellen als beim Genuss der gleichen Menge „Ursubstanz“. Probieren Sie es einfach aus, denn Empirie siegt doch gewöhnlich über Theorie. 

Doch was bedeuten diese Verdünnungsstufen nun ganz konkret, quasi „naturwissenschaftlich“ nachgefragt. Hier hilft der Taschenrechner weiter. Und damit ergeben sich folgende, durch Vergleiche etwas anschaulicher gemachte Ergebnisse: C1-Potenzierung – eine Flasche Schnaps verdünnt mit dem Inhalt einer Badewanne; C2-Potenzierung – eine Flasche Schnaps verdünnt mit dem Inhalt eines Tankwagens voller Wasser; C3-Potenzierung – eine Flasche Schnaps verdünnt mit dem Wasserinhalt eines Schwimmbeckens; C4-Potenzierung – eine Flasche Schnaps, verdünnt mit dem Inhalt eines mit Wasser beladenen Großtankers; C5-Potenzierung – eine Flasche Schnaps gekippt in den Erie-See; … ; C9-Potenzierung – eine Flasche Schnaps in den Ozean gekippt; … C12-Potenzierung – eine Flasche Schnaps verdünnt in Wasser mit dem Volumen des Planeten Jupiter. Ob man davon wirklich noch besoffen wird? Immerhin ist die Chance, eine ziemlich große Menge Ethylalkoholmoleküle aus der „Ursubstanz“ im letzten Wasserglas zu finden, noch durchaus gegeben. Aber bei C12 macht natürlich kein echter Homöopath halt. Erst ab C24 kann man wirklich sicher sein, dass das Wasserglas nicht mal mehr ein Ethylalkoholmolekül aus der ersten Pipette enthält. Aber C75 sollte es schon sein – eine Flasche Schnaps verdünnt in Wasser mit dem Volumen unseres überschaubaren Universums! Gebräuchliche C-Potenzen in der Homöopathie sind übrigens C6, C12, C30, C200 und C1000. Bei manchen Gebrechen ist es aber durchaus angesagt, noch höhere Potenzen eines geeigneten homöopathischen Mittels zu verschreiben. Hier werden häufig die C10.000 und die C100.000 verwendet. Man sagt, solche hohe Potenzen arbeiten auf einer besonders tiefen geistigen Ebene. Und dem kann man nach dem eben gesagten eigentlich nur beipflichten. 

Jetzt versteht man auch, warum homöopathische Mittel nicht unter die Arzneimittelgesetze sondern nur unter die Lebensmittelgesetze fallen. Denn etwas, was keine oder so gut wie keine Wirkstoffe enthält, kann nach allen menschlichen Erfahrungen auch nicht gegen oder auf irgendetwas „wirken“. Aber es ist natürlich jedem unbenommen, an eine derartige „Wirkung“ zu glauben (was aber bei Haustieren offenbar so nicht funktionieren kann, obwohl Tierärzte gern einmal ein paar „Globuli“ für Hund und Katze für teures Geld verkaufen). Wenn Sie also bei einem Urlaub in südliche Gefilde (insbesondere Balkan und Türkei sowie außerhalb Europas beispielsweise Marokko) zufällig von einem Hund gebissen werden, sollten sie eher eine schnelle Impfung gegen Tollwut in Erwägung ziehen als stattdessen „Tollwut-Nosode“ zu schlucken. Wenn sie im letzteren Fall überleben sollten, können sie sicher sein, dass es nur daran gelegen hat, dass der „Hund“ gar nicht tollwütig war. Denn man ist bei einer erfolgreichen Infektion gewöhnlich, beginnend mit dem ersten Auftreten der Tollwut-Symptome, innerhalb von 7 Tagen mit so gut wie 100 prozentiger Sicherheit tot. 

Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass es neben dem hoch infektiösen Rabiesvirus, dem Verursacher der Tollwut, noch eine nicht pathogene Form von ihm gibt. Auch sie kann sich entlang der Nervenbahnen bis in das Gehirn hangeln, nur dass sie dort keine tödlich verlaufende Gehirnhautentzündung hervorruft. Das nutzen übrigens einige Gehirnforscher aus, um damit die neuronale Verschaltung bestimmter Gehirnabschnitte aufzuklären. Und gerade hier gibt es noch sehr viel zu erforschen.

Hinweis: selbstverständlich kenne ich den Placebo-Effekt. Er wirkt auch anderweitig, d. h. ohne homöopathische Globuli (man muss nur daran glauben). Eine interessante Methode, die hier und da kolportiert wird, ist das dreimalige hinwegspringen über eine tote Katze... (möglichst schwarz).