Die Tulpenblase...


Nicht mit „Blüten“, wie man vielleicht meinen könnte, sondern mit echten „Tulpen“ hatte eine ganz spezielle Bankenkrise zu tun, die als Platzen einer ersten wirklich großen Finanz- und Spekulationsblase in die Bankengeschichte eingegangen ist. Sie betraf auch nicht Portugal (wo einst ein gewisser Artur Virgílio Alves dos Reis (1898-1955) sich hat "echte" (und keine falschen) Blüten mit dem Antlitz Vasco da Gamas hat drucken lassen), sondern die Niederlande, und zwar in den Jahren 1637 / 1638. Und so kam es dazu: Die Niederlande gelten noch heute als das Land der Tulpen. Wenn man im Frühling durch das flache Land reist (insbesondere die Gegend um Keukenhof ist hier zu nennen), fallen einen überall die  farbenprächtigen Tulpenfelder auf. Sie zeugen von einer besonderen Vorliebe der Holländer für diese ursprünglich aus der Türkei (Osmanisches Reich) und Iran (Persien) stammenden Zierblume, die es mittlerweile – durch den Fleiß holländischer Gärtner – in unüberschaubar vielen Farb- und Mustervarianten ihrer Blüten gibt. 

Nachdem sie Mitte des 16. Jahrhunderts nach Mitteleuropa gelangte, dort die ersten Schlossgärten (z. B. in Wien) zierten und man deren Zwiebeln leicht an Interessierte verteilen bzw. verkaufen konnte, wurde sie schnell zu einer begehrten Handelsware. Viele Gärtner, besonders in den Niederlanden, begannen verschiedene Tulpen-Varianten untereinander zu kreuzen um auf diese Weise neue, zuvor noch nie gesehene Farb- und Mustervarianten zu züchten. Irgendwann begannen Blumenliebhaber immer mehr Geld für Tulpenzwiebeln auszugeben. Es entstand eine Schwärmerei, die sich darin äußerte, dass wohlhabende Bürger eigene Tulpengärten anlegten, sich zu Vereinen und Tauschgemeinschaften zusammenschlossen und sich daraus ein reger Handel mit Tulpenzwiebeln entwickelte, die umso höhere Preise erzielten, je raffinierter die Form der Blüten, ihre Farbe und ihre Farbmuster waren. Tulpenzwiebeln mauserten sich in manchen Kreisen zuerst zu Sammelobjekten, dann immer mehr zu einer neuen Art von Wertanlage, die sich durch Züchtung weiter leicht vergrößern ließ. Der Tulpenhandel wurde Anfang des 17. Jahrhunderts in den Niederlanden zu einem schnell wachsenden Wirtschaftsfaktor. Die ersten farbigen Versteigerungskataloge wurden gedruckt (die sogenannten „Tulpenbücher“), manche Kriminelle finanzierten sich durch den Diebstahl von Tulpenzwiebeln (was wiederum dem Sicherheitsgewerbe Auftrieb gab), und – etwa ab 1634 – entdeckten schließlich Spekulanten die Tulpenzwiebel als ideales Spekulationsobjekt. Nun begannen auf einmal Finanzjongleure Tulpenzwiebeln aufzukaufen – nicht etwa, um ihre eigenen Gärten im Frühjahr mit farbenprächtigen Tulpen zu schmücken, sondern um sie bei Versteigerungen mit Gewinn weiterverkaufen zu können. Bereits 1623 erzielten einzelne Zwiebeln besonders seltener Tulpen bis zu 1000 Gulden. Das entsprach etwa dem sechsfachen Jahresverdienst eines einfachen Handwerkers zu jener Zeit. 

Mit den Preisen entwickelte sich die Tulpe vom Liebhaberobjekt zum Statussymbol. mit dem sich in gewissen Kreisen wunderbar angeben ließ (so wie heute mit einem Porsche). Eine Zwiebel der gleichen Sorte Tulpen, die 1623 noch 1000 Gulden kostete („Semper Aurora“), kostete im Jahr 1629 bereits 5000 Gulden. Und die Preise stiegen weiter. Immer mehr wohlhabende Leute steckten ihr Geld in Tulpenzwiebeln, die sie bei den damals häufigen Auktionen ersteigerten. Bald gab es Tulpen-Derivate, es wurden Anteilscheine auf Tulpenzwiebeln ausgegeben, kreative "Wertpapiere" auf Tulpenbasis wurden erfunden und wenn man genügend Gulden hatte (für drei Tulpenzwiebeln einer besonders seltenen Farbvariante konnte man in Amsterdam ein ganzes Haus kaufen), konnte man auch handelbare Bezugsrechte erwerben. Man erfreute sich nicht mehr an einer aufgeblühten Tulpe, sondern presste sie (natürlich ohne Zwiebel), um dem Käufer zu zeigen, was er im Folgejahr von seinem Kauf zu erwarten hatte. Das war wiederum die Basis für Termingeschäfte, bei denen man bereits mit Zwiebeln handeln konnte, die noch in der Erde steckten. Neben den Sortenbezeichnern steckten Schilder mit den Schuldscheinen der zukünftigen Eigner der Zwiebeln im Boden der Tulpenbeete. Das konnte natürlich nicht lange gut gehen. Irgendwann fanden sie nämlich keine Käufer mehr, die entsprechend viel Geld aufbringen konnten – die „Tulpenblase“ platzte. Und genau das geschah im Jahr 1637. Die Auktionserlöse blieben immer mehr unter dem festgelegten Einstiegswert bis dann schließlich keine der angebotenen Tulpenzwiebeln mehr den Betrag erzielte, zu der sie einst erworben wurden. Der Preisverfall erfolgte so rasant, dass viele davon Betroffene von einem Tag zum anderen ihr ganzes Vermögen verloren – und wenn sie zuvor die Tulpenzwiebel auf Pump gekauft hatten, waren sie auf einmal in der Schuldenfalle gefangen. Dieser Crash begann die ganze Wirtschaft der Niederlande zu gefährden, so dass sich die Regierung zu der Verfügung veranlasst sah zu sagen, dass Tulpen nicht mehr als Spekulationsobjekte, sondern nur noch als normale Waren zu betrachten sind, die in bar bezahlt werden müssen. 

Die Entstehung der Preisblase, die mit dieser „Tulpomania“ verbunden war, wurde wahrscheinlich durch eine inflationäre Geldpolitik begünstigt. Denn in Holland trafen sich die Geldströme von Gold und Silber aus ihrem ausgedehnten Kolonialreich, um hier umgemünzt zu werden. Diese wachsende Geldmenge, die sich besonders in den Händen reicher Kaufleute ("Pfeffersäcke") konzentrierte, suchte einfach nach Anlegemöglichkeiten. Und hier traf es zufällig die Tulpe, die sich in Form, Farbe und Zeichnung von allen anderen damals zu Zierzwecken gezogenen Blumen unterschied. Der unvermeidliche Crash hatte durchaus einschneidende Auswirkungen auf die Volkswirtschaft der damaligen Niederlande (es wird von vielen Konkursen in den Jahren 1637/38 berichtet). Es kam auch vermehrt zu Selbstmorden. Jemand, der zuvor noch „stinkreich“ war, sah sich in der Gosse wieder, wie es ein bekannter Börsenspekulant einmal formuliert hat. Aber der Crash hielt sich wahrscheinlich trotzdem in Grenzen, da er durch die Wirtschaftskraft in den Kolonien weitgehend aufgefangen werden konnte. Aber als Lehrbuchbeispiel für einen Börsencrash, bei dem eine Spekulationsblase platzt, kann er heute immer noch dienen. Man braucht nur die "Tulpe" durch "Immobilie" oder "Dotcom" zu ersetzen, und man ist in der Gegenwart angekommen. 

Holland ist auch heute noch das „Tulpenland“ schlechthin, obwohl es mittlerweile von ausländischen Tulpenproduzenten, die insbesondere aus Afrika stammen, stark unter Druck gesetzt wird. So kam es im Jahre 2002 zu einem empfindlichen Preisverfall, bei der in den Niederlanden einige Tulpenproduzenten Pleite gegangen sind. Ohne Zweifel sind die holländischen Gärtner bis heute „die“ Tulpenzüchter an sich geblieben. Jedes Jahr kommen zu den rund 1200 Sorten, die regelmäßig angebaut werden, neue hinzu.


















Keukenhof, Aufnahmen Rainer Gründel

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